Meinung
Deutschstunde

Wenn ein Willkommen willkommen ist

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Immer wieder die gleichen Fragen geistern durch die deutsche Sprache. Von der E-Mail bis zur "überirdischen" U-Bahn.

Dascha gediegen!, sagte Frau Pumeier nach der Lektüre des Abendblatts am Frühstückstisch, dass gerade immer so viel in der Welt passiert, dass die Zeitung genau bis zur letzten Zeile auf der letzten Seite voll wird.

Nun, das Weltgeschehen wird von den Kolleginnen und Kollegen je nach Umfang gestreckt oder eingedampft, bis es in die Ausgabe passt. Es kann schon einmal passieren, dass ein Aufmacher während der Produktion zum Einspalter schrumpft, wenn eine neue Topmeldung wie das Attentat von Hanau alle anderen Nachrichten relativiert.

Meine Kolumne an dieser Stelle hat zumindest einen Vorteil und eine Konstante­: jedes Mal eine feste Länge, genau 114 Zeilen Text im Manuskript. Das reicht, um einige Beispiele aus dem schier unerschöpflichen Vorrat der deutschen Rechtschreibung, Grammatik und Stilistik zu erörtern, ist aber viel zu kurz, um sämtliche Ausnahmen, Möglichkeiten und Schreibweisen aufzuführen.

Auf meine Empfehlung, „Guten Tag“ oder „Auf Wiedersehen sagen“ großzuschreiben, kam von mehreren Seiten die Frage: Und wie ist es mit „herzlich willkommen“? Oder „Herzlich willkommen“ oder gar „Herzlich Willkommen“? In dieser Formulierung ist „willkommen“ ein Adjektiv und wird demnach kleingeschrieben: Sei mir „herzlich willkommen“ (wie?). Wenn wir den Begriff jedoch substantivieren, also mit einem bestimmten oder unbestimmten Artikel versehen, wird er zum Hauptwort, und Hauptwörter schreibt man groß: Er bereitete ihm „ein herzliches Willkommen“ (was?).

Ich will mich ja nicht drücken, aber ich bin Autor und keine Sprachberatung. Professionelle Beratung bekommt man beim Duden in Berlin. Zu den am häufigsten gestellten Fragen gehört auch dort die Frage nach dem Willkommen. Weitere häufige Fragen: Heißt es „am Ende diesen Jahres“ oder „dieses Jahres“? Am Ende „dieses“ Jahres. „G 20-Gipfel“ oder „G-20-Gipfel“? Bitte durchkoppeln: G-20-Gipfel, obwohl sich derjenige, der heute noch Wert auf korrektes Setzen von Bindestrichen legt, leicht im Museum neben Sütterlin, Fraktur und Vatermörder wiederfinden könnte. Schreibt man „email“, „e-Mail“ oder „E-Mail“? Richtig ist nur E-Mail, und zwar „die“ E-Mail, Femininum! Der Artikel von Blog, „der“ oder „das“, bleibt ungeklärt, was angesichts des Niveaus der meisten dieser Webseiten auch ziemlich egal ist. „Ist“ es oder „sind“ es zwei Jahre her? Es „ist“ zwei Jahre her. Schreibt man in der Briefanschrift „Herr“ oder „Herrn“ Max Mustermann? Immer noch Akkusativ mit gedachtem „An“: „Herrn“ Mustermann. Lesen wir den Roman des bekannten „Autoren“ oder „Autors“? Das Sub­stantiv „der Autor“ (auch „der Major“) wird im Singular stark, nicht schwach dekliniert. Es heißt also „des Autors, dem Autor, den Autor“, nicht: „des Autoren, dem Autoren, den Autoren“.

Da wir gerade dabei sind: Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass man den Motor auf der ersten oder auf der zweiten Silbe betonen kann? Das führt zu einer schwachen und zu einer starken Pluralform. Der schwache Plural „die Motoren“ gehört ursprünglich zu dem Singular „Motor“ mit der Betonung auf der ersten Silbe. Der starke Plural „die Motore“ ist dem Singular „Motor“ mit der Betonung auf der zweiten Silbe zugeordnet. Beide Betonungen und beide Pluralformen sind korrekt.

Zwei Kolleginnen stellten unabhängig voneinander die Frage an den Landeswahlleiter, wie die FDP abgeschnitten habe. Stellten sie also die gleiche oder dieselbe Frage? Die gleiche Frage natürlich, denn es handelte sich nicht um dieselbe Frage, sondern um zwei getrennte Fragen mit dem gleichen Inhalt.

Um auf Frau Pumeier zurückzukommen: Sie erzählte ihrer Freundin aus
Tetenbüll, die zu Besuch war, nahe dem (nicht: „des“!) Rödingsmarkt: „Ab hier fährt die Hamburger U-Bahn überirdisch und heißt deshalb Hochbahn.“ „Über­irdisch“, also himmlisch, den irdischen Maßstäben entrückt, mit Jesus oder Greta als Zugführer? Bleiben wir auf der Erde und benutzen besser den Ausdruck „oberirdisch“! Und wenn die beiden Damen ihren Fußmarsch bis zu den Landungsbrücken fortsetzen, können sie im Alten Elbtunnel auch gleich erleben, was „unterirdisch“ bedeutet.

deutschstunde@t-online.de