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Von Märchen und Albträumen eines dichtenden Prinzen

Lüneburg als Perle der Backsteingotik bietet geradezu verschwenderisch Fotomotive, etwa den Alten Kran  im Hafen

Lüneburg als Perle der Backsteingotik bietet geradezu verschwenderisch Fotomotive, etwa den Alten Kran im Hafen

Foto: dpa Picture-Alliance / / picture alliance / Bildagentur-o

Vor der Bundestagswahl hat Matthias Iken das Land bereist. Teil 2: In Lüneburg traf er den Kulturdeutschen Asfa-Wossen Asserate.

Lüneburg. Mit Speck fängt man Mäuse – und mit Gedichten fängt man Lehrer. Als Prinz Asfa­-Wossen Asserate in Lüneburg den Satz „Erst wenn man ein Gedicht auf­sagen kann, kennt man es wirklich“ sprach, brandet zum ersten Mal Applaus auf. Der Unternehmer und Bestsellerautor spricht auf Einladung des Verbands Deutscher Lehrer im Ausland über seine Liebe zur deutschen Kultur und über die Herausforderungen für Afrika.

Asfa-Wossen Asserate, Großneffe des legendären äthiopischen Kaisers Haile Selassie und Wahlhesse, ist der perfekte Redner für die Hauptversammlung des Verbands in Lüneburg. Er ist eloquent, kulturbeflissen und selbst Absolvent der Deutschen Schule Addis Abeba. Vor allem aber gilt für Asserate, was einstmals der große Philosoph Georg Simmel formulierte: „Der beste Kenner eines Landes und seiner Gesellschaft ist der Fremde, der bleibt.“

Ein Mann aus Äthiopien, der die Deutschen kennt

Asserate kennt die Deutschen und ihre Kultur besser als viele Landsleute ohne Migrationshintergrund, wie es heute technokratisch heißt. Es soll ja sogar Leute geben, die der Meinung sind, „eine spezifisch deutsche Kultur ist, jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar“. Die Verfasserin dieses Satzes ist Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Asserate ist stolz auf seine Integration. Als sein Lieblingsgedicht rezitiert er das Sonett des barocken Dichters Andreas Gryphius „Es ist alles eitel“:

Du sihst / wohin du sihst
nur Eitelkeit auff Erden.

Was dieser heute baut /
reist jener morgen ein:

Wo itzund Städte stehn /
wird eine Wiesen seyn /

Auff der ein Schäfers-Kind
wird spielen mit den Herden.

Und wie der kleine Mann da sitzend den großen Gryphius deklamiert, ist es plötzlich mucksmäuschenstill im Festsaal des Lüneburger Seminaris Hotel. Das Haus aus den 70er-Jahren am Rande des historischen Stadtzentrums fremdelt ein wenig mit der mittelalterlichen Hansestadt, die Heinrich Heine einst als „Residenz der Langeweile“ schmähte. Die auffällige Unauffälligkeit des Tagungsraums gibt Heine unfreiwillig Recht, ein Pult, die obligatorischen Aufsteller und die einsame Zimmerpflanze am Fenster – teutonische Tagungstristesse. Eben noch reihte sich ein Grußwort an das nächste, ging es um Besoldung und Versorgungszuschläge für Lehrer im Auslandsdienst.

Ein Leben ohne Bach nicht vorstellbar

Und plötzlich weitet Gryphius den Raum und eröffnet das Panorama einer großen Kultur. Weil Asserate auch von außen auf Deutschland schaut, dringen seine Worte tiefer nach innen. Und er lässt seine Zuhörer milder auf ihr Vaterland blicken. „Ein Leben ohne die deutsche Sprache, ohne das deutsche Theater und ohne die Musik Bachs, Beethovens und Mozarts kann ich mir nicht mehr vorstellen“ sagt Asserate. „Und ganz gewiss auch nicht ein Leben ohne die deutsche Literatur.“

Asserate wurde früh mit dem Deutschland-Virus infiziert. Als die Kommunisten 1974 die Macht in seiner Heimat übernahmen, beantragte er Asyl in Deutschland. Hier wurde er 2003 auf einen Schlag berühmt, als sein Buch „Manieren“ die Bestsellerlisten stürmte – dabei brachte er seinen Mitbürgern auf vergnügliche Art ihre eigenen Traditionen und Sitten näher.

