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Was ist deutsch? Ein Modell von Deutschland

Die Speicherstadt ist
anerkanntes Weltkulturerbe
und birgt ein kleines
Weltwunder – das
Miniatur Wunderland

Die Speicherstadt ist anerkanntes Weltkulturerbe und birgt ein kleines Weltwunder – das Miniatur Wunderland

Foto: Marcelo Hernandez / HA

Vor der Bundestagswahl bereist Matthias Iken das Land, spürt der Seele der Bundesbürger nach. Letzter Teil: Das Miniatur Wunderland.

Hamburg. Vielleicht liegt sie irgendwo tief in der deutschen Seele verborgen – die Sehnsucht nach dem Kleinen, Gemütlichen, nach dem Spitzweg-Idyll. Und ein Hang zum Spielerischen, zum Kind im Manne. Modelleisenbahnen sind vor allem ein deutsches Phänomen. Bis in die 90er-Jahre hinein gehörten sie zur Grundausstattung vieler Kinderzimmer, heute hingegen sind sie fast völlig verschwunden. Außer in Hamburg.

Hier ist die schönste, die spektakulärste und mit mehr als 15 Kilometern verlegten Gleisen auch längste Modellbahn der Welt. Fragt man Weltenbummler auf der Reiseseite TripAdvisor, hat Kanada seine Niagarafälle, Großbritannien seinen Big Ben – und Deutschland sein Miniatur Wunderland. Für die Touristen aus aller Welt hat die Schöpfung im Kleinformat das Brandenburger Tor, den Kölner Dom oder Schloss Neuschwanstein zum zweiten Mal in Folge auf die Plätze verdrängt.

Drei Fragen an Frederik Braun

Im Weltkulturerbe Speicherstadt wächst ein zweites Weltkulturerbe. Hinter der neugotischen Backsteinarchitektur finden sich italienische Renaissance neben deutscher Fachwerkromantik und amerikanischen Wolkenkratzern; im größten Lagerhauskomplex der Welt finden ganze Länder Platz. Das muss man erst einmal schaffen.

„Land der unbegrenzten Möglichkeiten“

Die, die das geschaffen haben, sind die Zwillingsbrüder Gerrit und Frederik Braun. Dabei waren die beiden Ham­burger keine Modellbahnfreaks, sondern Discobesitzer in Eilbek. Deutsche Durchschnittsunternehmer mit überdurchschnittlicher Kreativität. „Deutschland ist ein Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, sagt Frederik Braun. „Hier kann man alles erreichen – sogar ein Miniatur Wunderland bauen.“

Alles begann im Sommer 2000. Damals reiste Frederik Braun mit seiner damaligen Freundin nach Zürich. „Ich hatte zu dieser Zeit keine große Lust mehr auf das Nachtleben“, erinnert er sich. Eine Mischung aus Langeweile und Zufall trieb Braun in einen kleinen Modelleisenbahnladen gegenüber. Hier kam ihm plötzlich die Idee eines gigantischen Wunderlands. Sofort rief er seinen Zwillingsbruder in Hamburg an. „Ich dachte, der ist verrückt geworden“, erinnert sich Gerrit Braun an das folgenreiche Telefonat. „Ich fragte ihn: Hast du einen Sonnenstich?“ Frederik ließ nicht locker, am selben Abend war sein Bruder überzeugt.

16 Millionen Besucher

Inzwischen sind es 16 Millionen andere. So viele Besucher hat das Wunderland Mitte August gezählt. Der Ausländeranteil steigt stetig, inzwischen liegt er bei 25 Prozent. Die Besucher finden auf den alten Speichern am Kehrwieder ein besonderes Deutschland. Dabei gibt es „Deutschland“ eigentlich gar nicht, man bestaunt dort die Schweiz, Italien, USA – die Heimat ist in Mitteldeutschland, Knuffingen und Hamburg geteilt.

„Heute würden wir Deutschland sicher anders bauen“, verrät Braun. „Aber als wir damals anfingen, fehlten uns Geld, die Fläche und auch das Wissen.“ Zunächst hätten die Brüder die Häuser aus Bausätzen zusammengesetzt, und weil die Modellbauer wie Kibri oder Faller vor allem im Süden produzierten, sieht jener Kern der Anlage aus wie Dinkelsbühl oder Michelstadt. Knuffingen liegt südlich des Weißwurst-Äquators.

