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Autor und Förster Peter Wohlleben, der Walderklärer

Peter Wohlleben, Autor und Förster

Peter Wohlleben, Autor und Förster

Foto: Reto Klar

Vor der Bundestagswahl bereist Matthias Iken das Land, spürt der Seele der Bundesbürger nach. Teil 8: Die Deutschen und ihr Wald.

Eifel. Bis vor wenigen Monaten war Heino aus Bad Münstereifel der bekannteste Mann aus der Eifel. Nun aber macht ihm ein 53-Jähriger aus einem Örtchen zehn Kilometer südlich den Platz streitig: Seine Bücher stehen seit Monaten auf den Bestsellerlisten ganz oben, sie wurden in 35 Sprachen übersetzt – sogar Bill Clinton schenkte seiner Frau Hillary ein Exemplar.

19. Buch erscheint

Deutschlands großer Erzähler kommt aus Hümmel, ist Förster und plaudert am liebsten vom Wald und Bäumen. In diesen Tagen kommt Peter Wohllebens 19. Buch auf den Markt – „Das geheime Netzwerk der Natur“.

-- Drei Fragen an Peter Wohlleben --

Sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“ war die Buchsensation der vergangenen Monate. Liebevoll erzählt Wohlleben von „seinen Bäumen“, wie sie aufwachsen, miteinander kommunizieren, wie sie fühlen, leben, sterben. Er vermenschlicht die Natur – und zieht sich den Spott so manches Kollegen zu. Aber die Leser verschlingen seine Werke. „Kann eine Sprache ohne Emotionen überhaupt menschlich sein“, fragt er in seinem neuesten Werk. „Funktionieren wir nicht zu einem großen Teil über Emotionen?“

Freude an Mitgeschöpfen

Er wolle Freude an unseren Mitgeschöpfen und ihren Geheimnissen vermitteln. „Ich kann verstehen, dass viele Forstwirte meine Arbeit kritisch sehen. Ein Schweinemäster möchte auch nicht gerne von den Gefühlen der Tiere lesen“, sagt Wohlleben. „Das erschwert die Vermarktung.“

Die Eifel, wo die Dörfer so seltsame Namen wie Dümpelfeld, Schuld oder Rohr tragen, ist ein Waldland. Verstreut liegen die kleinen Gemeinden im unendlichen Grün, das sich bis an die Grenze nach Belgien und Luxemburg fortsetzt. Motorsportfans kennen den Nürburgring, Geologen wissen um dramatische Vulkanausbrüche, die das Gebiet noch vor 11.000 Jahren erschütterten, Wanderer schätzen den vielseitigen Eifelsteig.

Einstiges Armenhaus

Wer heute durch die Gegend läuft, wird nicht glauben, dass noch vor zwei Jahrhunderten die Eifel das Armenhaus der Republik war, „Preußisch Sibirien“ genannt wurde und wegen vieler Berg- und Hüttenwerke große Regionen entwaldet waren, nur noch mit Heide und Wacholder bewachsen. Heute sind 70 Prozent der Region bewaldet, viele Misch- und Laubwälder schmiegen sich an die Hügel.

Wohlleben ist „Eifeler aus Überzeugung“. Der Sohn eines Finanzbeamten und einer medizinisch-technischen Angestellten wuchs in Sinzig auf und begann sich früh für die Natur zu interessieren; er trieb sich im Wald und am Baggersee herum, machte Experimente und beteiligte sich an „Jugend forscht“. „Ich war das grüne Schaf der Familie“, lacht Wohlleben. Besonders faszinierte den kleinen Peter die Tierwelt, als Jugendlicher brütet er mit dem Heizkissen der Großmutter sogar ein Küken aus. „Das war zwei Tage lustig, danach wurde es anstrengend“, erzählt Wohlleben. „Aber dann hat es ein Englischlehrer für mich aufgezogen.“

