Korrespondenzen: Werkstatt-Bilder von Adolph Menzel und Lois Renner

Die Erfahrung des Fragmentarischen

Die Kunsthalle stellt Menzels "Atelierwand" Arbeiten des Österreichers gegenüber.

Die Werkstatt des Künstlers - kein ungewöhnliches, aber ein dennoch eher seltenes Motiv in der Kunstgeschichte. Mit der "Atelierwand" von Adolph von Menzel (1815-1905) besitzt die Hamburger Kunsthalle eine seiner prominentesten Darstellungen. Das Bild mit den dramatisch von unten beleuchteten, an einer Wand hängenden Abgüssen ist die zweite Variante (1872) des Berliner Künstlers. Zusammen mit der ersten von 1852 bildet sie jetzt in einer Ausstellung den historischen Gegenpol zu Bildern eines aktuellen "Atelier"-Künstlers, zu Arbeiten des Österreichers Lois Renner. Seit Beginn der 90er-Jahre fotografiert Renner Einsichten in Modelle seines Ateliers.

Menzels beide "Atelierwände" markieren einen entscheidenden Bruch in der Kunst des 19. Jahrhunderts. Die Köpfe, Totenmasken, Torsi und Naturabgüsse, die hier lose über- und nebeneinandergereiht an der Wand hängen, wirken wie Versatzstücke einer ehemals einheitlich gedachten Weltordnung. In ihnen artikuliert sich die Erfahrung des Fragmentarischen, ebenso die der Gleichheit der Dinge untereinander, indem Zitate von der Antike bis zur Gegenwart ebenbürtig an dieser Wand koexistieren.

Mehr als hundert Jahre später findet Lois Renner im Motiv "Atelier" sein werkübergreifendes Thema. Genauer: im verkleinerten Modell seines Salzburger Ateliers, das er mit immer wieder neuem Inventar bestückt fotografiert und anschließend auf metergroßen Abzügen ins Bild rückt. In ihnen verwandelt sich sein Atelier in eine Bühne, auf der andere Akteure als bei Menzel, aber bereits in dessen Jahrhundert geborene Kontrahenten ihren Auftritt erleben: das ungleiche Paar von Malerei und Fotografie. Gleichwohl hier alles munter prosaisch daherkommt, eine Unordnung aus Leitern, Werkzeug, Rahmen, Tischen, gelegentlich auch Musikinstrumenten den ersten Eindruck der Fotografien bestimmt, nehmen Malerei-Zitate einen großen Raum ein: Meisterwerke der Kunstgeschichte, Pinsel, Staffeleien, Leinwände und Keilrahmen. Und wie bei Menzel ebenso Schädel oder andere Vorlagen aus dem Fundus des Malers.Gelernt hat Lois Renner die Malerei bei Gerhard Richter, und noch heute zieht er es vor, "lieber Maler-Fürst als Foto-Graf" zu sein. Doch geht es ihm dabei weniger um das Handwerk der Malerei als um ihren brüchig gewordenen Schöpfungs-Mythos, um den Maler als Schöpfer, seine Werkstätte als Tatort, den er mit fotografischemBlick in das Innenleben des Ateliers inszeniert. Adolph Menzels "Atelierwände" zeigten andere Grenzlinien der Malerei auf, den Bruch mit tradierten Bildkonventionen. Was aber den Alten mit dem Jungen im Motiv "Atelier" eint, ist der Einblick in das Selbstverständnis des Künstlers.

Umrahmt wird die Gegenüberstellung der Arbeiten mit Text-Zitaten des ehemaligen Kunsthallendirektors Werner Hofmann. Darin artikuliert sich nicht nur eine Hommage an seine Schriften zu Menzel - die "Atelierwand" als "verschlüsseltes Manifest" - , sondern ebenso Glückwünsche zum 80. Geburtstag im August.


Adolph von Menzel und Lois Renner: Die Atelierwand Kunsthalle, Kuppelsaal. 9.8.-2. 11., Di-So 10-18, Do bis 21 Uhr.

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