Weder Terror noch Krieg

Es ist ein verfremdetes Land, das einem doch seltsam bekannt vorkommt. Das liegt zum einen an den gestauchten und veränderten Maßstäben, zum anderen an der überschäumenden Detailfreude. Auffällig ist die Feierlaune der Michels in Kleinformaten, es wird getanzt, geturtelt, gezecht, gelacht. Im Maßstab 1:87 schrumpfen die großen Sorgen dieser Welt, es geht fröhlicher zu. „Wir idealisieren aber nicht“, sagt Braun. „Die Zahl der Unfälle und Brände ist Gott sei Dank nicht repräsentativ, sie gehören in der Modellbauanlage aber dazu.“ Von den 260.000 Figuren im Wunderland verunglücken jährlich 3500 oder werden entführt. „Klar ist aber, dass weder Terror noch Krieg ins Wunderland passen“, so Braun. Über die Jahre hat sich die Welt im Kleinen verändert. Die Modellbauer haben Handymasten in die Landschaft gepflanzt und Windräder auf­gestellt. „2001 gab es auch noch keine Fanfeste“, sagt Braun. „Die Weltmeisterschaft 2006 hat das Land verändert.“ Es sei fröhlicher geworden, gelassener.

Das Wunderland ist ein Wirtschaftswunder

Ein neues Deutschland, Baujahr 2017, sähe anders aus. Es würde eher den Querschnitt des Landes abbilden – ebenso wie Italien Rom, Venedig, den Vesuv und Cinque Terre zeigt oder die Schweiz das Matterhorn und St. Moritz. „In zehn Jahren müssen wir Deutschland sicher neu bauen“, sagt Braun. „Dann geht der große Kampf los.“ Die Mitarbeiter würden sich für ihre Heimatregionen starkmachen. Schon jetzt werben Kollegen für Liebgewonnenes, etwa das Hermannsdenkmal. Kommt dann auch der Kölner Dom, das Brandenburger Tor? Das Heidelberger Schloss? Nicht auszuschließen. Viele Besucher, verrät Braun, wünschen sich die Schwebebahn in Wuppertal. Nichts ist unmöglich.

Das Wunderland ist ein Wirtschaftswunder – alle Experten hatten den Kopf geschüttelt, gespottet, gewarnt. Eine Modelleisenbahn? Wer bitte sollte sich so etwas anschauen wollen? Zumal dieses Hobby mehr und mehr aufs Abstellgleis fuhr. Natürlich gibt es sie noch, die bekannten Modellbaufans: Horst Seehofers Bahn im heimischen Keller ist mehr als eine Legende: Dort fahren software-gesteuert verschiedene Züge Bayern oder Bonn an; Angela Merkel und Sigmar Gabriel stehen am Bahnhof. Deutsche Politik im Kleinformat. Auch der große Zoologe Konrad Lorenz ließ Modellzüge durch sein Arbeitszimmer fahren, und Peter Frankenfeld hatte in seinem Haus in Wedel einen ganzen Kellerraum zur Modellbahnanlage ausgebaut, im Garten fuhr eine riesige Spur-1-Bahn vom Haupthaus zu einem Grillhäuschen.

Heute fehlt der Nachwuchs. Kaum noch ein Spielwarengeschäft führt Märklin und Co. im Sortiment. Viele Anbieter sind pleitegegangen, andere wurden übernommen oder fristen ein Schattendasein. „Es ist schon traurig, wenn man so erfolgreich ist in einer sterbenden Branche“, sagt Braun. „In den 70er-Jahren hätten wir hier noch eine ganze Etage mit Zubehör verkauft.“ Heute aber verblasse der Wunsch nach einer eigenen Eisenbahn schon an der Brooksbrücke: „Die Kinder leben in einer virtuellen Welt, da ist eine Modelleisenbahn viel zu langsam und zu teuer.“

