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Was ist deutsch? Wie viel Luther steckt in Merkel?

In der Stadtkirche
St. Marien  predigte Martin Luther
erstmals auf Deutsch

In der Stadtkirche St. Marien predigte Martin Luther erstmals auf Deutsch

Foto: picture alliance

Vor der Bundestagswahl bereist Matthias Iken das Land, spürt der Seele der Bundesbürger nach. Teil 5: Martin Luther.

Wittenberg. Das Rom des Protestantismus liegt am Rande der norddeutschen Tiefebene inmitten von Kiefernwäldern und Feldern. „Am Rande der Zivilisation, inmitten von Barbarei“, lästerte einer der großen Reformer und Konfessions­begründer, der andere meckerte, er „lebe hier nicht anders denn in der Wüste“. So beschrieben Martin Luther und Philipp Melanchthon Wittenberg – den Ort, der das Land, die Religion und die Sprache revolutionieren sollte. Ein Städtchen von nicht einmal 50.000 Einwohnern, das Weltgeschichte geschrieben hat.

Und dieser Weltgeschichte in Figur des Reformators Martin Luther begegnet man in Wittenberg auf Schritt und Tritt. Gerade in diesen Tagen: Im Lu­therjahr ist jeden Tag Kirchentag. Zumindest im Rahmen der „Weltausstellung Reformation“, die bis zum 10. September dauert. Kaum bin ich aus dem Bahnhof herausgetreten, stehe ich unter einem kathedralenähnlichen Zeltdach und blicke auf eine begehbare, 27 Meter hohe Riesenbibel.

Luthers Trostbegriff

Durch einen holztorbestandenen Stationenweg schlendere ich in die Stadt und bekomme 67 Botschaften in verschiedenen Sprachen mit auf den Weg. Der Bunkerberg mit seinen neuen Installationen, Stegen und Verspiegelungen soll „Wege für spirituelle Erfahrungen eröffnen“. So viel Glaube war selten. Nur die AfD-Plakate, die hoch oben an den Lampenmasten hängen, passen nicht zur frohen Botschaft. Bald öffnet sich die Altstadt mit Lutherhaus und Augusteum, mit den Türmen der Stadt- und der Schlosskirche. Ein Freilichtmuseum der Reformation. Und was für eins.

Drei Fragen an Martin Treu

Der Historiker und Theologe Martin Treu hat sein „Leben mit Luther verbracht“. Nach dem Abitur auf dem Humanistischen Gymnasium zum Grauen Kloster in Ostberlin entschied sich Treu zum Theologie-Studium. „Das war die einzige Insel, auf der man mit Sozialismus nichts zu tun hatte“, sagt er. „Das dicke Ende kam dann später – weil man Probleme hatte, eine Anstellung zu finden.“ 1982 promovierte Treu in Halle zum Thema „Die gegenwärtige Bedeutung von Luthers Trostbegriff“.

Verhältnis zwischen Kirche und Staat

Und hatte Glück: Denn das schwierige Verhältnis zwischen Kirche und Staat verbesserte sich in den Vorbereitungen auf das Luther-Jahr 1983. Erich Honecker persönlich stand einem staatlichen Komitee vor, Luther galt auch der SED als „einer der größten Söhne des deutschen Volkes“. Wittenberg wurde herausgeputzt, eine große Ausstellung lockte 1983 unglaubliche 180.000 Menschen in die Stadt. Und die Kirche bekam einen Platz im DDR-Fernsehen, Gottesdienste zeigten ein aktives Gemeindeleben.

„Eigentlich sollte die Kirche aussterben, aber wir waren noch so viele“, sagt Treu. Die Kirche wurde mehr und mehr zum Zen­trum des Widerstands gegen das SED-Regime, viele Pastoren mischten sich ein. „Das Lutherjubiläum 1983 war der Anfang vom Ende der DDR“, ist sich Treu sicher. 1984 wechselt er als Mitarbeiter der Lutherhalle nach Wittenberg und ist von 1991 bis 1997 deren Direktor. Inzwischen ist er ehrenamtlicher Geschäftsführer der Luther-Gesellschaft.

