Friedensnobelpreis

Drei Mutige Frauen - der Frieden ist weiblich

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Nina Paulsen und Christian Unger

Foto: dpa / dpa/DPA

Erstmals werden drei Frauen mit dem Preis ausgezeichnet. Zwei Liberianerinnen und eine Jemenitin teilen sich Auszeichnung.

Hamburg/Oslo. Für den Friedensnobelpreis gibt es ein Geld. 1,1 Millionen Euro. Und es gibt eine Botschaft. Als US-Präsident Barack Obama die Ehrung 2008 erhielt, war es ein Signal für die Gleichberechtigung der Schwarzen in Amerika und eine neue Politik nach der Ära Bush. Auch dieses Jahr trägt der Preis die Botschaft der Gleichberechtigung in die Welt: die der Frauen. Drei Frauen aus Afrika und der arabischen Welt wurden für ihren Einsatz gegen Krieg, Gewaltherrschaft und Unterdrückung des eigenen Geschlechts ausgezeichnet: Liberias Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf, die Menschenrechtlerin Leymah Gbowee - ebenfalls aus dem ehemaligen Bürgerkriegsland in Westafrika - sowie die Journalistin Tawakkul Karman aus dem Jemen. Das Abendblatt blickt auf drei Frauen, die mit ihrem Selbstbewusstsein für mehr Frieden in der Welt sorgten.

Die Mütterliche

Die Menschen Liberias haben längst liebevolle Spitznamen für Ellen Johnson-Sirleaf gefunden. "Ma Ellen" nennen sie ihre Präsidentin, Mama Ellen. Oder "die eiserne Lady". Johnson-Sirleaf ist 72 Jahre alt und die erste Frau, die Präsidentin in einem afrikanischen Land wurde. Jetzt wurde sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Es gab auch vorher schon kaum Zweifel, dass sie in der kommenden Woche erneut zum Staatsoberhaupt des Landes gewählt wird.

Doch nicht immer lief es so gut für Johnson-Sirleaf. Es gab eine Zeit vor "Ma Ellen". Wirklich etwas zugetraut hatten ihr die wenigsten Menschen, damals 2006, als die Außenseiterin gegen den Fußballer George Weah gewann. Der hatte zwar keine Schule abgeschlossen, dafür aber schöne Tore beim AC Mailand geschossen. Es gab nur leise Hoffnungen der Menschen in Liberia - einem Land, das 2006 mehr Wrack als Staat war. 14 Jahre Bürgerkrieg hatten eine blutige Spur von mehr als 200 000 Toten hinterlassen, es gab kaum fließendes Wasser oder Strom, ein Drittel der 3,5 Millionen Einwohner musste seine Dörfer verlassen, die Arbeitslosigkeit lag bei 90 Prozent. Es gibt bessere Startbedingungen für eine Präsidentin.

Doch Johnson-Sirleaf hatte den Menschen eine Botschaft auf ihren gemeinsamen Weg aus dem Ruin mitgegeben. "Wenn deine Träume dir keine Angst machen, dann sind sie nicht groß genug", sagte sie einmal. Und noch etwas hatte Johnson-Sirleaf mitgebracht. Ihre Bildung. Sie stammte nicht aus der Oberschicht ihres Landes, sie arbeitete sich hoch, bis zum Studium in Harvard. Nach der Rückkehr aus den USA 1979 übernahm sie in Liberia politische Verantwortung und leitete die heimische Entwicklungsbank - unter der Regierung des Militärputschisten Samuel Doe. Erst schwieg sie zu den Verbrechen des neuen Regimes in der Hauptstadt Monrovia. Dann kritisierte sie die Korruption und Raffgier der Herrscher. Und landete dafür im Gefängnis. Doch auch im Exil ging ihr Engagement weiter. Johnson-Sirleaf wurde Direktorin der Entwicklungsorganisation der Uno für Afrika. Und sie nutzte ihre Macht.

Während der Zeit im Ausland sammelt Johnson-Sirleaf Spenden für den Aufstand eines gewissen Charles Taylor gegen Herrscher Doe. In der "Zeit" nannte Johnson-Sirleaf die Hilfe für Taylor"die größte Verirrung meines Lebens". 2007 wurde Taylor wegen seiner Verbrechen vor dem Weltstrafgericht in Den Haag angeklagt.

Nicht immer war Ellen Johnson-Sirleaf frei von Irrtümern, nicht immer eine Ikone. Doch als Staatschefin brachte sie Liberia auf den Weg aus der Krise - vor allem mit ihrem hohen internationalen Ansehen. Johnson-Sirleaf erwirkte, dass fünf Milliarden Dollar Auslandsschulden erlassen wurden. Mit Versöhnungskommissionen wollte sie die Wunden heilen, die das Regime Taylors hinterlassen hatte. Per Gesetz führte sie den verpflichtenden und kostenlosen Schulbesuch ein.

