Meinung
Deutschstunde

Von der Currywurst bis zur Inkarnation Christi

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Nicht jedes Fleisch kommt auf den Tisch, nicht jeder Kegel ist ein Spielzeug, und nicht jedes Wort lässt sich in seine Einzelteile zerlegen.

Eine Leserin nahm’s erst genau und dann übel. In der Zeitung stand etwas von „eingefleischten“ Vegetariern und Veganern. Die Zuordnung von Fleisch als Eigenschaft im Eigenschaftswort (Adjektiv) zu Leuten, die aus Überzeugung und Weltanschauung das Fleisch meiden wie der Teufel das Weihwasser, sei eine Beleidigung, meinte die Dame empört.

„Eingefleischte“ Vegetarier und Veganer – eine Reaktion

Ich hatte das zwar nicht geschrieben, aber wie üblich landete die Beschwerde in meinem Postfach. Ich war schon dankbar, dass der Ausdruck „Blasphemie“ allen Erwartungen zum Trotz nicht fiel, atmete durch und versuchte, die Passage in Richtung Etymologie (Wortgeschichte) und Semantik (Wortbedeutung) zu ergründen. Es ist immer gefährlich, einzelne Wörter, die eine Gesamtbedeutung haben, in ihre Einzelteile zu zerlegen und ein Bruchstück der Redaktion als unpassend unter die Nase zu reiben.

Das Eigenschaftswort „eingefleischt“ hat mit einem Fleischgericht nämlich genauso wenig zu tun wie der Karfreitag mit der Currywurst in der Kantine. Seit dem 16. Jahrhundert ist „eingefleischt“ als Lehnsübersetzung aus lat. incarnatus (Mensch geworden) im Gebrauch. Bereits im Mittelhochdeutschen existierte das Wort invleischunge für die Fleischwerdung, für die Inkarnation Christi. Man sieht, wir bewegen uns auf dem Niveau der christlichen Erlösung und weit weg vom Fleischer mit seinem Hackebeil.

Die Bedeutung des Adjektivs "eingefleischt"

In seiner heutigen Bedeutung versteht man das Adjektiv „eingefleischt“ als „überzeugt, zur zweiten Natur geworden, unbekehrbar, eingewurzelt“ oder, um doch ein bisschen Fleisch beizugeben, als „in Fleisch und Blut übergegangen“. Es gibt eingefleischte Junggesellen, die ihr Lebtag einen weiten Bogen um das Standesamt machen, oder bis zum vergangenen Wochenende auch eingefleischte Fußballfans, die das Spiel und nicht den Spielabbruch liebten.

In diesem Sinne mag es auch eingefleischte Vegetarier geben, die ihre „Hackbällchen“ eher aus Erbsen bereiten, als ein deutsches Schwein zu schlachten. Warum schreibt die Zeitung, um Missverständnisse zu vermeiden, nicht gleich „überzeugte Vegetarier“? Ich weiß es nicht. Da der Kontext der Passage den üblichen stilistischen Rückzug für einen misslungenen Auftritt von Moderatoren und Kinderchören, das Ganze zur Satire zu erklären, nicht zuließ, versuchte ich es in meiner Antwort mit der Stilfigur der Contradictio in Adjecto (Widerspruch im Hinzugefügten).

Zurück zu Currywurst mit Pommes frites

Der Widerspruch entsteht durch das einem Substantiv beigefügte Adjektiv, weil es mit der Bedeutung des Substantivs unvereinbar ist, etwa schwarzer Schimmel, armer Krösus oder bittere Süße. Bevor wir nun auch die Fügung „eingefleischte Vegetarier“ zur bloßen Stilfigur erklären, brechen wir besser ab, lassen den Vegetariern ihre Erbsenbällchen und greifen selbst bei gutem Appetit zur Currywurst mit Pommes frites.

Wir sprechen häufig erstarrte rhetorische Formeln nach, ohne genau zu wissen, was sie ursprünglich bedeutet haben. Opa schaut aus dem Fenster und ruft erschrocken aus: „Tante Frieda biegt mit Kind und Kegel um die Ecke!“ Oma versteht, dass Tante Frieda sich mit allen Kindern nähert, und versteckt schnell die Schokoladenkekse. Aber warum bringt die Verwandtschaft ein Kegelspiel mit? Das tut sie nicht.

"Kind und Kegel" ist ein Anlautreim

Der nur noch in der Formel „Kind und Kegel“ gebräuch­liche Ausdruck bedeutete früher zwar auch ein Kind, aber ein uneheliches. Was wir heute als Diskriminierung betrachten würden, war damals durch die Gesellschaft streng getrennt. Opa gebrauchte den Ausdruck jedoch, weil er so leicht von der Zunge ging. „Kind“ und „Kegel“ beginnen mit dem gleichen Buchstaben. Wir haben es also mit einem Anlautreim zu tun.

Warum geht das Schiff mit Mann und Maus unter und nicht mit Mann und Ratten? Warum trotzen wir Wind und Wetter und nicht Wind und Regen? Weil der gleiche Anlaut wie von allein gesprochen werden kann. Der gleiche Anlaut der betonten Silben aufeinanderfolgender Wörter ist ein Stabreim, der als Fachbegriff (der mir noch einmal gestattet sein möge) Alliteration heißt. Ich hatte mir gerade ein Beispiel ausgedacht, es aber wieder gelöscht. Es klang altgermanisch und nach Wagner, es fehlte aber Richard Wagners betörende Musik.

deutschstunde@t-online.de