Reale Welt kommt der virtuellen verdammt nah

Dabei kommt die reale Welt der virtuellen immer wieder verdammt nah: Zur vergangenen Wahl haben die Parteien sogar ihr eigenes Wunderland gestalten dürfen – im Bayern der CSU geht es volkstümlich zu, Polizisten reiten durch das blau-weiße Modell. Bei der CDU arbeiten die Kinder im digitalen Klassenzimmer am Computer, die Schuldenuhr ist bei null stehen geblieben. Im Utopia der Grünen drehen sich Windräder und baden die Menschen im Bach, während die Linke gleich zwei Modelle präsentiert: den Überwachungsstaat Fiesbaden und das sozialistische Paradies Wies­baden. Bei der SPD geht ein Riss durchs Land, den Bürgerversicherung und Mindestlohn kitten sollen, eine Heuschrecke, so nannte Franz Müntefering gierige Investoren, wird gefesselt, ein Panzer zerlegt. Die FDP hat sich das Arbeitsamt in ein Bürgerbüro und Start-up-Center verwandelt; eine 24-Stunden-Kita betreut Kinder Tag und Nacht. Parteiprogrammatik im Maßstab 1:87.

Wenn Parteien Wunderwelten bauen ...

Für die nun anstehende Wahl wird die wunderbare Idee nicht wieder aufgelegt: Politikverdrossenheit im Wunderland? Nicht wirklich, sondern eher eine Kosten-Nutzen-Kalkulation. „Mit einer Wunderwelt der Parteien sind ein Modellbauer und zwei bis drei Helfer sechs Wochen ausgelastet“, sagt Braun. Viel Aufwand, aber wenig Schlagzeilen. Das Interesse der Medien hielt sich 2013 in Grenzen – als die grüne Parteichefin Katrin Göring-Eckart ihr Modell präsentierte, kamen gerade vier Journalisten. Auch die Begeisterung der Modellbauer für die Politik blieb überschaubar. Wer eine Welt bauen kann, lässt sich ungern von Parteiprogrammen regieren. „Keiner hatte Lust, das AfD-Paradies zu bauen. Und bei den Linken war das vor vier Jahren schon schwierig“, verrät Braun.

Auch ohne die große Politik wächst das kleine Wunderland in Hamburg. Die Besucherzahlen steigen weiter, im laufenden Jahr dürften 1,3 bis 1,4 Millionen Gäste die Speicher besuchen. An vielen Stellen, so Braun, spüre man die „deutschen Tugenden“, die viele dem Land für Autos, Waschmaschinen oder die Nationalmannschaft nachsagen: Perfektionismus, das Streben nach „högschter Qualität“, wie es der Bundestrainer Jogi Löw ausdrücken würde, und die Schwäche, nie zufrieden sein zu können.

Hierin lag der Antrieb, auch im Miniatur Wunderland vieles zu verändern. Mehrere Patente haben die Wunderländer auf ihre Erfindungen angemeldet. Der computergestützte Autoverkehr, die Steuerung der Fähren im Abschnitt Skandinavien wurden in der Speicherstadt entwickelt. „Allein für den Flug­hafen Knuffingen waren 40 Erfindungen nötig“, sagt Gerrit Braun. Dabei sei das Team von aktuell 360 Mitarbeitern „eigentlich ein Chaoshaufen“, sagt Braun.

„Wir haben keine Hierarchie, das ist sicher nicht typisch deutsch“, sagt Braun. „Und bis jemand rausfliegt, muss was passieren.“ Auch die Philosophie der Zwillingsbrüder liest sich anders: „Wahrscheinlich würden uns Unternehmensberater für verrückt erklären und sagen, dass wir eine gleich große Anlage mit der gleichen Anzahl von Zügen und Figuren mit der Hälfte der Mitarbeiter in der Hälfte der Zeit bauen könnten. Aber dann wäre das Wunderland nach unserer Meinung kein Wunderland mehr.“ Noch ein Wunder, made in Germany.

Die Serienteile:

1. Zugspitze Faszination
Wandern: Höllentalangerhütte
2. Lüneburg Deutschland von außen: Prinz Asfa-Wossen
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5. Wittenberg Im Lutherjahr: Was bleibt vom Glauben?
6. Wesenberg Landwirtschaft: Auf dem Bio-Gourmethof
7. Wolfsburg Das Automobil: VW-Werk
8. Hümmel Der deutsche Wald: Peter Wohlleben
9. München Land der Ideen: Deutsches Museum
10. Hamburg Spiel der Millionen: Das Miniaturwunderland