Das Ende der Diplomatie

Washington zieht seine Resolution zurück und attackiert Frankreichs Regierung. Der neue Blix-Bericht interessiert kaum noch jemanden - Für die UNO gilt Ähnliches: Die US-Administration plant den Wiederaufbau des Irak bereits ohne deren Hilfe Die diplomatischen Initiativen der Amerikaner sind an ihr Ende gelangt. Montagnachmittag europäischer Zeit zogen Washington und London entnervt ihren Resolutionsentwurf zurück. Er hätte eh keine Chancen auf Annahme gehabt. Jetzt bereitet sich das Weiße Haus auf den Angriff des Irak innerhalb der nächsten Tage vor. Nur Saddam Husseins Kapitulation und Flucht ins Exil könnte den Krieg noch verhindern. Der Glaube, es könnte am "D-Day der Diplomatie" zu einem "Wunder" kommen, fehlte allerdings schon vor dem Azoren-Treffen sowohl in der Administration als auch in Washingtons diplomatischen Kreisen. Für den Montagabend, spätestens Dienstag, erwarteten Beobachter die kriegserklärende Fernsehansprache des amerikanischen Präsidenten, an der er auf dem Rückflug von den Azoren mit seinen Redenschreibern gearbeitet hatte. Die Schuld für das Scheitern der Diplomatie wird von den Amerikanern wie den Briten Jacques Chirac zugewiesen, der im Weißen Haus inzwischen einen nur von Saddam übertroffenen Schurkenstatus erlangt hat. Bush sprach zornig davon, dass Frankreich die "Karten aufgedeckt" habe und Saddam davonkommen lassen wolle. Außenminister Colin Powell redete voller Verachtung von alten "kommerziellen Beziehungen" zwischen Paris und Bagdad. Vizepräsident Dick Cheney endlich bemerkte Stunden nach dem letzten Angebot Chiracs, eine 30-Tage-Abrüstungsfrist zu akzeptieren, gallig: "Es ist schwer, die Franzosen ernst zu nehmen und zu glauben, dass es diesmal etwas anderes ist als nur eine weitere Verzögerungstaktik." Seit 1995 hätten die Franzosen jeden Versuch verhindert, Saddam zur Rechenschaft zu ziehen. Dick Cheney war es auch vorbehalten, dem Direktor der Atomenergiebehörde (IAEA), Mohammed el Baradei, Inkompetenz oder mindestens Blindheit zu bescheinigen. Dessen Auffassung, wonach es keine Beweise für ein Atomprogramm Saddams gebe, sei "falsch". Die IAEA habe durchweg "unterschätzt oder nicht entdeckt, was Saddam getan hat". Das Pflegen des Ressentiments gegen Frankreich zeigt auch bei den US-Streitkräften Wirkung. CNN-Reporter Walter Rodgers berichtete am Montag von Gesprächen mit der Truppe in Aufmarschcamps in Kuwait, dass für die Soldaten Chirac kaum besser ist als Saddam. Dicht gefolgt von den Türken, die eine reguläre Nordfront für US-Bodentruppen verhinderten. Erfahrene US-Politiker wie George Mitchell, dessen Namen einen noch nicht erledigten Nahost-Friedensplan ziert, sorgen sich um Amerikas Ansehen schon vor einem Krieg ohne UN-Legitimierung. Gerade von einer Europareise zurückgekehrt, zeigte sich Mitchell in einem TV-Interview erschüttert über eine Feindseligkeit gegenüber den USA, "wie ich sie in meiner gesamten Karriere nie erlebt habe". Die größten Probleme würden nach dem Krieg beginnen. Dann benötige Amerika dringend jede Unterstützung der UNO und der alten Alliierten, auch Frankreichs. Sollte ein Bericht des "Wall Street Journal" freilich korrekt sein, plant die US-Regierung in einem Geheimpapier einen rasanten Wiederaufbau des Irak ohne UN-Organisationen. Aufträge in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar sollen an US-Unternehmen vergeben werden. Die Haltung von George Mitchell und anderen Kriegsskeptikern wird vom ersten Satz des "New York Times"-Leitartikels am Montag auf den Begriff gebracht: "Die Vereinigten Staaten, nahezu isoliert, sind im Begriff, einen Krieg im Namen der Weltgemeinschaft zu führen, den diese ablehnt."