Karl-Theodor zu Guttenberg, Silvana Koch-Mehrin, Matthias Pröfrock: Die Liste der Politiker unter Plagiatsverdacht wird länger. Hochschulen wollen nun einschreiten.

Tübingen/Konstanz. Plagiatswirbel und kein Ende: Nach der Häufung von Vorwürfen gefälschter Doktorarbeiten bei Politikern reagieren nun die ersten Hochschulen mit einer möglichen Modifizierung ihrer Prüfungsordnungen. Vor allem Universitäten im Süden waren von den jüngsten Vorwürfen gegenüber den ehemaligen Doktoranden Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), Silvana Koch-Mehrin (FDP) und Matthias Pröfrock (CDU) betroffen.

"Die aktuellen Fälle haben sicherlich eine Sensibilität ausgelöst“, sagte ein Sprecher der Universität Tübingen am Donnerstag. Dort wird im Moment in den Prüfungsordnungen nach und nach eine Klausel eingeführt, dass Doktoranden eine eidesstattliche Erklärung abgeben müssen."Damit hat ein Täuschungsversuch scharfe rechtliche Konsequenzen“, sagte der Sprecher.

Die Universität Tübingen prüft im Moment, ob der CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Pröfrock aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) bei seiner juristischen Dissertation Textpassagen fremder Autoren ohne Kennzeichnung verwendet hat. Der 33-Jährige hatte daraufhin erklärt, seinen Doktortitel vorerst ruhen zu lassen.

In Tübingen war es zuletzt 2005 in drei Fällen bis zum Entzug des Doktortitels gekommen. Die Doktoranden hatten damals in den Fächern Jura, Psychologie und katholische Theologie fremde Texte ohne Quellenangaben in ihre Doktorarbeiten übernommen und waren im Nachhinein aufgeflogen.

Auch die Universität Konstanz überlegt im Moment, ob die Promotionsordnung verschärft werden sollte. Eidesstattliche Erklärungen müssen Doktoranden dort schon seit fünf Jahren abgeben, sagte eine Sprecherin. Nun werde vor allem diskutiert, ob Doktorarbeiten generell von einem Computerprogramm auf Parallelstellen im Internet durchsucht werden sollten. "Manche Professoren prüfen schon heute grundsätzlich alle Arbeiten, andere machen es nur bei Verdachtsmomenten. Jetzt überlegen wir, ob eine solche Überprüfung verpflichtend in der Promotionsordnung geregelt werden sollte“, sagte die Sprecherin.

Auch die Universität Hannover präpariert sich für die Zukunft. In allen Fakultäten soll künftig eine Plagiatssoftware eingesetzt werden. Ein solches Computerprogramm erleichtere es allen Professoren, eine Kopie in Promotionen zu erkennen, sagte Klaus Hulek, Vizepräsident für Forschung der Leibniz Universität Hannover, am Donnerstag in Hannover. Außerdem werde über die Einführung von eidesstattlichen Erklärungen nachgedacht. "Bisher müssen unsere Doktoranden nur eine Erklärung zu ihrer Promotion angeben – ohne die eidesstattliche Versicherung“, sagte Hulek.

Die Uni-Heidelberg prüft derzeit Plagiatsvorwürfe gegen die FDP-Europapolitikerin Silvana Koch-Mehrin. Die 40-Jährige war daraufhin am Mittwoch von ihren politischen Posten zurückgetreten. Die FDP im Europaparlament sieht allerdings keinen Grund dafür, dass Koch-Mehrin wegen der Plagiatsvorwürfe gegen sie ihr Abgeordneten-Mandat niederlegt. "Das ist aus der Sicht der FDP im Europaparlament eine unsinnige und unanständige Forderung“, sagte der FDP-Europaabgeordnete Alexander Graf Lambsdorff der Nachrichtenagentur dpa am Donnerstag in Brüssel. Zuvor hatte der CDU-Europaparlamentarier Werner Langen gefordert, Koch-Mehrin solle auch ihr Mandat zur Disposition stellen, falls sich die Vorwürfe wegen ihrer Doktorarbeit erhärten.

"Ein Vergleich mit dem Fall Guttenberg verbietet sich“, sagte Lambsdorff. Koch-Mehrin habe sich "aus freien Stücken“ zum Rückzug ihrer politischen Ämter entschieden, obwohl noch keine Ergebnisse aus der Prüfung ihrer Doktorarbeit an der Universität Heidelberg vorliegen. Das sei "honoriges Verhalten“. Der CDU-Politiker Langen hatte sich hingegen dafür ausgesprochen, dass Koch-Mehrin sich an Karl-Theodor zu Guttenberg orientieren solle, wenn ihr der Doktortitel aberkannt würde.

Die einstige liberale Hoffnungsträgerin Koch-Mehrin ist der zweite Spitzenpolitiker, der über seinen Doktorhut stolpert. Am Mittwoch hatte die Universität Bayreuth ausführlich begründet, warum sie Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg den akademischen Titel entzogen hatte. Die Untersuchungskommission wirft dem Ex-CSU-Politiker in ihrem Bericht vor, vorsätzlich getäuscht zu haben.

Am Mittwoch wurde außerdem bekannt, dass Veronica Saß , Tochter von Bayern Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU), wegen Abschreibens vom Promotionsausschuss der Universität Konstanz der Doktorgrad aberkannt wurde.

Die Erklärung von Silvana Koch-Mehrin im Wortlaut:

"Mit sofortiger Wirkung lege ich mein Amt als Vorsitzende der FDP im Europäischen Parlament nieder. In Folge dessen bin ich auch ab sofort nicht mehr Mitglied des Präsidiums der FDP. Ich hoffe, dadurch meiner Partei den Neuanfang mit einem neuen Führungsteam zu erleichtern.

Mit sofortiger Wirkung trete ich auch von dem Amt der Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments zurück, um nicht in führender Position ein Ziel für Angriffe auf die einzige demokratisch legitimierte Institution der Europäischen Union zu bieten.

Ich möchte mit diesem Schritt auch verhindern, dass meine gesamte Familie durch die öffentliche Diskussion weiter belastet wird.

Was meine Dissertation betrifft: an der Universität Heidelberg habe ich die Arbeit 1999 eingereicht, und dort wird sie jetzt überprüft. Ich möchte, dass diese Prüfung nun vertraulich, fair, nach rechtsstaatlichen Maßstäben und ohne Ansehen der Person durchgeführt und nicht dadurch belastet wird, dass ich herausgehobene Ämter innehabe.“

(rtr/dapd/dpa/abendblatt.de)