Mit Tante Louise in die Märchenwelt

Die ersten deutschen Worte lernte der Spross des äthiopischen Kaiserhauses von der deutschen Erzieherin „Tante Vera“; die Tante Louise aus Hamburg entführte ihn in Grimms Märchenwelt. Seine Schulzeit in Addis Abeba prägte ihn: „Wir lasen nicht nur den Werther, die Wahlverwandtschaften, Wilhelm Meister und die meisten der Goetheschen Dramen, wir führten in der Laienspielgruppe auch den Urfaust auf“, erzählt Asserate und verwandelt den Tagungsraum endgültig in einen Ge- schichtssaal. „Mir war dabei die Rolle des Mephisto zugedacht.“

Asserate ist ein Wanderer zwischen den Welten, der angekommen ist. „Unser kulturelles Erbe, macht uns zu den Menschen, die wir sind. Es bestimmt unsere Weltbilder, und unsere Weltbilder bestimmen unser Handeln. Mein Leben haben zwei große Kulturnationen geprägt: mein Heimatland Äthiopien und Deutschland.“

Er wollte endlich deutsche Luft atmen

Auch die Lehrer hier in Lüneburg haben mehrere Kulturen kennengelernt – sie waren in Rom, Riad oder Rio, in Bangkok, Bogota oder Boston. Mitgebracht haben sie einen besonders klaren Blick auf ihre Heimat. 140 deutsche Schulen gibt es weltweit, rund 1900 Lehrer aus Deutschland unterrichten dort. Fast 80.000 Schülerinnen und Schüler besuchen Auslandsschulen, sie gelten als Bildungsinländer. Auch die Abiturprüfungen sind „made in Germany“.

Auf der Nordhalbkugel kommen die Abituraufgaben aus Thüringen, auf der Südhalbkugel aus Baden-Württemberg. Obwohl das Auswärtige Amt und Schulvereine vor Ort die Schulen mitfinanzieren, müssen Eltern oft tief in die Tasche greifen – das verleiht den Bildungseinrichtungen eine gewisse Exklusivität. Es geht um Sprache und Werte, die Schulen verstehen sich als „Flaggschiffe“ und „Leuchttürme“ in einer globalisierten Welt. Da darf es verwundern, dass die Bundesrepublik die Auslandsschulen nicht noch intensiver fördert, denn Wirtschaft und Kultur profitieren gleichermaßen. Der renommierte Schriftsteller Ilja Trojanow ging einst auf die Deutsche Schule in Nairobi. Asserate baute sein Abitur in Addis Abeba.

„So viele Jahre hinweg hatte ich mich unter der Glasglocke der Deutschen Schule mit der deutschen Sprache und Kultur beschäftigt, nun wollte ich endlich deutsche Luft atmen und zwar in vollen Zügen“, erzählt Asserate. Er ging nach dem Abitur nach Tübingen, um Geschichte und Jura zu studieren. Und geriet mitten in die Wirren der 68er – in Opposition zum Sozialistischen Deutschen Studentenbund. „Für mich persönlich bestand die größte Bereicherung jener Zeit darin, dass ich erleben durfte, welch große kulturelle Errungenschaft in dem deutschen Wort ‚politischer Gegner‘ steckt.“ In Afrika gebe es mehr als 2000 verschiedene Sprachen, aber überall heißt es dort „Feind“. Asserate erzählt von einem Bild, das ihm nicht aus dem Kopf geht, ein Foto aus dem Restaurant des Bundestages vom 27. April 1972. Es zeigt Willy Brandt und Rainer Barzel am Abend des Misstrauensvotums, Gewinner und Verlierer einträchtig beim Bier. „Dieses Bild sollte als Lehrstück deutscher politischer Kultur millionenfach vom afrikanischen Himmel regnen, um jedermann verständlich zu machen, was die wahre Basis einer Demokratie ist: Respekt für den politischen Gegner.“

