Amoklauf

Winnenden - eine Stadt hat lebenslänglich

Foto: AP

Hardy Schober verlor beim Amoklauf seine Tochter. Polizist Tobias Obermüller war zuerst am Tatort. Psychologe Thomas Weber betreut die Schüler.

Winnenden. Der Mensch reagiert auf Krisensituationen, indem er kämpft oder flieht. Das Fatale an einem Trauma ist, dass der Mensch es weder bekämpfen noch davor fliehen kann. Das Entsetzen, die Wut, die Trauer, die Erschöpfung sind eingefroren. Winnenden ist traumatisiert, und der Ort, an dem das Entsetzen, die Wut, die Trauer, die Erschöpfung gefroren und wie eine hartnäckige Eisschicht an der Stadt haften blieben, liegt in der Albertviller Straße 32.

Hier starb Hardy Schobers Tochter. Hier riskierte Polizeihauptkommissar Tobias Obermüller sein Leben. Hierhin kehrt der Psychologe Thomas Weber mit den überlebenden Schülern zu Schulbegehungen zurück, damit sie Abschied nehmen können von dem Ort des Verbrechens.

Die Albertville-Realschule ist geschlossen seit jenem 11. März 2009. Als Tim K. an seiner ehemaligen Schule neun Schüler und drei Lehrerinnen tötete, danach weitere drei Menschenleben auslöschte und schließlich sich selbst umbrachte.

Keiner hier in Winnenden nimmt den Namen von Tim K. in den Mund. Wenn sie von ihm sprechen, dann sprechen sie von "dem Täter", weil sie nicht wollen, dass sein Name auf die perverse Hitliste der Attentäter von Columbine, Erfurt und Emsdetten kommt.

Die Jalousien der Schule sind halb heruntergelassen. Als ob man verhindern wollte, Spuren der Tat zu sehen. Zum Beispiel die beiden Einschusslöcher in der Tür des Chemiesaals. Es herrscht Stille, die nur dann unterbrochen wird, wenn die Pausenklingel über den leeren Pausenhof schrillt. Kein Kindergeschrei, das die Pause bejubelt.

Ein paar Hundert Meter weiter hat die Stadt Container aufgebaut, dort findet der Unterricht jetzt statt. Erst im Sommer 2011 werden die Schüler zurückkehren. Die Räume, in denen getötet wurde, wird es dann nicht mehr geben. Zur Straße hin entsteht ein Neubau - mit einem Raum der Stille und elektrischen Schlössern für jede Klassentür. Damit das Sicherheitsgefühl zurückkommt.

Hardy Schober war auf Geschäftsreise in Leipzig, als es geschah. Hauptkommissar Tobias Obermüller stand im Wachraum der Winnender Polizeidienststelle, als der Notruf einging. Und Thomas Weber, der Trauma-Psychologe aus Köln, war in Heilbronn, als er erfuhr, wo er das nächste Jahr verbringen wird. In Winnenden bei Stuttgart.

Reden ist Hardy Schobers Therapie. Er sitzt in einem hellen Büro und schiebt seinen Lebenslauf über den Tisch herüber. "Zur Information", sagt er. Das Blatt ist seine Karriere: "Gutachter" steht da, "Repräsentant einer Privatbank in Leipzig", "Projektmanager" und "Loanmanager". Das ist sein Leben vor der Tat. Das Foto rechts oben auf dem DIN-A4-Blatt zeigt einen Mann, der stolz in die Kamera lächelt.

In dem hellen Büro sitzt ein anderer Mann: einer, der tiefe Falten im Gesicht hat und nicht lächelt. Er könnte 60 sein, nicht 50. In den letzten beiden Zeilen steht, dass Schober seine Karriere aufgegeben hat. Dass er jetzt Vorstandsvorsitzender des Aktionsbündnisses Amoklauf Winnenden ist. Er will gegen das Vergessen kämpfen, gegen Waffen, gegen Killer-Computerspiele. Seine Tochter soll nicht umsonst gestorben sein. Den Namen seiner Tochter erwähnt er nie, sagt "meine Tochter", wenn er über sie spricht. Sie hieß Jana.

