Ein Ahrensburger leidet unter seinem Schicksal. Sebastian Kohn ist von einem Pastor missbraucht worden. Bischöfin Jepsen ist informiert.

Ahrensburg. Sein Schicksal und das weiterer Opfer sorgt in diesen Tagen für Aufruhr in der Nordelbischen Kirche. Dass Sebastian Kohn und andere Jugendliche von einem Ahrensburger Pastor sexuell missbraucht wurden, ist 25 Jahre her. Doch mit der Aufklärung befasst sich die Kirche erst jetzt. "Ich fühle mich stärker, seit mein Schicksal bekannt ist", sagt der 42-Jährige dem Abendblatt.

Die Wunden, die es zu heilen gilt, sind tief. Er ist 14, als Pastor Dieter K. ihn während einer Jugendfreizeit das erste Mal sexuell missbraucht. Er reist als Geschwisterkind mit, sein älterer Bruder Markus gehört zur kirchlichen Jugendgruppe. Sebastian vertraut sich danach niemandem an. "Ich versuchte mich mit Wein zu betäuben", sagt er. Sein Bruder Markus hat in dieser Zeit ein Verhältnis mit dem Geistlichen, doch davon erfährt Sebastian erst viele Jahre später.

1984 wird Pastor Dieter K. sein Stiefvater - und der Missbrauch zum Dauerzustand. Die fünffache Mutter zieht mit ihren zwei jüngsten Söhnen ins Pastorat im Gemeindebezirk Kirchsaal Hagen. "Bis zu meinem 19. Lebensjahr hat er an mir herumgefummelt und mich angeleckt", sagt Kohn.

Dann zieht er Hals über Kopf aus, weil er die Übergriffe nicht mehr erträgt. Seine Mutter erfährt, warum. Und bleibt noch zwei Jahre bei dem Kirchenmann. "Das hatte finanzielle Gründe", sagt ihr Sohn. Auch wenn Sebastian danach noch regelmäßig Kontakt zu ihr hat, bleibt der Missbrauch ein Tabuthema: "Das war ihr viel zu peinlich." Sebastian erfährt nach seinem Auszug, dass zwei seiner Brüder in der Jugendgruppe ebenfalls Opfer des Geistlichen waren. "Ich denke, dass er in jeder von ihm betreuten Jugendgruppe in dieser Richtung aktiv war", sagt Kohn. Sein Stiefvater arbeitet auch am Ahrensburger Gymnasium Stormarnschule als Religionslehrer. "Ich habe erlebt, dass er Schüler mit nach Hause nahm. Dort hat er mit Schülerinnen und Schülern rumgeknutscht und an ihnen herumgefummelt", erinnert sich der Stiefsohn an seine Zeit im Pastorat. Dabei sei meist viel Alkohol getrunken worden.

Sebastian fehlt der Mut, gegen den geschätzten Kirchenmann vorzugehen. Stattdessen kämpft der 19-Jährige um Normalität nach dem überstürzten Auszug. Er lebt bei seinem älteren Bruder Ulrich in Hamburg und macht 1988 sein Abitur. Nach dem Zivildienst beginnt er 1990 ein Studium, Mathematik und Chemie auf höheres Lehramt. Im selben Jahr stirbt sein Bruder Ulrich an einer Überdosis einer Droge. "Ich habe extrem viel fürs Studium getan, um mich abzulenken von der Trauer", sagt Kohn. Und er greift immer wieder zur Flasche. "So war ich gepolt seit meinem 14. Lebensjahr, das war meine Überlebensstrategie." Am Ende des Studiums, 1995, stirbt der zweite Bruder, Markus, an Aids. "Das war dann wohl zu viel für mich", sagt Kohn, "ich war ausgepowert." Er fällt durchs Examen.

Er schlägt sich mit Nachhilfejobs durch. 1998 kommt seine Tochter zur Welt. Sie habe seinem Leben neuen Sinn gegeben, sagt der zweifache Vater heute. Doch heilen kann sie ihn nicht. Kohn: "In Stresssituationen holte mich die Vergangenheit ein, ich reagierte dann nicht angemessen, sondern sehr aggressiv."

1999 wendet sich eine Frau an ihn, die Anfang der 80er-Jahre in einer Jugendgruppe von Pastor K. war. Sie sei selbst jahrelang Opfer gewesen und wolle die Pröpstin darüber informieren. Sebastian erklärt sich bereit, dass sein Name als Opfer genannt werden dürfe. "Aber niemand von der Kirche meldete sich bei mir", sagt er. Außer einer Versetzung nach Neumünster hatten die Vorwürfe keine Folgen für Pastor K.

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Sebastian bekommt seine Alkoholsucht 2005 mit einer Therapie in den Griff. Erst 2009 werden auch seine Depressionen therapiert. Seine Ehe scheitert dennoch. Seit einem Jahr hat er eine neue Partnerin: "Ohne sie hätte ich das alles jetzt nicht machen können."

Im März dieses Jahres schreibt die Frau von 1999 einen Brief an die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen. Sebastian Kohns Name steht auch darin. Jetzt, elf Jahre nach der ersten Offenbarung, hört das Landeskirchenamt die Opfer. Einige finden sich zu einer Selbsthilfegruppe zusammen.

Kohn schaltet die Abendblatt-Regionalausgabe Stormarn ein. Auf Nachfrage bestätigt die Nordelbische Kirche das laufende Ermittlungsverfahren gegen Pastor K. wegen sexuellen Missbrauchs mehrerer Jugendlicher von Ende der 70er- bis in die 80er-Jahre.