Döner-Morde

Hinterließen mutmaßliche Rechtsterroristen Geständnis?

Laut Medieninformationen sollen die beiden aufgefundenen Neonazis Uwe B. und Uwe M. ein Geständnis auf einer DVD hinterlassen haben.

Hamburg/Berlin. Die unter dem Namen Döner-Mordserie bekanntgewordene Serie von Gewaltverbrechen ist wohl die spektakulärste in der Geschichte der Bunderepublik Deutschland. Nun soll die Polizei nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" offenbar ein Geständnis der beiden nahe Eisenach tot aufgefundenen Neonazis Uwe B. und Uwe M. gefunden haben. Die zwei Männer werden wegen der sogenannten Döner-Mordserie verdächtigt. Auf der DVD erklärten die mutmaßlichen Rechtsterroristen, ihre Gruppe "Nationalsozialistischer Untergrund“ sei ein "Netzwerk von Kameraden mit dem Grundsatz Taten statt Worte“.

In dem 15-minütigen Film, der dem Magazin vorliegt, kündigten die Männer weitere Anschläge an. Wie es in dem Film hieß, solange sich "keine grundlegenden Änderungen in der Politik, Presse und Meinungsfreiheit“ vollzögen, würden "die Aktivitäten weitergeführt“.

Die Gruppe bekenne sich in dem Film auch zu dem Bombenanschlag in Köln 2004, bei dem 22 Menschen durch Nägel verletzt wurden. Zu sehen sei unter anderem ein Foto der mutmaßlichen Bombe, bevor sie scharf gemacht wurde. Die Neonazis rühmten sich zudem, mindestens neun Morde an türkischen und einem griechischen Einwanderer begangen zu haben.

+++ Die mörderische Spur durch ganz Deutschland +++

Unterdessen siegt der Berliner Rechtsextremismus-Experte Bernd Wagner ein hohes Gewaltpotenzial bei militanten Rechtsextremisten in Deutschland. "Dabei geht es auch um Morde“, sagte Wagner am Sonnabend.

Wagner gehe aber nicht von einem rechtsterroristischen Netzwerk in Deutschland aus. "Gleichwohl gibt es Gruppen, die daran arbeiten, terrorismusfähig zu werden. Dabei kann es zu kleineren Netzwerken kommen“, erläuterte der ehemalige Kriminalist des Aussteigerprogramms für Rechtsextreme "Exit“.

Diese kleinen Gruppen von zwei bis vier Personen agierten isoliert im Untergrund und versuchten häufig, sich Waffen und Sprengmittel zu beschaffen. "Das Motiv ist immer gleich: ein militärisch organisierter Partisanenkampf gegen die Demokratie und gegen Ausländer.“ Bekennerschreiben seien selten, ergänzte Wagner. "Es geht mehr darum, den "Feind“ zu vernichten.“

Wagner beobachtet die rechte Szene seit Jahrzehnten und gilt als ausgewiesener Kenner rechtsextremer Motive und Strukturen. Dem Verfassungsschutz warf er vor, das rechte Gewaltpotenzial zu unterschätzen.

Die Ermittler zu den rechtsextremistisch motivierten Döner-Morden überprüfen nun auch weitere ungeklärte Anschläge. So sollen die Behörden auch den Sprengstoffanschlag Ende 1998 in Berlin auf das Grab von Heinz Galinski, dem einstigen Präsidenten des Zentralrats der Juden untersuchen, berichtet der "Tagesspiegel". Das Blatt berichtet dies im Internet unter Berufung auf Sicherheitskreise.

Die Bundesanwaltschaft hat zurzeit keine Hinweise, dass außer dem Neonazi-Trio aus Jena noch andere Täter in die Döner-Morde verwickelt waren. Zwischen 2000 und 2006 waren in ganz Deutschland acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer ermordet worden.

Das Nachrichtenmagazin "Focus“ hatte zuvor über einen Unterstützer berichtet. Demnach hatte ein 37-Jähriger aus Niedersachsen den Verdächtigen vor Jahren gegen Geld seinen Personalausweis überlassen. Damit soll das Wohnmobil gemietet worden sein, in dem sich zwei Männer am 4. November bei Eisenach in Thüringen laut Polizei erschossen, nachdem sie zuvor eine Bank ausgeraubt hatten. Die beiden Männer werden mit den Morden in Verbindung gebracht, zu dem Trio gehört auch noch die 36 Jahre alte Beate Z., sie sitzt in Untersuchungshaft.

Der Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte lediglich, die Ermittlungen erstreckten sich auch auf das Umfeld des Trios. Zureichende Anhaltspunkte für weitere konkrete Tatverdächtige lägen derzeit nicht vor, sagte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde am Sonnabend.

Auch in Nordrhein-Westfalen rollt die Polizei zwei ungeklärte Anschläge auf. Es müssten jetzt alle "Straftaten, die über ähnliche Muster verfügen“, noch einmal untersucht werden, sagte Landesinnenminister Ralf Jäger (SPD) am Sonnabend. In NRW seien das ein Nagelbombenanschlag in einer überwiegend von Türken bewohnten Straße in Köln im Jahr 2004 sowie ein Anschlag auf jüdische Aussiedler an einer S-Bahn-Haltestelle in Düsseldorf im Jahr 2000.

