Jemen: Von den Entführten fehlt jede Spur

"Christen riskieren dort Leib und Leben"

Es ist die Stille, die stündlich neue Fragen aufkommen lässt und doch Gewissheit schafft, dass es den Entführern um mehr geht als nur Lösegeld. Weder Erpresserbriefe sind aufgetaucht noch martialische Videos mit maskierten Entführern auf den Internetseiten des Terrornetzes al-Qaida.

Hamburg. Die Täter schweigen, während Suchtrupps und Helikopter die Berge des Jemen nach den sechs Vermissten durchkämmen, Experten über Motive rätseln und in der Provinzhauptstadt Saada viele Hundert Menschen lautstark auf der Straße eine Verhaftung der Mörder und Kidnapper fordern.

Neben den mit Kopfschüssen aufgefundenen deutschen Bibelschülerinnen (24, 26) fehlt von einer fünfköpfigen deutschen Familie jede Spur, bestätigte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Die deutsche Botschaft habe Kontakt zu einigen der Vermissten gehabt und sie über einschlägige Reisewarnungen informiert. Die Gruppe war von ihrem Arbeitsort, einem Krankenhaus in Saada, offenbar zu einem Picknick in die von aufständischen Schiiten kontrollierte Bergregion im Norden des Landes aufgebrochen. Weitere ausländische Helfer wurden laut jemenitischer Regierung in Sicherheit gebracht, zudem wurden Wachleute des Krankenhauses verhaftet - sie stehen unter Verdacht, die Entführer über den Ausflug informiert zu haben.

Die vermissten Eheleute (beide 36 Jahre) stammen aus dem Landkreis Bautzen in Sachsen und lebten seit fünf Jahren im Jemen, wie der örtliche Bürgermeister bestätigte. Jeweils zur Geburt ihrer drei Kinder im Alter von einem bis vier Jahren sollen sie kurz nach Deutschland zurückgekehrt sein. Die Frau hatte als Krankenschwester, der Mann als Techniker in einem Krankenhaus gearbeitet. Beide seien "vernünftige Leute" und informiert über Risiken in dem Land, sagten Hilfskräfte vor Ort. Die "Bild"-Zeitung berichtete, das Paar plante, zur Einschulung seiner Tochter in zwei Jahren nach Deutschland zurückzukehren. Außer der Familie wird ein Brite vermisst, der ebenfalls im Krankenhaus tätig war.

Die ermordeten Studentinnen der Bibelschule Brake bei Lemgo verfügten dagegen über kaum Erfahrungen mit Krisenregionen. Es habe keine besondere Vorbereitung vor Beginn ihres dreimonatigen Praktikums gegeben, bestätigte die niederländische Organisation World Wide Services, die den Einsatz der jungen Frauen in dem Krankenhaus als Helfer vermittelt hatte. Die kleine, nach eigenen Angaben nicht religiös gefärbte Organisation wird über Spenden finanziert und koordiniert rund 25 Mitarbeiter im Jemen, die meisten von ihnen sind Fachkräfte. Tausende Geburten und lebenswichtige Operationen stemme das Team jedes Jahr. "Das alles ist nun infrage gestellt", sagte Paul Lieverse, Arzt und ehrenamtlicher Leiter.

Fest steht aber: Die Leitung der Bibelschule Brake hat das Praktikum genehmigt und schweigt bisher zu einer vermuteten missionarischen Tätigkeit der Frauen. Die an einer Wiedergeburt durch Erwachsenentaufe festhaltende Schule, die nur Nichtraucher in das zweite Semester befördert und "Ehefrauenunterricht" anbietet, bildet junge Menschen auch zur Bekehrung Andersgläubiger zum Christentum aus. "Ich habe Brake gewählt, weil die Schule die Mission zum Schwerpunkt hat", schreibt ein Schüler auf der Internetseite. Sollten die Frauen dazu angehalten worden sein, sei dies "kaum zu verantworten", sagte der Göttinger Orientexperte Martin Tamcke. Wer sich derzeit in dem Land überhaupt zum christlichen Glauben bekenne, riskiere "Leib und Leben." Im Jemen ist der Islam Staatsreligion, eine Abwendung vom Koran steht unter Todesstrafe.

Auch wenn renommierte Hilfsorganisationen den Einsatz der Frauen im Jemen bisher nicht kommentieren, zeigen sich strengere Standards: Die bundeseigene Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit lässt nur geschulte Helfer ins Land, das Evangelisch-Lutherische Missionswerk schickt keine Freiwilligen in Gebiete, für die eine Reisewarnung besteht.