Verkaufstraining

IGEL-Leistungen: Der Arzt als Verkäufer

Zuschüsse für das Verkaufstraining von IGeL-Leistungen in der Kritik. Grüne sprechen von Fördermitteln zum Abzocken vom Patienten.

Berlin/Hamburg. "Einfach" und "unaufdringlich" soll der Arzt sein Verkaufsgespräch gestalten. Und auf Einwände soll man besonders einfühlsam eingehen. Schließlich geht es um nicht weniger als die Gesundheit des Patienten. Und um dessen Portemonnaie. Denn das soll sich öffnen, wenn ein Arzt das IGeL-Seminar besucht hat, das verschiedene Anbieter mit wolkigen Worten bewerben. IGeL - das sind die individuellen Gesundheitsleistungen, die die gesetzliche Krankenkasse nicht zahlt. Für die aber muss der Arzt werben, denn vom Nutzen will der Patient schließlich überzeugt werden, wenn er sich gegen Rechnung behandeln lässt.

Auf 1,5 Milliarden Euro schätzen Krankenkassen die Summe, die jedes Jahr in Deutschland mit IGeL-Leistungen eingenommen wird. Das wären gut 10 000 Euro pro Praxisarzt. Die Seminaranbieter schwelgen von bis zu 70 000 Euro Zusatzverdienst, die sich ein Augenarzt pro Jahr durch das geschickte Anbieten von IGeL-Leistungen sichern könne. Und sie haben noch ein Zuckerl für die Ärzte parat. Wie bei Kleinunternehmern fördert das Bundeswirtschaftsministerium die Verkaufstrainings für Ärzte.

+++ Der Arzt ist kein Verkäufer +++

+++ Zu viele Operationen +++

Das soll nun auf den Prüfstand. Wie das Ministerium von Philipp Rösler (FDP) erklärte, wird die Förderpraxis bei Ärzte-Marketing-Seminaren überprüft. Anlass ist eine kritische Nachfrage der Grünen-Gesundheitsexpertin Birgitt Bender, die dem Abendblatt vorliegt. Für Rösler antwortete Wirtschafts-Staatssekretär Bernhard Heitzer, der die Bezuschussung damit rechtfertigte, dass Ärzte zu den freien Berufen gehörten, die wie andere Kleinunternehmer von Seminaren über "Verkaufsoptimierung" profitieren könnten. Auch in anderen Wirtschaftsbereichen gebe es Schulungen zu "Warengestaltung, Vertrieb oder Warenpräsentation". Die Zuschüsse gibt das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa), das im Jahr 2009 die Abwrackprämie ausgezahlt hat.

Eine Sprecherin Röslers erklärte gestern, es gebe grundsätzlich "eine Förderung unternehmerischen Know-hows für kleinere und mittlere Betriebe sowie freie Berufe". In diesem Rahmen habe es 2011 rund 4700 Informations- und Schulungsveranstaltungen gegeben, an denen 43 800 Menschen teilgenommen hätten. Das Fördervolumen habe bei rund 4,5 Millionen Euro gelegen. Wie viel Geld explizit in die Förderung der Mediziner geflossen sei, lässt sich nicht genau sagen.

Das Wirtschaftsministerium verweist auf Zahlen des Bafa, nach denen rund 20 Prozent der geförderten Schulungen auf die freien Berufe entfallen. Da es neben den Ärzten eine Vielzahl freier Berufe gebe und die Zahl der Seminarthemen vielfältig sei, "ist davon auszugehen, dass die Zahl der geförderten Seminare, die im Zusammenhang mit IGeL stehen, sehr begrenzt ist".

+++ Lesen Sie hier Hinweise für Patienten und Ärzte für die korrekte IGeL-Behandlung +++

Eine Sprecherin von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) verwies auf einen Verhaltenskodex für Ärzte. Die Patienten müssten umfassend informiert werden und auch wissen, dass sie die Kosten selbst tragen. Eine moralische oder ethische Bewertung der derzeitigen Förderpraxis wollte die Sprecherin nicht vornehmen.

Grünen-Gesundheitsexpertin Bender warnte, IGeL-Leistungen seien oft nutzlos: "Denn solche Verkaufstrainings unterstützen eine einseitige, tendenziöse ,Aufklärung' der Patienten, zerstören das Arzt-Patienten-Verhältnis und richten gesundheitlichen und finanziellen Schaden an, der zum Teil von allen Versicherten zu tragen ist." Bender sprach von Abzocke.

Die Glaukom-Vorsorge beim Augenarzt und verschiedene Ultraschalluntersuchungen beim Frauenarzt zählen zu den häufigsten IGeL-Behandlungen. Dadurch kann mitunter das individuelle Krebs-Risiko eingeschätzt werden. Die Preise variieren je nach Praxis und Aufwand. Zu den extra zu zahlenden Leistungen zählen auch Reiseimpfungen oder Sportchecks. Die Bundesärztekammer hat klar festgelegt, wie sich Ärzte verhalten sollen, die IGeL-Leistungen anbieten. Kein Patient darf gedrängt, Kosten und Nutzen müssen erklärt werden. Die Kammern und Kassenärztlichen Vereinigungen haben außerdem Checklisten für Patienten veröffentlicht. Viele IGeL-Leistungen sind wissenschaftlich umstritten. Andere wie das Testen auf ein Hautkrebs-Risiko wurden sogar in den Katalog der gesetzlichen Kassen übernommen.

In Hamburg werden Ärzten keine "Verkaufsseminare" für IGeL-Leistungen angeboten. Dafür würden die niedergelassenen Mediziner auch nicht mit Fortbildungspunkten honoriert, sagte eine Sprecherin der Ärztekammer. Allerdings werden beispielsweise in Niedersachsen von der Ärztekammer Seminare wie "Erfolgreich IGeL-Leistungen anbieten" vermittelt.

IGeL-Informationen für Patienten und Regeln für Ärzte unter www.abendblatt.de/igel