Zwanghaftes Sammeln

Wenn Tierliebe beim Menschen krankhaft wird

Beim Animal Hoarding sammeln Menschen zwanghaft Tiere - oft mehr, als sie noch richtig versorgen können.

Hamburg. Hunderte Wellensittiche, die in einer winzigen Wohnung frei umherfliegen und Lampenschirme, Stuhllehnen und Regalböden dicht an dicht bevölkern. Dutzende Katzen, die mangels Alternative in jeder Ecke eines Hauses ihre Notdurft verrichten. Oder Massen von verwahrlosten Hunden, die mit zu wenig Nahrung und ohne medizinische Versorgung in engen Verschlägen dahinsiechen. Wenn Menschen sich mehr Tiere halten, als sie angemessen versorgen können, dann kann die anfängliche Tierliebe schnell zum ernst zu nehmenden Problem werden. Animal Hoarding, das zwanghafte Sammeln von Tieren jeglicher Art, ist ein Phänomen, das hierzulande noch nicht allzu gut erforscht ist. Nachdem in den USA bereits Anfang der 1990er-Jahre erste Forschungsergebnisse präsentiert worden sind, erschien unlängst erstmals eine Studie zur aktuellen Situation in Deutschland.

Die Tiermedizinerin Tina Sperlin hat im Rahmen ihrer Dissertation Fragebögen an bundesweit rund 400 Veterinärämter gesendet. Bei dieser 2010 durchgeführten Befragung gaben 219 Veterinärämter Rückmeldung über insgesamt 625 Tierhortungsfälle. Mehr als die Hälfte aller Ämter wurden demnach bereits mit entsprechenden Fällen konfrontiert, viele von ihnen sogar mehrfach.

Auch in Hamburg haben die Mitarbeiter des Hamburger Tierschutzvereins immer wieder mit Fällen von Tierhortung zu tun. Dabei enden katastrophale hygienische Umstände sowie mangelnde Pflege und Versorgung nicht selten in einer völligen Verwahrlosung von Mensch und Tier. "Die Wohnungen sind meistens in einem total heruntergekommenen Zustand, komplett verdreckt und zugekotet. Die Tiere laufen überall herum oder verstecken sich zwischen Müll, Dreck und Kleiderbergen", berichtet der Tierrettungsfahrer Thorsten Hinsch vom Tierheim des Hamburger Tierschutzvereins an der Süderstraße.

Wenn ein solcher Fall gemeldet wird und die Behörde sich zum Einschreiten entschließt, sind die Tierschützer immer mit dabei. Ihre Aufgabe ist es dann, die Tiere in der Wohnung oder dem Haus des Betroffenen einzufangen und mitzunehmen. Zumindest vorübergehend kommen die Tiere dann im Tierheim an der Süderstraße unter und werden dort medizinisch versorgt.

Gegen die Betroffenen können durch die Amtstierärzte der Verbraucherschutzämter Tierhaltungsverbote ausgesprochen werden. Je nach Härte des Falls werden die Verbote in verschiedenen Abstufungen ausgesprochen: Bei einem generellen Verbot wird dem Betroffenen die Tierhaltung grundsätzlich untersagt. Bei Teilverboten wird die Haltung einer bestimmten Tierart verboten, oder aber dem Betroffenen wird nur ein Teil seiner Tiere abgenommen. In Hamburg fallen Animal-Hoarding-Tierschutzfälle in den Zuständigkeitsbereich der Abteilungen für Veterinärwesen der jeweiligen Bezirksämter, die dann wiederum die zuständigen Amtstierärzte benachrichtigen.

