Berlin. Moskau und Kiew werfen sich gegenseitig Anschlagspläne auf das AKW Saporischschja vor. Was der Kachowka-Staudamm damit zu tun hat.

Rund 700 Auto-Kilometer liegt Europas größtes Atomkraftwerk (AKW) von dem Ort entfernt, wo sich der weltweit erste GAU ereignete. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine werden immer wieder Befürchtungen laut, dass das AKW Saporischschja das gleiche Schicksal ereignen könnte wie einst Tschernobyl. Jetzt verschärft sich die Lage wieder – zumindest verbal.

Denn die Regierungen in Moskau und Kiew bezichtigen sich gegenseitig, einen Anschlag auf das AKW im Süden der Ukraine vorzubereiten. „Wir haben jetzt von unserem Geheimdienst die Information, dass das russische Militär auf den Dächern mehrerer Reaktorblöcke des AKW Saporischschja Gegenstände platziert hat, die Sprengstoff ähneln“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Dienstagabend in seiner täglichen Videoansprache. Möglicherweise solle ein Anschlag auf das Kraftwerk simuliert und die Ukraine als Drahtzieher beschuldigt werden.

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Selenskyj forderte internationalen Druck auf Russland, um das zu verhindern. „Leider gab es keine rechtzeitige und breite Reaktion auf den Terroranschlag gegen das Wasserkraftwerk Kachowka. Und das kann den Kreml zu neuen Übeltaten inspirieren“, so Selenskji. Am 6. Juni hatte eine Explosion den Kachowka-Staudamm zerstört, woraufhin riesige Wassermassen aus dem angrenzenden Stausee strömten und Hunderte Ortschaften überfluteten. Die ukrainische Seite ist überzeugt, dass Russland das für die Kühlwasser-Versorgung des AKW Saporischschja wichtige Bauwerk absichtlich sprengte. Auch viele internationale Experten halten das für wahrscheinlich, Moskau hingegen dementiert und beschuldigt seinerseits Kiew der Tat.

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Ukraine: Moskau beschuldigt Kiew eines geplanten Anschlags

Schon vor Selenskyjs Videoansprache hatten sich beide Kriegsparteien am Abend mit Vorwürfen überzogen. Renat Kartschaa, Berater des Chefs der russischen Atomenergiebehörde Rosenergoatom, hatte am Dienstag im Staatsfernsehen zu Vermutung geäußert, dass bereits in der Nacht zum Mittwoch ukrainische Streitkräfte das AKW Saporischschja mit Raketen und Drohnen angreifen würden. Der ukrainische Generalstab wiederum schrieb in seinem täglichen Lagebericht über angebliche Sprengkörper auf dem Dach des AKW, deren Explosion den Eindruck eines Beschusses wecken solle.

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Die Sprengsätze seien an den Dächern des dritten und vierten Reaktorblocks angebracht, sollten die Reaktoren selbst aber wohl nicht beschädigen, heißt es im Lagebericht des ukrainischen Generalstabs. Die Ukraine werde nicht gegen die Normen des Völkerrechts verstoßen, betonte die Militärführung in Kiew zugleich.

Genau solch einen Verstoß warf Kartschaa den Ukrainern vor. Demnach soll nicht nur das AKW beschossen werden, sondern auch zeitgleich eine mit Atomabfällen bestückte Bombe abgeworfen werden. Beweise für die Anschuldigung brachte der hochrangige Moskauer Beamte nicht vor – genauso wenig wie die ukrainische Seite.

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Das AKW Saporischschja ist von Russland besetzt

Sowohl Moskau als auch Kiew hatten sich in der jüngsten Vergangenheit immer wieder geplante Provokationen rund um das AKW vorgeworfen. Zuletzt wurden die Anschuldigungen aber stetig schärfer. Rettungskräfte trainierten deswegen in den Regionen um die ukrainischen Städte Cherson, Mykolajiw, Saporischschja und Dnipro bereits für einen möglichen atomaren Notfall.

Russische Truppen halten das Kraftwerk Saporischschja im Süden der Ukraine seit März 2022 besetzt. Der riesige Komplex geriet während der Gefechte mehrfach unter Beschuss. Aus Sicherheitsgründen wurde das AKW inzwischen heruntergefahren. Eine Beobachtermission der Internationalen Atomenergiebehörde ist vor Ort. (dpa)

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