Anschlag der Taliban vor Nato-Hauptquartier

Welthungerhilfe rügt Einsatz der Bundeswehr

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Thomas Frankenfeld

Der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Wolfgang Jamann fordert, zivile und militärische Aufgaben der Soldaten klar zu trennen.

Hamburg/Kabul. Der Angehörige der Royal Welsh Fusiliers wurde in der Provinz Helmand von einem der gefürchteten "improvisierten Sprengsätze" (IED) der Taliban getötet. Er war der 201. Gefallene der Briten in Afghanistan. Damit sind in diesem Jahr bereits 63 britische Soldaten am Hindukusch ums Leben gekommen, 51 waren es im ganzen Jahr 2008, 42 waren es 2007, 39 in 2006. "Das ist wirklich ein hoher Preis", sagte der neue Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen betroffen.

Angesichts der sich dramatisch verschlechternden Sicherheitslage und des Vormarschs der Radikalislamisten kündigte Nato-Chef Rasmussen "entschlossenes Handeln" der Allianz in den kommenden Monaten an. Die Stabilisierung Afghanistans sei "von kritischer Bedeutung" und entscheidend für die Sicherheit der 42 Truppen stellenden Staaten.

Diese Stabilisierung steht derzeit aber, im Vorfeld der Präsidentenwahlen am Donnerstag, auf Messers Schneide. Am Sonnabend war ein Bundeswehrsoldat bei Gefechten mit den Taliban verwundet worden. Am selben Tag gelang es einem Selbstmordattentäter auf bislang unbekannte Weise, in die streng kontrollierte Sicherheitszone der afghanischen Hauptstadt Kabul einzudringen und vor dem Hauptquartier der Nato-Schutztruppe Isaf, wo US-Kommandeur Stanley McCrystal seinen Sitz hat, 500 Kilogramm Sprengstoff zu zünden. Sieben Menschen starben, fast 100 wurden zum Teil schwer verletzt. Der Attentäter hatte dazu mit seinem Fahrzeug drei Kontrollstellen der Polizei passieren müssen.

Der Amtssitz von Präsident Hamid Karsai ist nahe dem Anschlagsort, die US-Botschaft sogar nur 150 Meter entfernt. Mit dem Anschlag, zu dem sie sich bekannten, wollten die Taliban zweifellos die Botschaft an Afghanen wie Ausländer schicken, dass keine Region des Landes mehr vor ihnen sicher sei. Die Taliban, die ein radikalislamisches Emirat errichten wollen, wollen die Wahlen verhindern, haben Anschläge gegen Wahllokale angekündigt und gedroht, jenen, die wählen gingen, die Finger abzuschneiden. Bundeskanzlerin Angela Merkel schrieb an Karsai: "Seien Sie gewiss, dass die internationale Gemeinschaft vor solch feigen Attacken gegen die Demokratie in Afghanistan fünf Tage vor den Wahlen nicht zurückweichen wird. Gemeinsam mit seinen Partnern wird Deutschland Ihrem Land auch weiterhin nach Kräften beim Wiederaufbau und der Herstellung der dafür notwendigen Sicherheit zur Seite stehen."

Auch im nordafghanischen Kundus, wo die Bundeswehr stationiert ist, lieferten sich afghanische Soldaten und Aufständische gestern wieder Gefechte.

Die Welthungerhilfe kritisierte die Afghanistan-Politik der Bundesrepublik massiv. Generalsekretär Wolfgang Jamann schrieb in der "Bild am Sonntag", die Regierung habe lange so getan, "als wären in Afghanistan die deutschen Soldaten als Entwicklungshelfer im Einsatz". Damit habe sie der Öffentlichkeit "Sand in die Augen gestreut". Diese "Illusion" sei nun geplatzt: "Die Bundeswehr kämpft an unübersichtlichen Fronten." Die zivil-militärische Zusammenarbeit sei ein "Sündenfall", da sie echte Entwicklungshelfer in das Visier der Taliban gerückt habe. Die Entwicklungshilfe durch die Wiederaufbauteams der Bundeswehr sei Teil der Militärstrategie geworden - daher würden auch Entwicklungshelfer nicht mehr als unparteilich wahrgenommen. Der Juli sei mit fünf Toten und 23 Sicherheitsvorfällen der schlimmste Monat des Jahres für die Hilfsorganisationen gewesen.

Ein deutscher Hauptfeldwebel und Zugführer sagte einem dpa-Korrespondenten in Kundus, die Lage habe sich im Vergleich zum Vorjahr "um 180 Grad gedreht". Beim Einsatz der Bundeswehr ginge es nun "um Leben und Tod". Die Taliban hätten dazugelernt und wendeten militärische Taktiken an. "Das ist Krieg. Definitiv", betonte der Familienvater, der in den vier Wochen seines Einsatzes bereits fünf Gefechte mit Taliban-Milizen erlebt und überlebt hat. Der Provinzpolitiker Jamal Nasir Fahan sagte, die Lage in der Provinz Kundus sei inzwischen "außer Kontrolle".