Palliativmedizin

Dr. Faust verhilft zu besserem Leben in den letzten Tagen

Keine Folge mehr verpassen - jetzt kostenlos abonnieren auf:
Dr. Markus Faust ist Chefarzt der Palliativmedizin an der Asklepios Klinik St. Georg.

Dr. Markus Faust ist Chefarzt der Palliativmedizin an der Asklepios Klinik St. Georg.

Foto: Thorsten Ahlf / Funke Foto Services

Der Chefarzt kämpft für seine Patienten um höchstmögliche Lebensqualität und räumt im Podcast Vorurteile zur Palliativmedizin aus.

Hamburg. „Wir stellen eine Kerze auf und der Patient wird für seine letzten Tage noch mal auf ein ruhigeres Zimmer verlegt – so ungefähr ist leider immer noch das Bild, das viele Menschen, teils auch Ärzte, von der Palliativmedizin haben. Dabei ist das überhaupt nicht so“, sagt Dr. Markus Faust in einer neuen Folge der „Digitalen Sprechstunde“, dem Podcast von Hamburger Abendblatt und Asklepios.

Dr. Faust räumt mit Vorurteilen zur Palliativmedizin auf

Und man spürt gleich, wie wichtig es dem engagierten Chefarzt von der Asklepios Klinik St. Georg, die 2018 als erstes und bisher einziges Krankenhaus der Stadt eine eigenständige Abteilung für Palliativmedizin eingerichtet hat, ist, mit Vorurteilen aufzuräumen.

„Es stimmt natürlich, dass wir unsere Patienten nicht mehr heilen können. Aber wir erhalten und verbessern die Lebensqualität.“ Frei nach dem Motto der 1918 geborenen, britischen Ärztin Cicely Saunders, die als Begründerin der modernen Palliativmedizin gilt, und schon vor Jahrzehnten den Satz prägte: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

Palliativmedizin – weniger Leiden und verbessertes Befinden

Wobei die Palliativmedizin das Leben der Patienten nicht selten auch verlängert – mit weniger Leiden und verbessertem Befinden. Das hat auch eine international viel beachtete Studie aus Boston gezeigt, für die Wissenschaftler eine Gruppe von Lungenkrebspatienten, die palliativ betreut wurde, mit einer anderen, die nicht zusätzlich versorgt wurde, verglichen.

Das Ergebnis: Mit Unterstützung der Palliativmedizin lebten die Patienten im Schnitt drei Monate länger. „Das ist gut, aber entscheidender ist, dass diese Patienten eine Verbesserung der Lebensqualität angaben und signifikant weniger depressiv waren als die Probanden der anderen Gruppe“, so der Facharzt für Anästhesie, der über die Schmerztherapie zur Palliativmedizin kam.

Palliativmediziner fangen auch die psychische Last auf

Umso mehr treffe es ihn immer noch, wenn ein Kollege anrufe und sage: „Wir haben hier einen Patienten, den müsst ihr übernehmen. Für den können wir nichts mehr tun.“ Das sei falsch, man könne noch„unheimlich viel“ tun. „Damit ist natürlich nicht mehr die große Operation gemeint und auch nicht die Chemotherapie – obwohl die Palliativmedizin weder das eine noch das andere ausschließt. Es sind vermeintlich kleine Dinge, die viel helfen.“ So wiege die psychische Last bei vielen Patienten, aber auch bei deren Angehörigen schwer. „Das ist etwas, das wir auffangen.“

Mit „Wir“ meint Dr. Markus Faust, der als Sohn eines Anästhesisten in Südafrika geboren wurde und im Breisgau aufwuchs, seine medizinisch interdisziplinär aufgestellte Mannschaft, zu der zusätzlich zahlreiche Pflegekräfte, verschiedene Therapeuten, aber auch Seelsorger und Ehrenamtliche zählen.

Viele Patienten werden wieder nach Hause entlassen

Zwölf Betten umfasst die Station – und es könnten mehr sein. „Früher hat man bei Palliativmedizin nur an Krebspatienten gedacht. Aber mittlerweile hat sich der Bereich stark geöffnet, wir versorgen genauso Menschen mit einer schweren Herzschwäche oder mit neurologischen Erkrankungen.“

Grundsätzlich werbe er dafür, möglichst früh – vielleicht schon kurz nach Diagnose – einen Palliativmediziner einzubeziehen. „Leider gibt es da diese Sperre, nach dem Motto: Wenn der auftaucht, ist das wie die Morphingabe oder das Todesurteil.“

Dabei sei es so: Wenn man früh helfe, könne man länger etwas für den Patienten tun. Tatsächlich würden 50 Prozent der Patienten von seiner Station wieder entlassen. „Einige in ein Hospiz, ja. Aber die meisten nach Hause, mit einer für sie passenden Therapie.“

Röntgenbilder? Ja, aber bitte den ganzen Menschen sehen

Auf die Frage besorgter Angehöriger, wie lange der geliebte Mensch noch zu leben habe, antworte er nie konkret. „Dafür bin ich im Laufe meiner Karriere zu oft überrascht worden.“ Denn Röntgenbilder seien schön und gut, aber man müsse den ganzen Menschen betrachten. „Der Lebensmut spielt auch eine Rolle.“

Sich für die Palliativmedizin, einen Fachbereich, der sich in Deutschland erst Anfang der 1980er-Jahre etablierte, entschieden zu haben, bereut Dr. Faust nicht: „Wir tun täglich Gutes. Wir verändern nicht das Grundsätzliche, aber wir machen den Moment schöner.

Gesundheits-Podcast mit Asklepios

„Die digitale Sprechstunde“ ist die Gesundheits-Gesprächsreihe von Hamburger Abendblatt und Asklepios. Jede Woche beantwortet ein Experte die Fragen von Vanessa Seifert zu einem Krankheitsbild.

In der nächsten Folge sprechen Anna Schuster und Sebastian Apweiler, Studierende der Asklepios Medical School, über ein ganz besonderes Projekt: die Studentische Poliklinik im CaFeé mit Herz.