Keine Entwicklungshilfe mit der Gießkanne

Asserate ist ein wirklicher Doppelstaatler: „Ich fühle mich als Deutscher – und gleichzeitig wird, solange ich lebe, ein äthiopisches, ein afrikanisches Herz in mir schlagen.“ Er schlägt die Brücke von seiner Wahlheimat in sein Herkunftsland, wie in seinem Buch „Die neue Völkerwanderung: Wer Europa bewahren will, muss Afrika retten.“ „4,4 Millionen Afrikaner befanden sich Ende 2015 auf der Flucht. Die meisten von ihnen stammen aus Ostafrika, aus Somalia, dem Sudan, Eritrea und auch aus Äthiopien“, sagt der Autor. „Wenn dabei von „illegalen“ oder „irregulären“ Migranten die Rede ist, darf eines nicht vergessen werden: Es besteht für Afrikaner kaum eine Möglichkeit, auf legalem Wege nach Europa zu gelangen.“ Ihre einzige Chance: es als Illegale zu versuchen.

„Wir müssen die Menschen vor Ort in den Ländern Afrikas unterstützen, damit sie in ihrer Heimat Perspektive und Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben finden“, sagt der 68-Jährige. Er fordert Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe, aber keine Entwicklungshilfe mit der Gießkanne. „Wie will man verhindern, dass das ganze Geld einmal mehr in den Taschen afrikanischer Autokraten verschwindet, die damit ihre Macht zementieren?“ Asserate schlägt vor, gute Regierungsführung zum Kriterium für Wirtschaftshilfe zu machen.

„Regierungen, die das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit missachten und die Menschenrechte mit Füßen treten, verdienen keine Unterstützung.“ Da klatschen die Lehrer erneut – viele von ihnen können Geschichten aus Unrechtsstaaten erzählen, die wie Gruselmärchen klingen, aber wahr sind.

Europa kann bei der Rettung Afrikas helfen

Eindringlich wirbt der gebürtige Afrikaner, der noch vor einer Viertelstunde von Kloppstock und Lessing, Eichendorff und Brentano schwärmte und von seiner „besonderen Herzensnähe zum Gedankengut der deutschen Romantiker“ sprach, für seinen Heimatkontinent. „Niemand von außen wird Afrika retten können – das müssen die Afrikaner selbst tun. Aber Europa kann ihnen helfen.“ Und muss es auch, allein aus Selbstschutz. „Die Afrikaner werden mit den Füßen abstimmen“, warnt der Neffe von Haile Selassie. „Ich habe einen Albtraum, ich höre die Nachricht, dass zwei Millionen Afrikaner in Gibraltar gelandet sind. Was sollen wir dann tun?“

In Lüneburg scheint Afrika weit weg, und rückt dann doch näher, als vielen lieb ist. Asserates Albtraum will nicht so recht in dieses Schmuckkästchen passen. Das Städtchen mit seiner über 1000-Jährigen Geschichte, dieses Idyll in der Heide, wirkt mit seinen kleinen Gässchen, den sauberen Straßen und vielen jungen Leuten wie eine Puppenstube. Wer nach dem Vortrag über den Prachtplatz Am Sande läuft, möchte die Albträume des Asfa-Wossen in das Reich der Fantasie verbannen. Hier reiht sich verschwenderisch Perle an Perle zu einer Perlenkette der Backsteingotik, des Barocks, der Renaissance. Sie erzählen vom überbordenden Reichtum der Salzstadt an der Ilmenau. Ihre Blütezeit endete spätestens im Jahr 1637, als die Stadt ihre Freiheit verlor und Herzog Georg von Braunschweig die Tore öffnete. Es war im selben Jahr, dass Andreas Gryphius dichtete:

Was itzund prächtig blüht /
sol bald zutretten werden.

Was itzt so pocht vnd trotzt
ist morgen Asch vnd Bein /

Nichts ist / das ewig sey /
kein Ertz / kein Marmorstein.

Itzt lacht das Glück vns an /
bald donnern die Beschwerden.