Luther-Bier und ein Reformations-Teller

Viele Superlative verbinden sich mit dem Mönch aus Wittenberg, gerade im Jubiläumsjahr. Reformator, Weltveränderer, Jahrtausendgestalt, heißt es. Treu bremst: „Wie sehr der Luther des 16. Jahrhunderts auf die Gegenwart wirkt, weiß ich nicht.“ Sicher habe der Reformator viele Anstöße für die Aufklärung gegeben, die Aufklärer hatten sich ihren Luther aber auch „sehr zurechtgebastelt“. Der Mann aus Wittenberg habe Bildung und Seelenheil zusammengebracht. Und die Emanzipation der Frau befördert. „Auch Analphabeten können in den Himmel kommen, aber sie haben es schwerer. Alle Christen müssen also etwas lernen. Auch Frauen sind Christen, und damit müssen auch Mädchen zur Schule gehen.“

Luther wirkt in einer Zeit des Umbruchs: Das Mittelalter ist vorbei, der Buchdruck revolutioniert die Gesellschaft. Und Wittenberg an der Elbe erlebt einen Aufbruch, der die Stadt bis heute prägt: 1502 gründet Kurfürst Friedrich der Weise die Universität, kurz darauf das Kloster und lässt ein prächtiges Renaissance-Schloss errichten. Luther und Melanchthon machen das Städtchen zu einem Intellektuellen-Zentrum. „Nie ist so viel in Wittenberg gebaut worden wie damals“, sagt Treu.

Die Vergangenheit ist größer als die Gegenwart. Der Lutherkult treibt seltsame Blüten. Das Restaurant im Best Western offeriert einen „Refo-Teller“, der aus der Zeit der Reformation zu stammen scheint und dem Lebemann Luther geschmeckt hätte: Eine „Schweineroulade, gefüllt mit Sauerkraut und Würstchen, dazu Kartoffelstampf“ für 8,50 Euro. Da wundere ich mich, dass im Imbiss Amselgrund unter den strengen Augen des Bronze-Reformators der „Stramme Max“ noch nicht zum „Strammen Martin“ mutiert ist.

Man kann Luther in Wittenberg nicht entkommen: Plakate locken zur Luther-Revue „Komm mal runter“ oder zum szenischen Luther-Oratorium; vermutlich singen auch Peter Orloff und der Schwarzmeer-Kosaken-Chor im Stadthaus Luther-Choräle. Eine Kita verweist auf seinen Satz „Bei den Kindern muss angefangen werden, wenn es im Staate besser werden soll“.

Auffallender Leerstand

Der Reformator und sein Mitstreiter Melanch­thon blicken unter ihren Zierdächern streng vom Marktplatz auf das Salamander-Schuhgeschäft und Brillen Wagner. Der auffallende Leerstand in Zeiten von Amazon und Einkaufszentren auf der grünen Wiese können die vielen Läden, etwa die „Denkbar“ der Evangelischen Kirche, das nur mildern. Andere verkaufen Luther-Socken fürs Handy, Luther-Bier, eine Hautcreme namens Katharina von Bora oder ein T-Shirt mit dem Sinnspruch „95-mal hat Martin den Nagel auf den Kopf getroffen.“ Der Kapitalismus verwertet auch seine Kritiker.

Vieles am Luther-Kult gleicht Geschichtsklitterung: Die Preußen haben den Reformator früh zu ihren Zwecken inszeniert. Die Schlosskirche ist nur ein Beispiel, die bronzene Kirchentür, an die Luther der Legende nach am 31.Oktober 1517 seine 95 Thesen geschlagen haben soll, ein Nachbau. Anlässlich von Martin Luthers 400. Geburtstag begann 1883 eine weitreichende Umgestaltung der Kirche im neugotischen Stil als „Denkmal der Reformation“. Zur Eröffnung 1892 reiste sogar Kaiser Wilhelm II. nach Wittenberg.

Wie Luther die deutsche Sprache bereichert hat

„Das Luther-Gedenken ist preußisch gefärbt“, sagt Treu. „Es gibt nur noch wenige echte Spuren, die an ihn erinnern.“ Dazu zählt er das Portal am Kloster, ein Geschenk seiner Frau, die „Judensau“ an der Stadtkirche und das Kopfsteinpflaster auf dem Markt. Viel später kam der Turm der Schlosskirche hinzu, an dem der Satz prangt: „Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen.“

Doch diese Burg ist längst unterspült, der Einfluss des Glaubens schwindet: Der Anteil der Katholiken und Protestanten ist in der deutschen Bevölkerung 2015 auf 28,9 beziehungsweise 27,1 Prozent gesunken. 36 Prozent der Bevölkerung gehörten keiner Religions­gemeinschaft an. 1970 waren die Nichtreligiösen eine verschwindend kleine Minderheit: 47,7 Prozent der Westdeutschen bekannten sich zum Protestantismus, 44,6 Prozent zur römischen Kirche. 1990 – bedingt durch die Wiedervereinigung – rutschte der Anteil unter die Marke von 75 Prozent; schon in zehn Jahren dürfte diese Zahl unter 50 Prozent sinken. Deutschland, das Heimatland der Reformation, verliert seinen Glauben.