Johnson-Sirleaf ist Mutter von vier Söhnen und mehrfache Großmutter. Sie hoffe, dass ihre politische Karriere eine Inspiration für junge Mädchen sei. "Wenn du im Berufsleben mit Männern konkurrierst, musst du besser sein als sie", sagte sie einmal. "Und wenn sie dich dann akzeptieren, sagen sie: Oh, jetzt ist sie eine von den Jungs." Es passt zu ihren Worten, dass Johnson-Sirleaf im Wahlkampf mit dem Slogan wirbt: "Ellen? Sie ist unser Mann."

Die Frau in Weiß

Sie ist eine der wichtigsten Wegbereiterinnen des ersten Wahlsiegs von Ellen Johnson-Sirleaf als Präsidentin Liberias. Doch bevor sich die heute 39-jährige Bürgerrechtlerin Leymah Gbowee für ihre Regierungschefin einsetzte, gründete sie vor zehn Jahren eigene Initiativen, um sich gewaltfrei für den Frieden in ihrem Land zu engagieren. Sie hat dabei schon früh ein Gespür für aufsehenerregende Aktionen entwickelt: So verweigerten Gbowee und ihre Mitstreiterinnen ihren Männern in einem "Sex-Streik" jeglichen Geschlechtsverkehr, um Frieden zu erzwingen. In zahlreichen Protestmärschen gegen den damaligen Präsidenten Charles Taylor und dessen Gewaltregime trugen Gbowee und die Demonstrantinnen als Zeichen für Reinheit und Friedenswillen konsequent weiße Kleidung.

Gbowee hat sich schon früh politisch engagiert. Bereits als junge Frau arbeitete sie als Streetworkerin und versuchte Jugendlichen zu helfen, die unter dem Krieg in Liberia gelitten hatten. Zum Studieren ging sie dann in die USA. Wieder in Liberia, wurde sie 2001 Koordinatorin der Organisation "Women in Peacebuilding" und gründete ein Jahr später die Bewegung "Women of Liberia Mass Action for Peace", in der sie Christinnen und Musliminnen zu Protesten für ein Ende des Bürgerkrieges zusammenführte. Genau das lobte auch das Nobelkomitee: Gbowee habe "Frauen über ethnische und religiöse Grenzen hinweg zusammengeführt, um einen langen Krieg in Liberia zu beenden und die Teilnahme von Frauen an Wahlen sicherzustellen."

Die Revolutionärin

Tawakkul Karman sieht nicht so aus, wie man sich eine Revolutionärin im Allgemeinen vorstellt. Sie trägt lange dunkle Kleider, darüber auch mal einen dunklen Mantel, dazu ein gemustertes Kopftuch. Rebellisch wirkt das nicht. Brav eher. Und angepasst. Doch genau das ist Tawakkul Karman nicht.

Die 32-jährige Jemenitin kann schreien. So lange und laut, bis ihren Lungen die Luft ausgeht. Im arabischen Frühling wurde sie erst in ihrem Heimatland und dann in vielen anderen Ländern zur Ikone der jemenitischen Revolution. Als die Demonstranten zu Tausenden für das Ende des bereits 33 Jahre andauernden Salih-Regimes auf die Straße gingen, stand Karman mit einem Mikrofon in der ersten Reihe. Die Bilder gingen um die Welt. Seit Monaten campiert sie nun mit ihren Mitstreitern auf dem Universitätsplatz der Hauptstadt Sanaa. Die Diktatur, die Korruption, Armut und Arbeitslosigkeit seien wie ein Vulkan. "Ungerechtigkeit und Korruption explodieren, während es keine Chance mehr auf ein gutes Leben gibt", sagte sie dem amerikanischen "Time"-Magazin vor ein paar Monaten.

Die dreifache Mutter ist Sprecherin der jemenitischen Jugendbewegung, Vorsitzende einer Journalistenorganisation und Mitglied der islamischen Islah-Partei. Ihr Engagement gegen den Autokraten Ali Abdallah Salih brachte sie im Frühjahr sogar ins Gefängnis. Karman erhielt danach Botschaften und SMS, in denen ihr mit dem Tod gedroht wurde, falls sie sich nicht zurückhalte. Sogar der Präsident soll ganz unverhohlen entsprechende Nachrichten an sie versandt haben. Doch Karman ließ sich dadurch nicht beeindrucken - und lässt es bis heute nicht. Die Ära der arabischen Diktatoren sei vorbei, dies sei die Botschaft des Nobelpreises, sagte sie der Nachrichtenagentur Reuters in Sanaa. "Ich widme diesen Preis dem jemenitischen Volk, der Jugend des arabischen Frühlings, der arabischen Welt und allen Märtyrern, die für die Freiheit gestorben sind."

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