Alles ist eitel. Reichtum und Glück sind kein Verdienst, aber aus ihnen erwächst Verantwortung.

Die Serienteile

m Wandern.

Zugspitze. Hinter der Kurve endet die Zivilisation. Eben noch sind wir mit der Kreuzeckbahn in einer Gondel auf 1650 Meter über Normalnull in die Höhe geschaukelt. Technik, Tourismus, Trubel. Hier oben locken die Bergstation, Aussichtspunkte und eine Hütte des Deutschen Alpenvereins, unten liegt das quirlige Garmisch-Partenkirchen. Doch wer nur einige Hundert Meter Richtung Hupfleitenjoch weiterwandert, ist an diesem Morgen bald allein. Durch die Hänge hindurch, vorbei an tiefenentspannten Kühen, weißen Alpen-Küchenschellen und violetten Witwenblumen lockt der Berg. Der Wanderer ist bei sich, er geht, geht auf in der Natur. Wie wusste schon Goethe: "Berge sind stille Meister und machen schweigsame Schüler." Entschleunigen statt eilen, lauschen statt schwätzen, wahrnehmen statt konsumieren. Einfach laufen. Einfach leben.

Auch die Kanzlerin wandert

Wandern! Das vielleicht deutscheste aller Hobbys. Kein Wandertag in der Schule, kein Wandertrauma früherer Sommerfrische, kein verstaubtes Wanderlied kann uns das Wandern verleiden. Sogar das Wörtchen Führer hat hier überlebt, im Wanderführer. Früher gab es die rote Mao-Bibel, heute gibt es den roten Rother-Wanderführer in Millionenauflage. Die Kanzlerin wandert, Bürgermeister Olaf Scholz ohnehin, wohlwissend, dass dies beim Fußvolk ankommt. Der Reiseweltmeister trägt Wanderstiefel. Der Statistik zufolge schreiten fast 38 Millionen Bundesbürger regelmäßig aus.

Wanderburschen und Wandervögel tummeln sich in der deutschen Geschichte: Literaten wie Heinrich Heine, Hermann Hesse, Hölderlin, Bundespräsidenten wie Theodor Heuss oder Karl Carstens. Wer einmal weg ist, ist bald wieder da — ganz oben auf der Bestsellerliste. Hape Kerkelings Pilgermarsch nach Santiago de Compostela avancierte 2006 zum erfolgreichsten Sachbuch seit Jahrzehnten und belegte 100 Wochen den ersten Platz der Bestsellerliste.

Der Deutsche ist Wandersmann

Besonders gerne wandert das Volk in den Bergen. Einer der schönsten Wege durch die Alpen führt unterhalb der Zugspitze in das Höllental hinein. Im Sommer machen sich Tausende auf den Weg, die meisten steigen aus Grainau empor. Die Höllentalklamm ist ein deutscher Canyon, eine Schlucht, die sich bis zu 150 Meter tief in den Stein gefressen hat. Wasserfälle, majestätische Felsformationen, dunkle Tunnel und wackelige Brücken führen nach oben. Zwischen 1902 und 1905 schufen Arbeiter ein beeindruckendes Naturdenkmal, sie spannten Drahtseile, sprengten Tunnel und verbauten 140 Zentner Zement. Heute erwandern sich jährlich rund 60.000 Besucher die über einen Kilometer lange Klamm, deren Weg sich durch zehn Tunnel windet und 118 Höhenmeter überwindet.

Eine nasse Welt

Der Hammersbach, der unterhalb der Klamm unscheinbar dahinplätschert, verwandelt sich in der engen Schlucht in eine Bestie. Eine nasse Welt, unten rauschen in ohrenbetäubender Lautstärke die Fluten, von oben tropft selbst an heißen Sommertagen das Wasser und rinnt über die Wege. Eine Wasserwelt und ein Schaulaufen der Outdoor-Bekleidungsindustrie: Funktionsjacken aller Marken und in allen Formen und Farben, ein Volk in Wanderstiefeln.

