Meinung
Schumachers Woche

Österliche Kleinkunst wiederentdeckt

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Hajo Schumacher
Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Abendblatt-Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Reto Klar

Hamburg. Wir sind nie sehr pfleglich umgegangen mit unserer Osterkiste. Im Keller wird sie seit Jahren eingequetscht von Bücher- und Klamottenkartons. So manches Frühjahr haben wir sie gar ans Licht geholt, weil Ostern für uns wie kleine Sommerferien war. Nichts wie weg in irgendeine Sonne, drängeln an Flughäfen und Büfetts, erholen von all dem Stress, den so ein Urlaub mit sich bringt.

Diese Woche habe ich die Osterkiste hochgewuchtet, die übrigens deutlich leichter ist als die Weihnachtskiste. Zweige brauchen keinen schweren Fuß, nur reichlich fröhliches Baumelzeug. Unsere Osterkiste ist ein Biotop dieses Gebimsels. Das ist zum Beispiel der Sperrholzhase, den mein Bruder etwa zur Zeit der Kuba-Krise ausgesägt und bemalt hat. Oder das Papphuhn zum Aufklappen, um Schokolade darin zu verstecken, das angeblich von irgendeiner Oma stammt. Oder die Steinhasen, die meine Mutter aus Kieseln klebte.

Osterkisten erinnern uns an alte Fotoalben

In Zeitungspapier gewickelt lagern ausgeblasene Eier, die etwa ein Dutzend stilistischer Epochen repräsentieren. Den künstlerischen Tiefpunkt markiert ein Buntstiftbild mit Blumen, Baum, Wolken und Sonnenstrahlen, die von oben rechts aus der Ecke des Papiers scheinen. Eines meiner zu Recht unbeachteten Frühwerke.

Osterkisten erinnern uns an alte Fotoalben. Sedimentartig haben sich mehrere Lagen Familiengeschichte dort abgesetzt. In diesem Jahr habe ich seit Langem endlich wieder eine Schicht hinzugefügt.

Ich hatte vergessen, wie sehr das Eierausblasen dem Trompetenspiel ähnelt: zarte Finger, druckvolle Lungen. Weil sich meine künstlerischen Fähigkeiten nicht fortentwickelt haben, entschied ich mich für ein Bauhaus-Motiv: ein gelbes, ein rotes, ein blaues Rechteck in schwarzem Raster auf weißem Ei. Mondrian hätte mich erschlagen.

Aber dieses Kleinkunstwerk wird, verpackt in Zeitungspapier, für immer in die Osterkiste und dann in den Keller wandern. Eines Tages werden unsere Nachkommen dieses Ei finden und dazu eine gute Geschichte zu erzählen wissen. Tradition braucht kein Talent. Nur guten Willen ...

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