Katastrophe in Fukushima

Lage ist unberechenbar: Höchste Alarmbereitschaft in Tokio

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Thomas Frankenfeld

Foto: AFP

Hochgiftiges Plutonium läuft weiter aus dem Unglücksreaktor aus. Das radioaktive Schwermetall gilt als die giftigste Substanz der Welt.

Hamburg. Japans Regierung ist angesichts der dramatischen Entwicklung im havarierten Atomkraftwerk Fukushima in "höchster Alarmbereitschaft". Das erklärte Ministerpräsident Naoto Kan. Die Lage in der Anlage sei "unberechenbar".

Die Opposition im Parlament in Tokio forderte den Premier dazu auf, die Evakuierungszone um das Atomkraftwerk noch einmal auszuweiten. Kan hatte kürzlich schon empfohlen, alle Bewohner innerhalb einer 30-Kilometer-Zone um Fukushima sollten dieses Gebiet verlassen. 70 Menschen wurden bereits in Sicherheit gebracht. Eine Ausweitung der Zone würde weitere 130.000 Menschen betreffen. Immer wieder kehren aber vor allem ältere Menschen trotz aller Warnungen in ihre Heime auch in der inneren 20-Kilometer-Zone zurück.

Aus dem beschädigten Kraftwerk tritt weiterhin Plutonium aus. Das radioaktive Schwermetall gilt als die giftigste Substanz der Welt und ist bereits in unvorstellbar winzigen Dosen hochgradig krebserregend. Es hat eine Halbwertszeit von 24.000 Jahren. Die Halbwertszeit ist jene Zeit, in der sich die Menge eines radioaktiven Stoffes durch Zerfall um die Hälfte reduziert.

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Nach Angaben des umstrittenen Kraftwerksbetreibers Tepco wurde Plutonium an mehreren Stellen außerhalb des Atommeilers im Boden entdeckt. "Die Situation ist sehr ernst", sagte Regierungssprecher Yukio Edano. In Fukushima werden auch MOX-Brennelemente verwendet - eine Mixtur aus Urandioxid und Plutoniumdioxid. Das ausgetretene Plutonium stammt offenbar von beschädigten Brennelementen. Am Vortag hatte Tepco einräumen müssen, dass es im Reaktorblock 2 zu einer teilweisen Kernschmelze gekommen sei. Offenbar sind auch die Druckbehälter der Blöcke 1, 2 und 3 geborsten. Das Plutonium könnte aus dem Reaktorblock 3 stammen, wo MOX-Mischelemente verwendet werden. Der stellvertretende Chef der japanischen Atomaufsichtsbehörde, Hidehiko Nishiyama, sagte, Plutonium sei eine Substanz, die nur bei hohen Temperaturen ausgestoßen werde. Zudem sei Plutonium sehr schwer und entweiche nicht so leicht.

"Wenn das Plutonium also aus dem Reaktor entwichen ist, dann sagt uns das etwas über die Schäden am Brennstoff. Und wenn es die Schutzhülle durchbrochen hat, unterstreicht dies die Schwere und das ganze Ausmaß dieses Unfalls", sagte Nishiyama.

Bislang hatte der Wind die in die Luft gelangten radioaktiven Partikel auf den Pazifik getrieben. Doch heute Abend soll sich der Wind drehen, in Böen bis Stärke sechs auffrischen und dann in Richtung auf die Hauptstadt Tokio mit ihren 35 Millionen Einwohnern in der Metropolregion wehen. Dazu kommt noch Regen, der die gefährlichen Partikel in den Boden waschen kann. Nach China haben auch Südkorea und selbst die 3000 Kilometer entfernten Philippinen den Fund von radioaktiven Partikeln aus Fukushima gemeldet, deren Konzentration allerdings nicht mehr gesundheitsschädlich sein soll. Thailand lässt eine Lieferung von Südkartoffeln aus Japan vernichten.

Das Krisenmanagement von Tepco hat großen Unmut auch bei der japanischen Regierung ausgelöst. Die Zeitung "Yumiuri" berichtete, das Kabinett erwäge eine vorübergehende Verstaatlichung des Konzerns. Der Handel mit Tepco-Aktien wurde an der Tokioter Börse ausgesetzt, nachdem sie auf den tiefsten Stand seit 30 Jahren gefallen waren. Die Regierung wendet sich nun um Rat an Frankreich, wo 75 Prozent des Stroms aus Kernenergie stammen. In Frankreich laufen 58 Atomreaktoren, kein anderes Land der Erde ist so von Atomstrom abhängig. Experten des Energieriesen Areva werden in Tokio erwartet. Als erster ausländischer Staatschef seit dem Atomunfall will zudem Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy heute Japan kurz besuchen.

Reeder und Häfen in Europa rüsten sich gegen die Strahlengefahr auf Schiffen aus Japan. So erstelle die Hamburger Hafenbehörde derzeit mit dem Zoll einen Notfallplan, wie mit verseuchten Frachtern umzugehen sei, berichtet die "Financial Times Deutschland". "Wir haben aber den Vorteil, dass die Schiffe in der Regel zuerst einen anderen europäischen Hafen anlaufen", sagte ein Behördensprecher. Die Schiffsprüfungsgesellschaft Germanischer Lloyd wisse noch nicht, wie man mit belasteten Schiffen umgehen solle. "Ich rechne damit, dass die Häfen Schiffe aus Japan wegschicken", sagte Chef Erik van der Noordaa. Die ersten möglicherweise belasteten Schiffe aus Japan werden Europa Mitte April erreichen. Die Hamburger Reederei Hapag-Lloyd zieht derzeit Container aus dem Verkehr, die sich im Umkreis von 120 Kilometern von Fukushima befinden.

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