Geprägt durch Umweltdebatte

Die Umweltdebatte der Siebziger- und Achtzigerjahre prägt ihn; Im Land machte sich Weltuntergangsstimmung breit, „Ozonloch“ und „Waldsterben“ beherrschen die Schlagzeilen, der „Stern“ prophezeite mit erschütternden Illustrationen ein Deutschland ohne Wald, der Spiegel warnte: „Wir stehen vor einem ökologischen Hiroshima.“ Wohlleben möchte zuerst Biologie studieren und fängt 1987 als Förster an. In den ersten Jahren stellt er wenig infrage. „Ich dachte, Kahlschläge, Insektizide und schwere Erntemaschinen gehören zu meinem Job dazu.“

Doch je länger Wohlleben im Wald arbeitet, je stärker er Besuchern das Ökosystem näherbringt, desto kritischer wird er. Nach und nach stellt er die Forstwirtschaft in Hümmel auf „naturnahen Waldbau“ um, erst verbannt er Insektizide, dann verzichtet er auf Holzvollernter und ersetzt sie durch Waldarbeiter und Rückepferde.

Survival-Kurse im Wald

Er bietet Survival-Kurse an, bei denen die Teilnehmer nur mit Schlafsack, Tasse und Messer in den Wald ziehen. Der Vater zweier Kinder wird zum Walderklärer und spürt, dass er die Menschen umso besser packen kann, je emotionaler er erzählt. „Meine Sparringspartner waren die Waldbesucher, ihre Fragen, ihr Interesse, ihre Reaktionen“, sagt Wohlleben. In einem Lappland-Urlaub 2007 bringt er auf Anraten seiner Frau das Erzählte zu Papier und schickt es an einige Verlage. Der Erste, der Interesse zeigt, bekommt den Zuschlag. Ein Buch nach dem nächsten fließt ihm fortan aus der Feder. „Dabei wollte ich nie Bestseller schreiben, sondern nur die Natur erklären.“ Wohlleben wird zu einem Bestsellerautor, ist Gast in verschiedenen Talkshows, geht auf Leserreisen. Bis ihm zwei Jobs auf einmal zu viel werden: 2016 reduziert er seine Försterstelle um 50 Prozent und verwirklicht sich einen lang gehegten Wunsch.

Waldakademie war immer ein Traum

Er gründet die Waldakademie in Wershofen. „Damit ist ein Traum von mir wahr geworden - ich kann mich um Naturschutz kümmern und mit Menschen zusammenarbeiten.“ Ihn treibt der Wunsch um, dass sich die Menschen verstärkt einbringen, wie wir die Wälder nutzen: „Über die Hälfte der Flächen liegt in öffentlicher Hand. Es ist unser Wald, es ist unser Land“, sagt Wohlleben. Er kämpft für den Waldschutz, aber ist weit davon entfernt, ein Öko-Dogmatiker zu sein. „Eine Familie stört im Wald sicher weniger als eine Erntemaschine.“

Inzwischen ist die Waldakademie ein Jobmotor im Ort -- neun Beschäftigte kümmern sich um Führungen und die Vernetzung von Bürgerinitiativen. Davon profitierte Wershofen mit seinen 900 Einwohnern. In den Eifelorten sind Jobs rar, viele pendeln ins eine Stunde entfernte Köln.

Tourismus wichtig

„Die Natur ist unser größter Schatz“, sagt Wohlleben. „Hier endet die A 1, dann wird es schlagartig ruhig. Die Luft ist sauber, es gibt keine intensive Landwirtschaft und kein Insektensterben. In der Eifel kann man tief abtauchen“, sagt der 53-Jährige. Der Tourismus ist wichtig, viele Campingplätze liegen am Wegesrand: Holland ist nah und die Eifel das nächste Mittelgebirge. Wer auf den schmalen, geflickten Haarnadelkurven unterwegs ist, wähnt sich am Ende der Welt. Die Lokalnachrichten erzählen von Terrorangst und Sauberkeit: Das Fest der Katholischen Schützen wird in diesem Jahr besser gesichert und Ordnungsdienste führen in Zukunft ein Karten-Lesegerät mit – so könnten Wildpinkler (!) fortan gleich per EC-Karte ihre Strafe bezahlen.

