Lebensarbeitszeit

Herbert Rische: "Ältere Mitarbeiter müssen bleiben"

Foto: Ingo Röhrbein / Ingo Röhrbein/Ingo Roehrbein

Der Präsident der Rentenversicherung, Herbert Rische, hält längere Lebensarbeitszeiten wegen des demografischen Wandels für unvermeidbar.

Hamburg. Deutschland kommt besser als seine Nachbarn aus der Wirtschaftskrise. In diesem Jahr können die Rentner nach Nullrunden dank des wieder wachsenden Lohnniveaus mit einem Prozent Erhöhung rechnen. Probleme sieht Rische aber nach wie vor bei Langzeitarbeitslosen und wegen der steigenden Zahl von Frühverrentungen wegen psychischer Erkrankungen.

Hamburger Abendblatt:

Was war das Erfolgsrezept in der Wirtschaftskrise?

Herbert Rische:

Worum wir im Ausland beneidet werden, ist die Kurzarbeit. Da bekommen wir als Rentenversicherung über 80 Prozent der vorherigen Beiträge. Selbst für die Bezieher von Arbeitslosengeld I werden 80 Prozent gezahlt.

Für Langzeitarbeitslose, also Hartz-IV-Empfänger, hat die Regierung aber die Rentenbeiträge schon gestrichen. Bei der angespannten Haushaltslage könnte man auf die Idee kommen, auch für gerade arbeitslos Gewordene nicht mehr 80 Prozent der bisherigen Rentenbeiträge zu zahlen.

Rische:

Mit dieser Gefahr leben wir jeden Tag in der Rentenversicherung. Wo Langzeitarbeitslosigkeit entsteht oder ist, sollte ein Beitrag zur Rentenversicherung gezahlt werden. Das ist ein Personenkreis, der in Zukunft von Altersarmut betroffen sein kann. Für diese Menschen sollte man wieder einen Beitrag in die Rentenversicherung zahlen. Wir hoffen, dass die Politik hier vernünftige Entscheidungen trifft.

Welche Höhe schlagen Sie vor?

Rische:

Das muss man austarieren. Für die Langzeitarbeitslosen muss deutlich mehr herauskommen als in der Vergangenheit.

Derzeit schlagen die Krankenkassen Alarm, weil sie immer mehr Geld für psychische Erkrankungen ausgeben müssen. Gibt es einen derartigen Trend auch bei der Frühverrentung?

Rische:

Da hätten die Krankenkassen schon vor längerer Zeit bei uns nachfragen können. Die häufigste Diagnosegruppe bei verminderter Erwerbsfähigkeit sind mit rund 40 Prozent der Fälle psychische Störungen. Auch die Reha-Maßnahmen wegen psychosomatischer Erkrankungen sind bei uns deutlich angestiegen. Ist das eine Entwicklung, die vom Stress im Arbeitsleben kommt? Oder sagen die Menschen heute leichter: Ich habe ein psychisches Problem? Als Jurist bin ich da kein Experte.

Der Burn-out trifft auch Jüngere. Wie muss man als Rentenversicherung damit umgehen?

Rische:

Man muss fragen: Wie sieht's am Arbeitsplatz aus? Bei vielen Großunternehmen funktioniert das Gesundheitsmanagement. Bei vielen Mittelständlern und in kleineren Firmen ist es schwieriger. Wenn Menschen durch Krankheiten, gelegentliche Arbeitslosigkeit und fortwährende Arbeit im Niedriglohnbereich gebrochene Erwerbsbiografien haben, dann ist das ein Problem für die Rentenversicherung. Wir haben weniger Einnahmen und die Rente des Einzelnen fällt später zu gering aus.

Ein Trend scheint umgekehrt worden zu sein in den vergangenen Jahren. Gehen die Deutschen tatsächlich wieder später in Rente?

Rische:

Seit 1997 ist das Durchschnittsalter des Renteneintritts bei den Altersrenten von 62 auf über 63 Jahre angestiegen.

Also hat die Rente mit 67 Sinn?

Rische:

Die Rente mit 67 wird schrittweise eingeführt - bis 2029. Und was sich bis dahin entwickelt, müssen wir abwarten. Wir werden jedoch auch wegen der demografischen Entwicklung eine Knappheit an Arbeitskräften bekommen. Wir werden zukünftig nicht mehr olympiareife jugendliche Belegschaften in den Unternehmen haben. Ältere erfahrene Mitarbeiter müssen im Betrieb bleiben oder wieder hereinkommen. Die Unternehmen werden sich besser um ältere Mitarbeiter kümmern müssen, sonst werden wir in größerem Maße Zuwanderer brauchen. Und wenn ich die Diskussion über Migration beobachte, dann ist das offensichtlich schwierig zu vermitteln.

Viele sagen, sie hätten gar keine Möglichkeit, länger zu arbeiten. Für sie bedeutet Rente mit 67 eine Rentenkürzung.

Rische:

Das stimmt. Diese Situation kann nicht so bleiben. Niemand behauptet mehr, dass allein die gesetzliche Rente zum Erhalt des Lebensstandards im Alter reicht. Dazu müssen private Altersvorsorge wie die Riester-Rente und die Betriebsrente kommen. Wenn ich als junger Mann bei meiner Einstellung gefragt hätte, wie es mit der betrieblichen Rente aussieht, hätte man mich ausgelacht. Heute werden Sie ausgelacht, wenn Sie als junger Arbeitnehmer nicht danach fragen.

Was kann man tun, um einen früheren Renteneintritt finanziell abzufedern?

Rische:

Die Industrie zahlt zum Beispiel Schwerarbeiter- oder Schmutzzulagen. Man kann diese Gelder auch anders verwenden. In einem Tarifvertrag lässt sich heute schon regeln, dass man mit diesen Zulagen sich etwa die Abschläge bei der Rentenversicherung abkaufen lässt, die man hinnehmen müsste, um früher in Rente zu gehen.