Osama Bin Laden ist tot: Fragen, warum er sich mindestens fünf Jahre lang in Pakistan verstecken konnte, bleiben

Pakistan gerät in Erklärungsnot

Dass Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden unbehelligt in der Garnisonsstadt Abbottabad unweit von Islamabad lebte, verschärft die Spannungen zwischen den USA und Pakistan

Hamburg. Bis vor zwei Tagen war die Stadt Abbottabad außerhalb Pakistans nicht sehr vielen Menschen bekannt. Dies hat sich im Wortsinne schlagartig geändert, nachdem US-Eliteeinheiten bei einem blitzartigen Zugriff den seit zehn Jahren meistgesuchten Mann des Globus töteten - Al-Qaida-Führer Osama Bin Laden.

Jahrelang soll der asketische Top-Terrorist in einem riesigen, festungsartig gesicherten Anwesen völlig unerkannt gelebt haben. Das idyllisch gelegene Abbottabad, nach dem englischen Offizier James Abbot benannt, der hier einst Statthalter Ihrer Majestät war, ist kein Dorf, sondern hat geschätzte 150 000 Einwohner. Vor allem aber ist es eine Garnisonsstadt; Truppen der Armee liegen hier, der mächtige Geheimdienst ISI hat hier ein Hauptquartier, und nur wenige Hundert Meter von Bin Ladens Anwesen entfernt steht die Militärakademie Kalkul, die für Pakistan eine ähnlich große Bedeutung hat wie Sandhurst für Großbritannien oder Westpoint für die USA. Viele ehemalige Generale leben in Abbottabad. Wer in dieser sensiblen Gegend Immobilien erwerben will, benötigt eine spezielle Bescheinigung und wird entsprechend durchleuchtet.

Der Umstand, dass der tödlichste Feind der USA, Drahtzieher unter anderem der Terroranschläge vom 11. September 2001 mit rund 3000 Toten, ausgerechnet hier eine Art friedvollen Vorruhestand genießen konnte, hat zu einer tiefen Krise im ohnehin angespannten Verhältnis zwischen Pakistan und den USA geführt.

Schon im Juli 2010 hatte US-Außenministerin Hillary Clinton bei einem Besuch in Islamabad unter Bruch diplomatischer Höflichkeit gezischt, irgendjemand in der pakistanischen Regierung werde wohl Bin Ladens Versteck kennen. Im Brustton der Entrüstung hatte Islamabad derartige Unterstellungen stets zurückgewiesen.

Der Al-Qaida-Führer wurde von offiziellen Stellen irgendwo im unzugänglichen afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet verortet, wo man leider recht wenig ausrichten könne.

Dass Bin Laden nun mitten in einer hochmilitarisierten Zone rund 50 Kilometer von der Hauptstadt Islamabad auftauchte, bringt die Regierung von Präsident Asif Ali Zardari in akute Erklärungsnot. Zardari gab vorsichtshalber Inkompetenz an, als er in der "Washington Post" erklärte, seine Regierung habe keine Ahnung davon gehabt. "Er war nicht dort, wo wir ihn vermutet hatten, aber nun ist er weg", sagte Zardari und schob die Beteuerung nach, Pakistan sei "vielleicht das größte Opfer des Terrorismus auf der Welt".

Zardari gab auch zu, dass Pakistan keineswegs an der "Operation Geronimo" beteiligt gewesen sei, wie es Islamabad nach der Aktion noch behauptet hatte, um das Gesicht zu wahren.

Tatsächlich hatte US-Präsident Barack Obama seinen pakistanischen Amtskollegen erst nach dem Zugriff informiert. Die US-Regierung hatte sehr gewichtige Gründe für diese Verletzung der pakistanischen Souveränität. Der militärische Geheimdienst Inter-Services Intelligence (ISI), der sogar eine eigene Außenpolitik betreibt und als Staat im Staat gilt, ist durchsetzt von Al-Qaida- und Taliban-Sympathisanten. Der scheidende US-Verteidigungsminister Robert Gates war nach einem Bericht der "New York Times" gegen einen Hubschrauberangriff tief auf pakistanischem Territorium und hätte ein Bombardement bevorzugt. Doch Planer im Pentagon kamen zu dem Ergebnis, dass für eine Vernichtung des Bin-Laden-Anwesens mindestens 32 Bomben à 2000 Pfund erforderlich seien. "Dann hätten wir einen gigantischen Krater - und keine Leiche zum Identifizieren", gab ein Geheimdienstler zu bedenken. Man entschied sich also für die Helikopter-Offensive und dafür, Pakistans Regierung nicht vorher einzuweihen. Das Misstrauen ist groß. Obamas oberster Anti-Terror-Berater John Brennan meinte, es sei undenkbar, dass Bin Laden keine pakistanische Hilfe erhalten habe. Der zweifache Pulitzerpreisträger Steve Coll, Autor mehrerer Bücher über Bin Laden, meinte im "New Yorker", es sei wenig glaubhaft, dass der Terrorfürst unerkannt in Abbottabad gelebt habe. Offenbar habe er unter Aufsicht des pakistanischen Staates dort gelebt.

Die in Dubai erscheinende Zeitung "GulfNews" zitierte gar einen hochrangigen Geheimdienstler mit der Aussage, das besagte Anwesen in Abbottabad sei früher ein "safe house", ein sicherer Unterschlupf, des ISI gewesen.

Die Umstände des Todes von Osama Bin Laden könnten die Beziehungen zwischen den USA und Pakistan dauerhaft verändern, schrieb der Londoner "Guardian". Und zitierte einen westlichen Diplomaten in Islamabad mit den Worten: "Das verändert das Spiel. Aber es ist sehr schwierig zu sagen, wie dieses Spiel künftig aussehen wird." Pakistans Kricket-Nationalheld und Politiker Imran Khan meinte bereits: "Dieser ganze Krieg ging doch nur um Osama. Also sollten uns die Amerikaner jetzt allein und in Frieden leben lassen."