Die wirklichen Wanderer zieht es weiter. Und ihre Mühe wird belohnt – egal ob man vom Kreuzjoch ab- oder durch die Klamm emporsteigt. Auf 1387 Meter liegt eine Hütte. Und was für eine: Die neue Höllentalangerhütte ist ein Wanderertraum, ein Aushängeschild, ein Politikum.

Die Höllenangerhütte im Wettersteingebirge

Die Höllenangerhütte im Wettersteingebirge

Foto: DAV / Thomas Gesell

Der Deutsche Alpenverein (DAV) hat hier nach jahrzehntelanger Planung und gegen erbitterte Widerstände 2014 und 2015 eine moderne Hütte errichtet. Mehr als sechs Millionen Euro hat die Sektion München des DAV am Höllentalanger investiert – und damit die Tradition des Alpenwanderns in ein neues Jahrtausend überführt.

Neue Hölle für das 21. Jahrhundert

"Seitdem die Hütte fertig ist, ist die Kritik verstummt", sagt Pächter Thomas Auer aus dem österreichischen Pitztal.

--- Drei Fragen an Thomas Auer ---

Seit 2010 ist er der Chef der "Hölle" – damals eines liebenswürdigen wie sanierungsbedürftigen Hauses aus dem Jahr 1894. Weder beim Brandschutz noch bei den Arbeitsstättenrichtlinien noch bei Hygienevorschriften sei die alte Hütte zukunftsfähig gewesen, die Mitarbeiter mussten teilweise in schimmeligen Räumen wohnen.

Thomas Auer, Betreiber der Höllenangerhütte

Thomas Auer, Betreiber der Höllenangerhütte

Foto: Matthias Iken

2013 wurde die alte "Hölle" abgerissen. "Natürlich ist es schade um das traditionsreiche Haus", sagt Auer. "Aber die Petition für den Erhalt der alten Hütte habe ich auch nicht verstanden", erzählt er. "Als einer Unterschriften für den Erhalt des alten Gebäudes sammeln wollte, habe ich ihm mal das Haus gezeigt. Dann hat er es eingesehen."

Debatte unter Alpinisten

Die neue "Hölle", sie ist ein Sternebau – wenn es diese Kategorien bei Alpenvereinshütten gäbe. Eineinhalb Jahrzehnte hat die Sektion München die Hütte geplant, herausgekommen ist eine Mischung aus Tradition und Moderne. Der Bau unter dem lawinengeschützten Pultdach ist in hellem Holz gehalten, gleich vier Gasträume gibt es für die bis zu 140 Besucher; mehrere Duschen versprechen Komfort. Trotzdem geht die Debatte unter Alpinisten weiter – auf der einen Seite die anspruchsvollen Wanderer, auf der anderen die Traditionalisten, die mehr und mehr nach "wilden Hütten" mit einfachster Kultur verlangen.

Auer kennt beides. Als Kind ist er in den Sommerferien auf der "Braunschweiger Hütte" aufgewachsen, einer Alpenvereinshütte im hintersten Pitztal, die seine Eltern als Betreiber führten. Er resümiert: "Die Ansprüche sind nicht weniger geworden, zugleich aber schwindet das Verständnis, dass wir hier oben in der Hütte wie auf einer Insel leben". Tatsächlich mokieren sich manche über Sylter Preise, dabei müssen Getränke und Nahrungsmittel per Materialbahn, in manchen Häusern sogar per Hubschrauber eingeflogen werden.

Auf den Sommer verzichten

Es gibt einsam liegende Einrichtungen, in denen allein die Bereitstellung eines Liters Wasser fünf Euro kostet. Da verlangen die Pächter für ein Bier oder eine Limonade schnell mehr als vier Euro. Und natürlich wollen sie auch etwas verdienen. "Sonst würde ich das auch nicht machen", sagt Auer. Aber Geld allein treibt die Hüttenmanager nicht in einsame Höhen. "Es muss einem gegeben sein", sagt Auer, der zudem im Pitztal das Vier-Sterne-Hotel Andreas Hofer betreibt. "Wir müssen hier oben auf den Sommer verzichten. Wenn der Frühling kommt, ziehen wir auf den Berg. Und wenn er vorbei ist, geht es ins Tal zurück."