Der Notruf ging um 9.33 Uhr bei der Polizei ein. Tobias Obermüller stand neben dem Funkgerät. Obermüller, dieser ruhige 42-jährige Mann mit dem freundlichen Lächeln, seit 25 Jahren Polizist. Man kann man sich gar nicht vorstellen, wie er sich damals seine Maschinenpistole griff, nach seinen beiden Kollegen Thomas Schnepf und Sebastian Wolf schrie und losstürzte. Um 9.36 Uhr waren sie da. Zwei Jahre zuvor hatten sie ein Training gemacht für Amokläufe. Obermüller wusste, was er zu tun hatte: den Täter unschädlich machen. Am Eingang hörten sie Schüsse im Obergeschoss der Schule. Und dann sahen sie oben am Treppengeländer für Bruchteile von Sekunden eine schemenhafte Gestalt. Den Täter. Der feuerte einen Schuss auf die Beamten ab, der an Wolfs Kopf vorbeipfiff. Dann war er weg.

Die drei Polizisten stiegen die Treppe hoch, sie waren Freiwild in diesem Moment. Im Gang lagen überall Patronenhülsen. Kein Zeitgefühl, volle Konzentration. Plötzlich wieder Schüsse. Der Gang macht eine Biegung, die Beamten sahen zwei Lehrerinnen, beide tot. Es waren die einzigen Leichen, die sie an diesem Tag anschauen mussten. Das wahre Ausmaß der Tat bekamen sie erst später mit.

Jana Schober starb durch einen Kopfschuss. Das Mädchen verblutete. Sie war 15.

Zwei Tage vorher hatte Hardy Schober seine Tochter zum letzten Mal gesehen. Es war morgens, er musste weg nach Leipzig und schaute zum Abschied noch einmal in das Schlafzimmer seiner Tochter. "Ich habe Tschüs gesagt, und sie hat geschlafen."

Dass in Winnenden etwas Schlimmes passiert sei, erfuhr er von einer Kundin, die es in den Nachrichten gehört hatte. Dann erreichte ihn seine Frau: "Jana ist schwer verletzt", sagte sie. Schober sprang in sein Auto, fuhr los. Sein Autoradio funktionierte nicht, zum Glück. Jana war doch so sportlich, tanzte so gern, war körperlich robust. Schober traf um 15.30 Uhr in Winnenden ein, seine Frau sagte es ihm.

Er wollte zu seiner Tochter, fuhr nach Ludwigsburg, ins Klinikum. Der Chefarzt sagte, dass Jana keine Schmerzen erleiden musste. Dann durfte Hardy Schober zu ihr. Sie war im Raum der Stille aufgebahrt. "Zum Glück habe ich sie gesehen. Da habe ich sie noch einmal warm erlebt." Zwei Tage später war Janas Körper kalt. Hardy Schobers Stimme bricht, als er das erzählt. Er wischt sich die Tränen ab.

Das Erste, was an Thomas Weber auffällt, ist seine dunkle, sanfte Stimme. Der schlaksige Mann aus Köln muss einfühlsam sein: Er ist Chef der Kölner Firma "TraumaTransformConsult". Angefangen hat Webers Firma mit der Betreuung von Banküberfall-Opfern. Es folgten der Concorde-Absturz, der Tsunami. Und jetzt Winnenden. Eine Woche nach der Tat saß er zum ersten Mal den Hinterbliebenen, den Geschockten, den Hilflosen gegenüber. In einem Container, den sie gegenüber der Realschule aufgebaut hatten.

An den Wänden der Behandlungszimmer hängen bunte Bilder, Schüler haben sie gemalt. Es gibt Janosch-Kalender, Apfelschorle und Gummibärchen. Die Fenster haben Rollläden und Sichtschutz.

