Digitale Sprechstunde

Mund-Rachen-Krebs durch sexuelle Praktiken?

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Prof. Dr. Jens Eduard Meyer ist Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Prof. Dr. Jens Eduard Meyer ist Chefarzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.

Foto: Thorsten Ahlf

Chefarzt Prof. Jens Eduard Meyer berichtet über steigende Fälle von HPV-Infektionen. Warum er dringend zur Impfung rät.

Hamburg.  Mund-Rachen-Krebs durch Oralsex? Im bundesweiten Vergleich erkranken Hamburger am häufigsten an dieser Krebsart, nachdem sie sich mit Humanen Papillomviren (HPV) infiziert haben. Dass das Ergebnis seiner Studie zur Schlagzeile taugt, war Professor Dr. Jens Eduard Meyer klar. „Wissenschaftlich ist der Zusammenhang durchaus schon länger bekannt. Bei Michael Douglas, der an Rachenkrebs litt, spielte das Virus zum Beispiel auch eine Rolle “, sagt der Chefarzt der Klinik für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie sowie Plastische Operationen an der Asklepios Klinik St. Georg in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

In seiner Abteilung werden seit 2013 alle Patienten mit Mund-Rachen-Krebs auf eine Infektion mit Humanen Papillomviren, die bisher primär als Ursache für Gebärmutterhalskrebs bekannt sind, untersucht. Dabei stellte der habilitierte Mediziner fest, dass 79 Prozent seiner Patienten – etwas mehr Männer als Frauen – HPV-positiv sind. „Lange Zeit galten Zigaretten und Alkohol als Auslöser. Bis eben immer mehr Erkrankte kamen, die weder geraucht noch in ihrem Lebens besonders viel getrunken hatten. Da stellt sich dann die Frage: Was kann es also sonst sein?“

In Großstädten wie Hamburg finde viel „Austausch“ statt

Doch woran liegt es, dass innerhalb Deutschlands die Hamburger das höchste Risiko aufweisen? „Na ja, sagen wir es mal so: In Großstädten und Ballungsgebieten, in denen viele Menschen aufeinander hocken, da findet eben auch entsprechend viel Austausch statt.“ Vor allem im Alter bis 25 Jahre. „Viele stecken sich in ihren Zwanzigern an und sind dann – ohne es zu wissen – zwei Jahre lang infektiös“, so der Experte. In dieser Zeit integriere sich die Erbsubstanz des Virus in die menschliche Erbsubstanz. Danach sei man nicht mehr ansteckend. Die Krankheit selbst breche dann jedoch in der Regel erst rund 15 Jahre später aus. „Meine Patienten sind mehrheitlich Männer zwischen 40 und 50 Jahren, die beispielsweise beim Rasieren einen kleinen Knoten rechts oder links am Hals, ein klassisches Symptom, entdeckt haben“, so der Experte.

Auch Schluckbeschwerden, also das Gefühl eines Fremdkörpers im Hals, könne ein Hinweis auf Mund-Rachen-Krebs sein. Grundsätzlich sei jedoch noch nicht bewiesen, dass jeder Infizierte auch tatsächlich erkranke.

Die gute Nachricht: Die Heilungschancen liegen bei 80 bis 85 Prozent. „Für einen bösartigen Krebs ist das schon ziemlich gut“, sagt der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist. Sei eine HPV-Infektion die Ursache, so seien die Aussichten grundsätzlich besser als bei anderen Auslösern. Nach fünf Jahren, in denen der Krebs nicht wiederkehre, gelte man als geheilt.

Die Digitale Sprechstunde

  • „Die digitale Sprechstunde“ ist die Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios.
  • Jede Woche erklärt ein Experte im Gespräch mit Vanessa Seifert ein Krankheitsbild und gibt Auskunft über Vorsorge und Möglichkeiten der Therapie. Diese Folge und alle bisher erschienenen hören Sie auf www.abendblatt.de/digitale-sprechstunde/
  • In einer Spezial-Folge nach Weihnachten klärt der Gastroenterologe Dr. Jens Niehaus über Verdauungsmythen (Schnaps? Espresso?) auf.

Therapie richtet sich nach der Größe des Tumors

Die Therapie richte sich nach der Größe des Tumors, so der Vater von drei erwachsenen Söhnen. „Bei kleinen Tumoren, so ein bis zwei Zentimeter groß, setzen wir auf eine Operation oder eine Strahlentherapie. Bei mittelgroßen Tumoren wird beides kombiniert, erst wird operiert, dann bestrahlt.“ Seien die Tumore schon sehr weit gewachsen, dann helfe eine OP jedoch nicht mehr. „In diesen Fällen setzen wir auf Bestrahlung und Chemotherapie.“

Vorbeugend rät der Experte dringend zu einer Impfung gegen die Infektion mit dem Virus. Sie wird von der Ständigen Impfkommission (STIKO) seit 2007 für alle Mädchen zwischen neun und 14 Jahren empfohlen, vor allem weil eben Gebärmutterhalskrebs in direktem Zusammenhang mit dem Virus steht. Doch seit diesem Jahr übernehmen die Krankenkassen die Kosten auch für die Impfung von Jungen bis zum jugendlichen Alter. In den USA und in Australien sei das Impfalter kürzlich auf etwa 40 Jahre hochgesetzt worden. „Ich halte das für sinnvoll, weil ich glaube, dass sich dadurch auch noch viele Erkrankungen vermeiden lassen.“

Zur Risikogruppe für Kehlkopfkrebs gehören langjährige starke Raucher

Auch über Kehlkopfkrebs, die häufigste Krebsart im Kopf-und Halsbereich, spricht der habilitierte Mediziner. War doch sein Großvater, bei dem Jens Eduard Meyer bis zu seinem sechsten Lebensjahr aufwuchs, daran erkrankt. „Das hat mich angetrieben, Arzt zu werden und mich für die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde zu entscheiden.“ Zur Risikogruppe gehören vor allem langjährige starke Raucher. Ein typisches Symptom sei Heiserkeit.

„Wer länger als zwei Wochen am Stück eine krächzende Stimme hat, sollte das abklären lassen.“ Dieser Krebs sei mittlerweile sogar zu 95 Prozent heilbar, der Tumor sei meist operativ gut zu entfernen.

Im Gespräch gibt der Mediziner, der in seiner Freizeit gern Fußball spielt und joggt, noch einen Tipp: Von Wattestäbchen rät er dringend ab. Um das Ohr von Schmalz zu befreien, sei Olivenöl besser. „Fünf Tropfen hineinträufeln, das weicht alles auf und das Ohrenschmalz fließt beim Duschen ab.“