Den Sommer oben kann man kaum genießen, weil ein Berg von Arbeit auf die Pächter wartet. Ruhetage gibt es nicht, die Tage sind lang, sie reichen von halb 5 in der Früh bis 11 Uhr in der Nacht. Da kommt manche Hüttenromantik zu kurz. Das gemeinsame Singen oder Musizieren im Gastraum ist eher selten geworden, obwohl seine Gattin Ziehharmonika spielt und Auer selbst "die besondere Atmosphäre" schätzt, wenn gesungen wird. "Man ist einfach froh, wenn man in der Horizontalen liegt."

Rund 11.000 Übernachtungen

So geht es auch den Wanderern. Die Höllentalangerhütte zählte im vergangenen Jahr rund 11.000 Übernachtungen. Das Wandern, der Kampf mit dem Berg und dem inneren Schweinehund, macht so müde, dass viele auch Hardcore-Schnarcher im Matratzenlager ertragen – und sogar gern wiederkommen.

Oft sind es Besserverdiener, die mit Freuden freiwillig auf jeden Komfort verzichten und in die Berge strömen. Die Sehnsucht nach dem einfachen Leben wächst offenbar mit dem Kontostand. "Es gibt schon Geschäftsleute, die vom iPhone und Laptop getrieben sind und hier oben die Ruhe genießen." Nur im Bereich der Rezeption verbindet das Internet die "Hölle" mit der Welt, sonst taucht man ein in das Tal der Ahnungslosen. "Man ist hier der Welt entrückt", sagt Auer. "Unten ärgere ich mich jeden Tag über die Nachrichten, hier oben schaue ich kaum rein – und muss mich nicht mehr ärgern."

323 Alpenhütten

Wandern ist die Entdeckung der Langsamkeit. Vier bis sechs Stundenkilometer ist das menschlichste aller Tempi; nichts rauscht vorbei, alles wird sicht-, spür-, fühlbar. Das Leben als Aussteiger auf Zeit lockt immer mehr Menschen in die Höhe. Die 323 Hütten des Alpenvereins zählen pro Jahr 750.000 Übernachtungen. Die Deutschen bilden die absolute Mehrheit, gerade an der Zugspitze – auch weil der höchste Berg des Landes noch immer einen besonderen Ruf genießt. "Jeder Deutsche, der etwas vom Wandern hält, muss über den Höllental-Klettersteig gewandert sein", weiß Auer. Er sieht einen Trend zum Wandern gerade bei Jüngeren: "In den Achtzigerjahren war das Wandern out, nun gilt es wieder als cool. Dazu hat sicher auch die Outdoor-Branche viel beigetragen." Nicht nur Jugendliche, auch junge Familien zieht es vermehrt in den Berg.

So geht es auch Auers Familie. Sein Sohn Gernot, der Älteste von fünf Kindern, bewirtschaftet seit diesem Jahr die Knorrhütte unterhalb des Zugspitzplatts. Fast 700 Meter oberhalb seines Vaters versorgt er die Bergsteiger, die der Zugspitze zustreben. "Vielleicht wird die Liebe zu den Hütten vererbt", sagt Auer. Warum auch nicht? Die Liebe zum Wandern vererben die Deutschen schließlich seit Jahrhunderten.

Die Serienteile:

1. Zugspitze Faszination Wandern: Höllentalangerhütte

2. Lüneburg Deutschland von außen: Prinz Asfa-Wossen Asserate

3. Hamburg Singen für die Demokratie: Tournee mit Wolf und Pamela Biermann

4. Weimar Deutsche Klassik: Geschichte im Kleinen

5. Wittenberg Im Lutherjahr: Was bleibt vom Glauben?

6. Wesenberg Landwirtschaft: Auf dem Bio-Gourmethof

7. Wolfsburg Das Automobil: VW-Werk

8. München Land der Ideen: Deutsches Museum

9. Hümmel Der deutsche Wald: Peter Wohlleben

10. Hamburg Spiel der Millionen: Das Miniaturwunderland