Einige Dörfer mit akkuraten Rasenkanten und steinernen Vorgärten atmen deutsche Spießigkeit, aber hierzulande darf jeder nach seiner Fasson selig werden. Wanderer werden es ohnehin. Überraschend viele Gasthöfe mit guter Küche leben von Wanderern und Reisenden, die Landschaft wechselt auf wenigen Kilometern. Wildromantische Täler und dann wieder weite Blicke, tiefe Wälder und bunte Wiesen, verfallende Burgen und herausgeputzte Dörfer. Ein typisches Stück Deutschland.

Teil der deutschen Seele ist der Wald seit Jahrtausenden. Schon Tacitus beschreibt Germanien als „Land schauriger Urwälder“ — eine Beschreibung, die sich durch die Jahrhunderte der deutschen Mythologie zieht, in Märchen und Erzählungen auftaucht, in Lyrik, Volksliedern und Opern besungen wird. „O Täler weit, o Höhen, o schöner, grüner Wald!“ Waldgespräch, Waldeinsamkeit, Waldeslust. Thea Dorn schreibt in ihrem großartigen Buch „Die deutsche Seele“: „Im deutschen Wald darf das Obskure seine fantastischen Blüten treiben. Kein Wunder, dass er den Angehörigen von Völkern, die sich früher und rückhaltloser als die Deutschen zu Fußbodenheizung, manierlichen Umgangsformen und bürgerlichem Recht, kurz: zur Zivilisation bekannt haben, nie recht geheuer war.“

Blutdruck sinkt im Wald

Wobei Wohllebens Erfolg zeigt, dass die Sehnsucht nach dem Freund, dem Baum, auch jenseits der Grenzen lebt. „Der Wald ist nichts Nationales, sondern etwas Menschliches. Wir tragen eine Verbundenheit zu den Bäumen in uns“, sagt er. Viele Menschen empfänden im Wald das Gefühl, nach Hause zu kommen. Jeder Spaziergang im Forst ist gesund für Körper und Seele. Der Blutdruck sinkt, das Immunsystem wird gestärkt, das Wohlbefinden wächst. „Es verbessert sogar den Heilungsverlauf, wenn man im Krankenhaus auf einen Baum schauen kann.“

Teil der Natur

Und er lehrt den modernen Menschen Demut: Ob es die grimmschen Märchen sind oder die Urangst im dunklen Wald, bis heute wandert bei manchem die Furcht mit, ob vor Zecken oder Wölfen. „Da wird vieles aufgebauscht“, sagt Wohlleben, „der Wolf ist harmlos, ein herrenloser Schäferhund ist viel gefährlicher.“ Sein Appell lautet: „Habt keine Angst.“ Versteht die Natur, lernt sie zu lieben. Zugleich grenzt er sich von jeder Radikalökologie ab. „Die verkrustete dogmatische Verzichtsideologie finde ich furchtbar. Ich möchte morgens schon in ein Brötchen beißen.“ Den Menschen versteht er als Teil der Natur, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Diese Botschaft wird er auch morgen in der Elbphilharmonie verkünden, wo er zum Auftakt des Harbourfront-Festivals aus seinem neuen Buch lesen wird. Darin geht es um die überraschende Zusammenhänge, etwa zwischen Fisch und Wald und Wölfen und Bäumen. Die Natur, ein lebendiges Netz voller Verknüpfungen, und empfindlich, wann immer Verbindungen reißen. „Der kleine Saal ist doch aus Eiche – da bin ich ja fast im Wald.“

Die Serienteile:

1. Zugspitze Faszination Wandern: Höllentalangerhütte

2. Lüneburg Deutschland von außen: Prinz Asfa-Wossen Asserate

3. Hamburg Singen für die Demokratie: Tournee mit Wolf und Pamela Biermann

4. Weimar Deutsche Klassik: Geschichte im Kleinen

5. Wittenberg Im Lutherjahr: Was bleibt vom Glauben?

6. Wesenberg Landwirtschaft: Auf dem Bio-Gourmethof

7. Wolfsburg Das Automobil: VW-Werk

8. München Land der Ideen: Deutsches Museum

9. Hümmel Der deutsche Wald: Peter Wohlleben

10. Hamburg Spiel der Millionen: Das Miniaturwunderland