Oppositionelle interpretieren die Ansprache von Baschir al-Assad als Kampfansage an Regimekritiker, Anhänger weisen auf Reformen hin.

Damaskus/Istanbul. Einen Tag nach der für die Opposition enttäuschenden Rede von Präsident Baschar al-Assad in Syrien ist die Bevölkerung des arabischen Landes gespalten. Während Oppositionelle Assads Ansprache als Kampfansage an die regimekritischen Demonstranten interpretierten, wiesen die Anhänger der regierenden Baath-Partei auf die vom Präsidenten angekündigten Reformen hin.

Die Nachrichten-Website „Syria-News“ meldete am Donnerstag, die Regierungspartei habe eine Juristenkommission damit beauftragt, „zu untersuchen, wie man eine Aufhebung des Ausnahmezustandes innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens vorbereiten kann“. Regierungsbeamte hatten vor der Assad-Rede inoffiziell erklärt, der Ausnahmezustand, der dem Regime seit 1963 als wichtiges Instrument bei der Unterdrückung politischer Gegner dient, werde sofort aufgehoben. Assad hatte in seiner Rede vor dem Parlament am Mittwoch keine der Reformen zugesagt, die bei den Demonstrationen der Opposition in den vergangenen Tagen gefordert worden waren. Die Staatsmacht hatte mehrfach Demonstrationen mit brutaler Gewalt beendet. Nach inoffiziellen Angaben starben mehr als 100 Menschen. Journalisten wurden bei der Berichterstattung über die Proteste behindert.

Kurz nach Assads Rede war es in der Stadt Latakia erneut zu einer Protestkundgebung gekommen, bei der ein junger Mann getötet wurde. Oppositionelle berichteten von zahlreichen Verletzten.

In den Internet-Foren der Opposition wurde derweil über einen Zwischenfall diskutiert, der sich nach der Rede vor dem Parlament ereignet hatte. Eine Frau mit Kopftuch hatte sich dem Fahrzeug von Assad genähert und versucht, ihm ein Papier zu übergeben. Seine Leibwächter stießen sie zur Seite. Über ihre Identität wurde zunächst nichts bekannt.

(dpa/abendblatt.de)