Demonstrationen: Wenn die Polizei kam, teilten sich die Protestkolonnen und umgingen Hundertschaften

"Fünf-Finger-Taktik" - so kamen sie bis zum Zaun

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Johlend stürmen die G-8-Blockierer den Bahndamm hoch. Auf der anderen Seite liegt ihr Ziel: die Landstraße wenige Meter vor dem Zaun um Heiligendamm und der direkte Zufahrtsweg zum G-8-Tagungsort. Schnell rennen die Protestler auf die Straße und setzen sich hin.

BAD DOBERAN. Lea Voigt, Sprecherin der Organisationsgruppe Block G-8, ist überglücklich: "Das ist mehr, als wir zu hoffen wagten, hier bleiben wir sitzen, solange wir können."

Die seit eineinhalb Jahren geplante Aktion beginnt um kurz nach 8 Uhr im Camp Reddelich südlich von Heiligendamm. 5000 G-8-Gegner leben hier während des Gipfels. Gespannte Stille liegt über dem Lager, in einem Zirkuszelt treffen sich die Blockierer ein letztes Mal vor der Aktion. Ein Sprecher erklärt vor 300 Leuten die sogenannte Fünf-Finger-Taktik: Wenn Polizei den Weg versperrt, teilen sich die Protestler in fünf Gruppen, die sich dann nach Bedarf noch weiter teilen können. Jede Gruppe hat eine eigene bunte Fahne, so weiß jeder, wo er hingehört.

Betont wird auch noch einmal, dass absolut keine Gewalt angewendet werden soll, die Aktion ansonsten abgebrochen wird. Besprochen werden aber auch scheinbar nebensächliche Dinge: Die Dixi-Klos auf dem Gelände drohen überzulaufen, da der Pumpwagen nicht durchkommt. Demonstranten haben die Wege zugeparkt.

Um 9.30 Uhr marschieren dann wirklich rund 5000 Leute los. Auf der Bundesstraße 105 Richtung Rostock riegeln Polizeiwagen die Straße ab. Doch das Konzept der Protestler geht auf. Plötzlich zerstreuen sie sich in fünf Gruppen zu mehreren Hundert Personen in den Wald. Dort erschallt dann der Kampfruf "Nieder mit dem Kapitalismus". Einer achtet darauf, dass die Menge nicht einen Ameisenhügel plattmacht.

Eine Stunde später ist eine Lichtung erreicht, auf der sich alle wiedertreffen. Zehn Hubschrauber kreisen über den Demonstranten. Nicht weit entfernt ist das Dorf Vorder Bollhagen, wo der Zaun um Heiligendamm beginnt. Jubelnd ziehen die Demonstranten weiter durch Kornfelder und erreichen nach gut zwei Stunden schweißtreibendem Fußmarsch das Ziel - die Landstraße zwischen Heiligendamm und Bad Doberan.

Plakate mit der Aufschrift "G-8 versenken" werden entrollt, einige setzen sich auf die mitgebrachten Strohsäcke und holen sich aus ihren Rucksäcken das in der Hitze wichtigste Utensil, eine Flasche Wasser. Der Wirtschaftspädagogikstudent Marcus Peter sagt: "Die Aktion ist super, wir zeigen Gesicht, und alles hat geklappt wie geplant."

Für gute Stimmung sorgen fünf Musiker, die Samba spielen. Die aufkommende Ferienlagerstimmung wird nur durch die Hubschrauber getrübt, die über der Straße kreisen und in den Feldern landen, um neue Polizeieinsatzkräfte auszuspucken. Vor dem Zaun stehen die Polizisten in Kampfausrüstung und warten ab, und nicht einmal die als Clowns verkleideten Demonstranten können ihnen ein Lächeln entlocken.

Wahrscheinlich wissen die Beamten: So ruhig wie an dieser Stelle ist es nicht überall entlang des 12 Kilometer langen Zauns. Die Polizei berichtet von Steinwürfen, der Wasserwerfer wird eingesetzt. Erst auf Aufforderung der Polizei treten die Blockierer vom Zaun zurück, halten dann 250 Meter Abstand. Die Demonstranten bestreiten Steinwürfe.

Lea Voigt ist so oder so zufrieden: "Unsere Taktik ist voll aufgegangen, damit hat die Polizei nicht gerechnet, dass wir die ganze weite Fläche nutzen und uns zerstreuen." Bauer Jörg Walter allerdings ist weniger begeistert. "Warum gehen die durchs Feld? Wer bezahlt mir das? Die ruinieren hier eine ganze Familie."

Am Abend dann wollte die Polizei offenbar Genaueres über mögliche Planungen der G-8-Gegner wissen und machte eine "Begehung" des G-8-Kritiker-Camps in Rostock. Camp-Organisatoren berichteten, die Polizei habe das Zeltlager umstellt, es mangels eines Durchsuchungsbeschlusses aber nicht betreten dürfen. Die Polizisten hätten deshalb begonnen, alle zu durchsuchen, die das Lager betreten oder verlassen wollten. Die Polizeisprecherin sagte, die "Begehung" habe zur Verifizierung nicht näher erläuterter Aufklärungserkenntnisse gedient. Die Beamten seien da "durchspaziert und dann wieder heraus".

( afp, ap )

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