Analyse: Vor allem das Lager der Wahlverweigerer ist gewachsen

Wie viele Wähler wanderten wohin?

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Rebecca Kresse

Die Linkspartei schöpfte vor allem aus dem Reservoir der Protestwähler. Viele Neubürger in Hamburg wählten die SPD. Insgesamt liegt die Zahl der Wechselwähler bei 170 000.

Welche Partei hat bei der Hamburger Bürgerschaftswahl wie viele Stimmen an wen verloren? Das Psephos-Institut hat die Wählerbewegungen analysiert. Danach gab es bei der Bürgerschaftswahl 2008 im Vergleich zur Wahl von 2004 knapp 170 000 Stimmen Wechselwähler, die ihr Kreuz dieses Mal bei einer anderen Partei als vor vier Jahren machten. Außerdem stieg die Zahl der Nichtwähler erneut kräftig an. Fast 70 000 Hamburger, die 2004 noch zur Wahl gegangen waren, blieben diesmal zu Hause.

Die größten Wählerbewegungen verzeichneten die CDU und Die Linke im Positiven wie im Negativen. Denn obwohl die CDU mit 42,6 Prozent zwar Wahlsieger ist, hat die Partei mit fast 58 000 die meisten Stimmen verloren. Der Union macht dabei aber primär nicht die Abwanderung zu anderen Parteien, sondern die geringe Wahlbeteiligung zu schaffen. 28 500 Stimmen gehen auf das Konto der Wahlenthaltung. Ein zweiter Faktor für die Stimmenverluste der CDU ist der Generationswechsel. Traditionell ist die CDU für Erstwähler nicht so interessant, auf der anderen Seite sind zahlreiche traditionell ältere CDU-Wähler gestorben. Das bedeutete laut Psephos-Analyse einen Verlust von 15 000 Stimmen für die Christdemokraten. Hinzu kamen als dritte Verlustquelle die Abwanderungen zur FDP mit einem Minus von 8000 Stimmen. Der "Leihstimmeneffekt" für den gewünschten Koalitionspartner war also nur schwach.

Die Linke, die mit gut 50 000 Stimmen die Wählerbewegungen in Hamburg anheizte, hat im Wesentlichen das Reservoir der Protestparteien von 2004 angezapft. 14 500 Wähler dieser Kategorie gaben diesmal ihre Stimme für die Linke. Aus drei weiteren, fast gleich großen Quellen, strömten ihr aber auch noch in nicht unerheblichem Maß Stimmen zu: von insgesamt 9500 ehemaligen SPD-Wählern, aus den Reihen der GAL-Wähler stimmten 8500 für die Linke, aus dem Lager vormaliger Nichtwähler gab es 9500 Stimmen für die Linke. Lediglich 2000 ehemalige CDU-Wähler machten diesmal ihr Kreuz bei der Linken.

Die SPD verdankt ihren Zuwachs von rund 14 000 Stimmen zur Hälfte Neubürgern in Hamburg. Kleinere Zuströme gab es von allen anderen Parteien - 1500 von der CDU, 5500 von der GAL, 1000 von der FDP und 5000 von den anderen Parteien. Gleichzeitig verlieren die Sozialdemokraten aber auch 9500 Stimmen an Die Linke. Im Unterschied zu CDU und GAL konnte die SPD ihre Wähler mobilisieren und war nicht von der geringen Wahlbeteiligung betroffen.

Auf dem Konto der GAL addieren sich die Minuszeichen zu einem Verlust von fast 27 000 Stimmen. Davon 11 500 Stimmen sind erkennbar in einem echten Parteiwechsel begründet. Am meisten unterschätzt bei der GAL wurde dabei die Abwanderung zur Linken. 9500 ehemalige GAL-Wähler gingen schließlich diesen Weg. Stimmen gingen aber auch durch mangelnde Mobilisierung und faktische Abwanderung aus dem Wohngebiet der Hansestadt verloren (-8000). Ein Lichtblick ist die anhaltende Attraktivität der GAL für Erstwähler.

Die FDP profitiert fast durchweg durch die Wählerwanderung, was trotzdem nicht zur Überwindung der Mandatsschwelle gereicht hat. Den größten Beitrag für die um fast 14 000 Stimmen erstarkte FDP leisteten ehemalige CDU-Wähler mit 8000 Stimmen für die Liberalen. Von GAL-Wählern gab es zusätzlich 500 Stimmen. An die SPD verlor die FDP 1000 Stimmen.