Thomas Straubhaar

Deutscher Occupy-Protest ist keine Massenbewegung

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Camps vor Banken und Bundestag stünden nicht für 99 Prozent der Bürger wie Occupy Wall Street in New York, sagt Thomas Straubhaar.

Hamburg. Der renommierte Hamburger Wirtschaftsforscher Thomas Straubhaar (HWWI) räumt der Anti-Banken-Bewegung in Deutschland keine dauerhaften Chancen ein. „In Deutschland sprechen diese Demonstranten garantiert nicht für 99 Prozent der Bürger“, sagte er der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ mit Blick auf den Protest-Slogan „Wir sind 99 Prozent“. Hier gebe es einen starken Sozialstaat, soziale Netzwerke, niedrige Arbeitslosenzahlen und eine geringe Inflationsrate. „Eine Betroffenheit der Massen sehe ich nicht“, betonte der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts. Deshalb sei Occupy Wall Street in Deutschland kein Thema.

In den USA erwartet Straubhaar dagegen, dass diese Bewegung Einfluss auf die Präsidentschaftswahl 2012 nehmen könne. Weil in Amerika die Wirtschaft unverändert lahme und die Langzeit-Arbeitslosigkeit extrem hoch sei, werde sich die Protestbewegung für längere Zeit am Leben halten. „Dies auch, weil es damit ein Gegenstück zu der plumpen antistaatlichen Rhetorik der Tea Party gibt.“

Der Ökonom kann in Deutschland auch keine anti-europäische Stimmung erkennen. Trotz der Aufgeregtheiten um einzelne Politiker seien die Bundesbürger besonnen, verfielen nicht in eine naive D-Mark-Nostalgie und sähen Europa als Segen. „Das ist sehr positiv“, hob Straubhaar hervor.

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Linken-Fraktionschef Gregor Gysi rät derweil den Bürgern, die Änderungen im Bankensektor wollen, ihr Geld nicht bei privaten Großbanken anzulegen. „Man sollte sein Geld gerade heute von Sparkassen und Genossenschaftsbanken verwalten lassen“, sagte er der „Rheinischen Post“. „Das wäre der Beginn eines Trennbankensystems von unten.“ Bürger und Realwirtschaft könnten auf diese Weise deutlich machen, „dass sie keine Zockerbanken, sondern vernünftige Kreditinstitute wollen“, sagte Gysi. Niemand sei gezwungen, „den Großbanken mit seinem Geld auf deren Konten eine Grundlage für das Finanz-Roulette zu liefern“.

Nach der ersten Bankenrettung, die die Steuerzahler in Deutschland fast 40 Milliarden Euro gekostet habe, hätten „die Banken mit der Zockerei einfach weitergemacht“, kritisierte der Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag. Auf der anderen Seite gebe es Sozialabbau, Lohnkürzungen und Stellenstreichungen. „Die Zahl der Millionäre steigt wie die der Armen. Deshalb regt sich nun vollkommen berechtigter Protest.“

Vor dem Berliner Reichstag haben wie in Hamburg erneut Demonstranten gegen die Macht der Finanzmärkte protestiert. Am Montagnachmittag trafen sich nach Angaben aus Veranstalterkreisen rund 200 Menschen und setzten die Proteste vom Wochenende fort. Es hieß, man wolle sich in den kommenden Tagen täglich versammeln, um zu demonstrieren. Nach dem Vorbild von Occupy Wall Street (Besetzt die Wall Street) gingen bereits in mehreren Hundert Städten Menschen gegen die Macht der Banken auf die Straße. (abendblatt.de/epd/dpa)

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