Nach Angaben des Bezirksamts Altona sind in Hamburg drei bis sieben Fälle von Animal Hoarding im Jahr zu verzeichnen. Die Zahl der betroffenen Tiere allerdings ist aus den gegebenen Gründen deutlich höher. Die Tiere, die oft auf viel zu engem Raum gehalten werden, befinden sich typischerweise in einem schlechten Pflegezustand, sind teilweise krank und unterernährt. Zumeist seien in Hamburg Hunde, Katzen oder Kleintiere betroffen, heißt es vonseiten der zuständigen Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. Fälle von Animal Hoarding würden in Hamburg jedoch statistisch nicht erfasst, da es sich bisher nur um Einzelfälle handele. So lässt sich keine Aussage darüber treffen, ob beispielsweise bestimmte Personengruppen oder Altersklassen besonders betroffen sind.

Laut dem Hamburger Psychologen Dr. Elmar Basse können die Ursachen für das Animal Hoarding zwar durchaus vielfältiger Natur sein, jedoch blicken viele der Betroffenen bereits auf eine entsprechende Leidensgeschichte zurück: Sie neigten schon, noch bevor sie mit dem Sammeln von Tieren begonnen haben, zu einer generellen Zwanghaftigkeit, die sich wiederum nicht selten im Sammeln von Dingen äußert. "Meist sind tendenziell eher introvertierte Menschen betroffen. Bei Animal Hoardern sind die sozialen Kontakte stark eingeschränkt, wobei Ursache und Wirkung hierbei einhergehen. Die soziale Isolation wird von den Betroffenen in der Regel allerdings nicht unbedingt als Belastung empfunden", erläutert Basse.

Problematisch ist, dass entsprechende Fälle nicht immer ganz einfach zu erkennen sind. Die Grenze zwischen der harmlosen Haltung mehrerer Tiere und dem krankhaften Sammelzwang kann fließend sein. Zudem ist es immer auch eine individuelle Frage, ab wann ein Tierhalter mit einer bestimmten Anzahl von Tieren überfordert ist und die tiergerechte Haltung nicht mehr gewährleistet werden kann.

Animal Hoarding gilt in Deutschland nicht als anerkannte Krankheit, denn "die Betroffenen empfinden, anders als andere unter Zwangsstörungen leidende Menschen, keinen Leidensdruck. Die Beeinträchtigungen, die mit dem Sammeln von Tieren einhergehen, werden nicht als Belastung begriffen. So glauben die Betroffenen vielmehr, sie würden den Tieren etwas Gutes tun", erläutert Psychologe Elmar Basse.

Ein Leidensdruck entstehe bei den Betroffenen erst dann, wenn ihnen das Gesammelte, also ihre Tiere, weggenommen würde, sagt Basse weiter. Diese Erfahrung hat auch Tierrettungsfahrer Hinsch gemacht. Die Betroffenen seien zwar mit der Situation und den Tieren völlig überfordert, verstünden sich aber dennoch als die eigentlichen Tierschützer. Außenstehende Helfer erscheinen ihnen als feindselig, da sie ihnen doch die geliebten Tiere entwenden wollen. "Die schlechten Zustände und die Unordnung in der Wohnung versuchen die Betroffenen oftmals zu rechtfertigen, indem sie etwa behaupten, dass sie gerade aufräumen wollten, als die Tierschützer vor der Tür standen", berichtet Thorsten Hinsch.

Als für das Veterinärwesen zuständige Institution betrachtet die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz die Fälle von Animal Hoarding in erster Linie aus tierschutzrechtlicher Perspektive. Die betroffenen Menschen werden gegebenenfalls durch die Gesundheitsämter betreut, unterliegen jedoch keiner grundsätzlichen Behandlungspflicht. Den meisten fehlt die Krankheitseinsicht, weshalb eine angemessene ärztliche, beziehungsweise psychologische Betreuung bei einem Großteil der Fälle ausbleibt.

Elmar Basse rät in Verdachtsfällen deshalb zur behutsamen Kontaktaufnahme. "Die Betroffenen sollten nicht eingeschüchtert werden. Möglicherweise kann es gelingen, das Gespräch zu suchen und ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Dann könnte man versuchen, die betroffene Person auf die Missstände hinzuweisen und dazu zu bewegen, aus eigener Überzeugung einen Therapeuten aufzusuchen", so der Psychologe.