500 Schülerinnen und Schüler haben Webers Leute zu Vorsorgegesprächen getroffen. 60 kamen in Behandlung. In den ersten zwölf Wochen nach einem traumatischen Ereignis sei es völlig normal, dass Kinder nachts nicht schlafen können, wieder zu den Eltern ins Bett schlüpfen, unkonzentriert sind. Für Psychologen geht es darum zu verhindern, dass diese Zustände nie mehr aufhören. Sie erklären den Kindern und Eltern, dass sie vor und nach der Tat in Sicherheit waren. Dass es weitergeht. Um sie aus ihrem eingefrorenen Zustand herauszuholen.

In den ersten Wochen nach der Tat saßen Psychologen mit im Unterricht. Jedes Türklacken, jedes Geräusch ließ die Kinder zusammenzucken.

Die ganze Stadt ist traumatisiert, sagt Weber. Die vielen Kinder und Lehrer der umliegenden Schule, die in ihren Klassenzimmern ausharren mussten und danach von schwer bewaffneten Polizisten evakuiert wurden. So wie ein elfjähriges Mädchen, das auf das Gymnasium neben der Realschule ging. Als die Lehrerin die Kinder damals anwies, sich auf den Boden zu kauern, schrieb das Mädchen einen Abschiedsbrief. Den die Oma am nächsten Tag in der Jackentasche der Schülerin fand. "Liebe Mama, Papa, Opa, Oma, Kiki und Bobby. Wenn ich das nicht überlebe: Ich hab Euch alle lieb." Kiki und Bobby sind ihre beiden Hasen.

Die ersten Gerüchte lauteten damals, dass der Täter seinen Amoklauf in der Fußgängerzone von Winnenden fortsetzte. "Viele Menschen sind sekundär traumatisiert", sagt Weber. Wenn in Köln eine Polizeisirene ertönt, kümmert das niemanden. In Winnenden zucken die Menschen jedes Mal zusammen.

Bei der Aufarbeitung gibt es kein Richtig und Falsch, sagt Weber: Die einen wollen reden, die anderen wollen schweigen. Die Schulbegehungen sind die extreme Form der Aufarbeitung, die Rückkehr an den Tatort, die Geisterschule. Die Unfassbarkeit, dass es hier passiert ist, kommt dann wieder hoch. Zwei Stunden dauert es, mit langen Vor- und Nachgesprächen. Die Schüler sollen sich an gute Tage in ihrer alten Schule erinnern. Auch in die Räume mit den Schusslöchern gehen sie.

"Ich bin einer, der nicht gerne hilflos ist", sagt Hardy Schober. Schober geht in Schulen, in Talkshows, zu Politikern. Am Anfang waren noch mehr Opfer-Eltern dabei, aber einige sind wieder ausgestiegen, weil es ihnen zu viel wurde. Auch Schobers Frau hält sich im Hintergrund. Er selbst sammelt Geld, hat eine Stiftung gegründet. Er hat viel zu viele Ziele: Großkaliberwaffen sollen für Privatpersonen verboten werden, Faustfeuerwaffen sollen in Privathaushalten verboten werden, Gewaltvideos ebenfalls. "Wir können nicht mehr enttäuscht werden. Unsere größte Enttäuschung haben wir schon erlebt", sagt er.

Er weiß, dass er nie wieder glücklich wird. "Wir haben lebenslänglich bekommen. Das wird immer wieder aufbrechen."

Tobias Obermüller, der erste Polizist vom Tatort, wurde damals irgendwann abgelöst. 1000 Polizisten waren im Einsatz, die Verantwortung verteilte sich auf viele. In den nächsten Tagen machte er ganz normal Dienst. Plötzlich bekam er Schweißausbrüche, ging in den Hof, musste sich übergeben. Nachts konnte er nicht schlafen. Seine Chefs sagten ihm, dass er die Dienststelle wechseln könne, wenn er wolle. Obermüller wollte nicht. Sein Trauma arbeitete er zunächst durch Verdrängung auf, schaltete den Fernseher aus, wenn etwas über den Amoklauf kam. Und er nahm lieber den Hintereingang zur Polizeiwache. Am Eingang hing ein riesiges Transparent. "Danke!!!" stand darauf. Obermüller kamen immer die Tränen, wenn er das sah.