Zum Kölner Anschlag gebe es Hinweise von den Ermittlungsbehörden in Thüringen, sagte Jäger. Die Polizei suchte vergeblich nach zwei Männern, die kurz vor der Explosion von einer Videokamera aufgenommen worden waren. Den Ermittlern waren Ähnlichkeiten zwischen den damals auf dem Video festgehalten Personen und den nun tot in einem Wohnmobil bei Eisenach entdeckten Männern aufgefallen.

Auch die Bombenanschläge auf die Wehrmachtsausstellung im März 1999 in Saarbrücken und auf den jüdischen Friedhof in Berlin-Charlottenburg im März 2002 sollen noch einmal unter die Lupe genommen werden. Die Polizei vermutete damals Rechtsextremisten als Täter, konnte aber keinen Verdächtigen ermitteln. Angesichts des aktuell im Fokus der Ermittlungen stehende Neonazi-Trios werde "alles aufgerollt“, was seit Ende der 1990er Jahre an schweren Verbrechen mit möglicherweise rechtsextremem Hintergrund unaufgeklärt blieb. Das Trio war zuletzt in Zwickau untergeschlüpft.

Nach dem "Focus“-Bericht hatten die Tatverdächtigen mit dem Ausweis des Mannes aus Niedersachsen schon im Jahr 2007 ein Wohnmobil gemietet. Damit waren sie unterwegs, als sie in Heilbronn eine 22-jährige Polizistin erschossen haben sollen.

Hinter dem Heilbronner Polizistenmord und den Döner-Morden steckt wohl dieselbe Gruppe rechtsextremer Täter. Hinweise auf den Zusammenhang zwischen den Fällen fanden die Ermittler in einem abgebrannten Haus im sächsischen Zwickau, in dem die mutmaßlichen Bankräuber und ihre Komplizin Beate Z. jahrelang unerkannt gelebt hatten. Die 36-Jährige, die sich später der Polizei stellte, soll in dem Versteck das Feuer gelegt haben, um Beweise zu vernichten.

Die Dienstwaffe der Heilbronner Polizistin, die aus dem thüringischen Oberweißbach stammte, wurde vor einer Woche in dem Wohnmobil bei Eisenach entdeckt. In der zerstörten Wohnung des Trios fanden Ermittler die Pistole, mit der die Döner-Morde verübt worden waren. Zudem entdeckten sie rechtsextreme Propaganda-Videos, die sich auf eine Gruppe mit dem Namen "Nationalsozialistischer Untergrund“ beziehen und auf die Döner-Morde hinweisen.

Nach den bisherigen Erkenntnissen hatten die Männer und Beate Z. in den 1990er-Jahren Verbindungen zum rechtsextremen "Thüringer Heimatschutz“. 1998 verschwand das Trio dann aber aus dem Blick der Verfassungsschützer.

Chronologie des Heilbronner Polzistinnenmords und der Döner-Morde:

Januar 1998: In Jena (Thüringen) hebt die Polizei eine Bombenwerkstatt der Rechtsextremisten Uwe B., Uwe M. und Beate Z. aus und stellt Rohrbomben mit dem Sprengstoff TNT sicher. Das Labor war in einer Garage versteckt. Das Trio flieht.

1999: Unbekannte Täter beginnen eine Serie von mindestens 14 Banküberfällen in mehreren ostdeutschen Bundesländern. Später werden die Taten Uwe B. und Uwe M. zugeordnet.

9. September 2000: In Nürnberg wird ein türkischer Blumenhändler erschossen.

Bis April 2006 folgen weitere Morde an sieben Türken und einem Griechen, immer mit derselben Waffe und nach dem gleichen Muster. Die Taten werden als sogenannte Döner-Morde bekannt. Die blutige Spur zieht sich quer durch Deutschland: Zwei weitere Morde ereignen sich in Nürnberg (2001, 2005), zwei in München (2001, 2005), je ein Mord in Kassel (2006), Hamburg (2001), Rostock (2004) und Dortmund (2006).

25. April 2007: In Heilbronn wird eine 22 Jahre alte Polizistin erschossen. Ihr Kollege überlebt schwer verletzt. Am Dienstwagen wird die DNA-Spur einer Unbekannten sichergestellt.

2007 bis 2009: Die Ermittler jagen ein Phantom. Gen-Spuren einer angeblichen "Frau ohne Gesicht" werden bei mehr als 35 Straftaten gefunden.

27. März 2009: Die Staatsanwaltschaft Heilbronn gibt bekannt, dass die Gen-Spuren der "Frau ohne Gesicht" auf einem Laborfehler beruhen.

1. November 2011: In Döbeln bei Leipzig wird am Abend ein Dönerbuden-Betreiber erschossen. Der Täter kann fliehen. Bisher ist unklar, ob es eine Verbindung zu den früheren Döner-Morden gibt.

4. November 2011: Nach einem Banküberfall in Eisenach (Thüringen) werden Uwe B. und Uwe M. tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil gefunden. In Zwickau (Sachsen) geht die Wohnung, in der beide mit Beate Z. lebten, in Flammen auf.

7. November 2011: Die Dienstpistolen der Heilbronner Polizistin und ihres Kollegen werden in dem ausgebrannten Wohnmobil entdeckt.

8. November 2011: Beate Z. stellt sich der Polizei in Jena.

11. November 2011: Die Bundesanwaltschaft sieht Verbindungen zwischen dem Heilbronner Polizistenmord und der Döner-Mord-Serie.

(abendblatt.de/dapd/dpa)