„Die Glaubenslosigkeit ist ein europäisches Phänomen“, sagt Treu. In den USA sei das anders, da würden selbst Nichtchristen ihre eigene Kirchen gründen. In Deutschland hingegen sei der Trend nicht neu. „Schon 1870 gehen wir in Berlin von einer Quote von 30 bis 40 Prozent der Konfessionslosen aus. Ähnlich war die Situation in Mecklenburg oder im Ruhrgebiet – mit Ausnahme der polnischen Bergleute, die katholisch blieben.“

Trotzdem hat Luther, der es mit Papst und Kaiser aufnahm, Land und Gesellschaft geprägt wie kaum ein Zweiter. Seinen Einfluss kann man gar nicht überschätzen: Max Weber erklärt den Kapitalismus mit der protestantischen Arbeitsethik, Martin Luther selbst beschreibt es im 90. Psalm: „Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen.“

Dem Volk aufs Maul geschaut

Auch die deutsche Sprache hätte sich ohne Luther kaum so entwickelt. In der Stadtkirche predigte er zum ersten Mal in deutscher Sprache. Wer sich hier heute versenkt und auf den spektakulären Altar von Lucas Cranach blickt, meint, den Reformer noch zu hören. „Luther war ein Virtuose des Wortes“, sagt Treu. „Die Wucht und Poesie seiner Sprache lese ich mit Vergnügen. Und die Qualität ist sehr hoch: Er muss beim Übersetzen laut gesprochen haben.

Wenn der Atem zu Ende ist, kommt der Punkt in Sicht.“ Seine Übersetzungen des Neuen und Alten Testaments ins Deutsche schaffen eine gemeinsame Sprache, die im Norden wie im Süden Deutschlands verstanden wird. „Luther ist ein großer Erzähler, da er nicht Wort für Wort, sondern von Sinn zu Sinn übersetzt. Er hat einen neuen Umgang mit der Heiligen Schrift geschaffen.“ Seine Bibel findet reißenden Absatz, eine Auflage nach der nächsten geht in Druck.

Auch der Umgang mit dem Deutschen ist neu. Luther hat dem Volk aufs Maul geschaut und viele Begriffe erschaffen, die wir heute wie selbstverständlich verwenden. „Schauplatz“ gehört dazu, „Machtwort“, „Lückenbüßer“ oder „Feuereifer“.

Und auch die deutsche Nationwerdung ist ohne Luther kaum vorstellbar. „Kein Ereignis der deutschen Geschichte ist so gedeutet worden wie der Thesenanschlag vom 31. Oktober 1517“, sagt Treu. „Die Stimmung war damals weit verbreitet, dass zu viel Geld nach Rom fließt.“

„Luther war eine vielfältige Figur in Zeiten der Einfalt“, sagt Treu. Und solch vielschichtige Figuren haben es auch heute schwer. Zuletzt haben kritische Geister Luther wegen des Antisemitismus ins Fadenkreuz genommen. Zweifellos – auch ersichtlich an der Judensau an der Stadtkirche – sind seine Aussagen vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte schwer erträglich. Aber vom Sofa des 21. Jahrhunderts lässt sich nicht jede Irrung des 16. Jahrhunderts erklären. Auch Treu sagt: „Luthers Antisemitismus hat weniger mit Luther als mit der deutschen Geschichte zu tun.“

Und noch in einem anderen Punkt wirkt Luther nach: Das evangelische Pfarrhaus war über Jahrhunderte ein prägender Ort. Hier wuchsen viele Dichter und Denker wie Lessing, Wieland oder Nietzsche auf. Auch Kanzlerin Merkel ist Pfarrerstochter aus Templin. Wie viel Luther steckt in Merkel? „Sie ist mehr von den Naturwissenschaften geprägt“, glaubt Treu.

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