Er sei heute weitgehend drüber weg. Er redet viel mit seinen beiden Kollegen. Nur Letztens, es war eine normale Festnahme, da kam alles wieder hoch. Der Kriminelle wehrte sich, Obermüller wurde leicht an der Hand verletzt. Danach bekam er wieder Herzrasen und Schlafstörungen.

Erst im Dezember war Obermüller dazu in der Lage, die Familien der getöteten Kinder zu treffen, die sich bei ihm bedanken wollten. Weil nach dem Eintreffen der Beamten an der Realschule kein Kind mehr sterben musste. "Ich habe diesen Fall als Prüfung empfunden. Ich bin nicht froh darüber, dass ich im Einsatz war, aber ich bin froh, dass ich mir keine Vorwürfe machen muss", sagt Obermüller. Und betont immer wieder: "Ich muss mir selber als Mensch keine Vorwürfe machen." Es scheint, als ob er noch einen letzten Rest Zweifel mit sich herumträgt.

Und nun der erste Jahrestag am Donnerstag. Hardy Schober wird es schlecht gehen. Wie am ersten Weihnachtsfest ohne seine Tochter, wie am ersten Geburtstag danach, dem ersten Namenstag. Alles wird wieder hochkommen, sagt Tobias Obermüller. Und Thomas Weber sagt, alle hätten Angst vor diesem Tag. Auch die Psychologen. Er selbst ist froh, dass er an den Wochenenden in den Zug nach Köln steigen kann.

Sie wollen für sich sein, die Schüler, die Lehrer, die Eltern der Toten. Zumindest am Morgen des 11. März. Um Viertel vor acht werden sie sich treffen, der Opfer gedenken. Um 9.33 Uhr werden alle Glocken von Winnenden läuten. Erst um 11 Uhr folgt die offizielle Trauerfeier mit Bundespräsident Horst Köhler.

Am vergangenen Freitag steht Hardy Schober auf einer Wiese in der Nähe seines Wohnorts Leutenbach, wenige Kilometer außerhalb von Winnenden. Er will einen Baum pflanzen, einen Bergahorn, den Baum des Jahres 2009. Bis zu 30 Meter hoch kann der Baum werden. Es ist der erste Baum, tausend sollen es werden. Die Patenschaft übernehmen Schüler. Er sagt, dass es wichtig sei, dass der erste Baum hier steht. "Hier, wo alles begann." Der Täter lebte in Leutenbach, Jana und drei weitere getötete Schülerinnen und ein weiteres Opfer auch.

Die Eltern des Täters zogen weg, das Haus steht seitdem leer, eine Immobilienfirma bietet das Objekt seit Monaten im Internet an, sorgt dafür, dass die Hecken getrimmt sind und dass der Teich blubbert. Aber offenbar will niemand dort wohnen.

Hardy Schober wollte nach der Tat den Vater des Täters treffen, ihm in die Augen schauen. "Für mich ist er der Hauptschuldige, weil er die Krankheit seines Sohnes nicht erkannt hat und ihn zum Schießtraining mitgenommen hat", sagt er. Anstatt eines Treffens kam ein Brief. Über seinen Anwalt ließ der Vater des Täters ausrichten, dass es ihm leid tue. Das Schreiben war nicht einmal unterschrieben, sagt Schober. "Ich kann nicht verzeihen. Das möchte ich nicht." Die ganze Stadt kann nicht verzeihen, sagt auch Thomas Weber.

Das Grab von Jana Schober liegt in Weiler zum Stein, ein paar Kilometer von Winnenden entfernt. Neben ihr sind die Gräber von drei weiteren Schülerinnen. Rosen und Tulpen liegen auf Janas Grab und eine Piccoloflasche Sekt, weil sie am 30. Januar 16 Jahre alt geworden wäre. "Krankhafter Wahn brachte über uns Verhängnis, Tränen und Tod" steht auf Janas Grabstein. Auf den Gräbern der anderen steht etwas von "Lächeln" und "Licht". Hardy Schober kann nicht anders, er kann nicht verzeihen. Auf die Schleife, die er zu Janas Grab gebracht hat, steht: "Du bist unser Antrieb."