Meinung
Deutschstunde

Trotzdem es richtig ist, klingt es falsch

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Die meisten Wörter haben mehr als eine Bedeutung. Oder: Was Thomas Mann erlaubt ist, ist uns noch lange nicht erlaubt.

Ich hab die jungen Herrschaften auch gleich erkannt, „trotzdem“ es ein bisschen dunkel ist. Aus gegebenem Anlass noch einmal die Frage: Was sagen Sie zu einem solchen Satz? Diese Formulierung stammt von Thomas Mann. Bei Hans Fallada lesen wir: Er lächelt mit, „trotzdem“ er jetzt ängstlich wird – und in der „Neuen Zürcher Zeitung“: „Trotzdem“ ihm die Höhe zu schaffen machte, erstieg er den Montblanc. Hier gilt: Wenn Thomas Mann das schreibt, bekommt er den Literaturnobelpreis; wenn das Abendblatt das schriebe, bekäme es riesigen Ärger mit seinen Lesern.

Uns Normalsterbliche drängt es, den Konzessivsatz, den Umstandssatz der Einräumung, der einen Gegengrund zum bezeichneten Sachverhalt angibt, mit „obwohl“ oder „obgleich“ zu bilden: Obwohl es dunkel wird, macht er sich auf den Weg. Trotzdem – was Thomas Mann zusammengefügt hat, wird der Duden nicht tilgen. Dabei handelt es sich um die sogenannte dichterische Freiheit, die unsere Sprache vervollkommnet, die aber schriftstellerisch weniger Begabte leicht verleiten kann danebenzugreifen.

Adverb und Konjunktiv: "trotzdem"

Die deutsche Sprache ist reich in ihrer Ausdrucksweise und vielschichtig bei der Bedeutung zahlreicher Wörter. Das Wort „trotzdem“ etwa bedient zwei Wortarten: Einmal ist es Adverb in der Bedeutung „ohne Rücksicht darauf zu nehmen, dessen ungeachtet“ und im anderen Fall Konjunktion in der Bedeutung „obwohl, obgleich“.

Oft handelt es sich dabei weniger um Logik als um eingefahrene Vorlieben, die verbissen verteidigt werden. Trotzdem ich, Pardon!, obwohl ich davon ausgehe, dass mein Manuskript für diese Kolumne am Produktionstisch nicht geändert wird, würde ich es nie wagen, eine Wendung wie „über 1000 Meter“ an das Abendblatt zu senden.

Es heiße „mehr als 1000 Meter“, belehrte mich der damalige Chefredakteur vor über, nein!, vor mehr als vier Jahrzehnten. Der zeitliche Gebrauch der Präposition „auf“ wird hingegen nicht beanstandet, sodass der Vorstand „auf“ einer Versammlung gewählt werden kann, obwohl die Teilnehmer ja nicht „auf“ dem Saal gelegen haben, als sie „während“ der Tagung die Wahl vornahmen.

Im Zwielicht: Das Adverb "teilweise"

Stark ins Zwielicht geraten ist auch das Adverb „teilweise“. Die Insassen wurden „teilweise“ schwer verletzt. An einer solchen Formulierung können sich manche Leute geradezu festbeißen. Wie kann es möglich sein, dass eine Person teilweise schwer verletzt ist?, wird gefragt. Den Vorschlag, zu sagen: „mehrere Personen, von denen ein Teil schwer verletzt war“, halte ich allerdings für ein wenig übertrieben.

Wir sollten „teilweise“ jedoch nicht temporal, also im zeitlichen Sinne, gebrauchen. Er unterrichtete „teilweise“ an der Uni, „teilweise“ an der Schule, bedeutete, dass der Dozent seinen Körper teilen müsste oder die Fähigkeit der Bilokation besäße, der gleichzeitigen Anwesenheit an zwei Orten, die meines Wissens zum letzten Mal beim heiligen Don Bosco beobachtet worden sein soll. Natürlich muss es in diesem Zusammenhang „zeitweise“ heißen.

"Unter ihnen" oder "darunter"?

Im Schussfeld befindet sich auch das Adverb „darunter“. Fünf Ärzte bemühen sich um ihn am Krankenbett, „darunter“ ein Kardiologe. Nun zeugt es von ausgeprägter räumlicher Vorstellungskraft zu unterstellen, dass sich vier Ärzte im 1. Stock am Krankenbett befinden und der Kardiologe „eine Etage darunter“ im Erdgeschoss.

Die Wendung „unter ihnen“ hätte meinem alten Direktor sicherlich besser gefallen, doch wir müssen aufpassen, dass manche Wörter nicht gleich in den Keller zur Pathologie gebracht werden, damit sie so lange seziert werden, bis nichts Lebendiges mehr an ihnen ist.

Das Adverb „darunter“ hat mehrere Bedeutungen, darunter sowohl „unter dieser Stelle“ als auch „unter dieser Menge, in dieser Gruppe“. „Von daher“ sollten wir darauf achten – auweia!, das muss nicht sein! Ein einfaches „deshalb“ oder „aus diesem Grunde“ tut es auch und klingt viel flüssiger. Allerdings scheint alle Welt zu glauben, „von daher“ sei ein Ausweis seriöser Sprache.

Während ich diese Zeilen schreibe, erklärt irgendein Politiker im „Mittagsmagazin“, der Staat müsse „von daher“ die Auflagen erfüllen. Manche Sprachdummheiten sollte man ganz zu Anfang stoppen. Sind sie erst zur Epidemie („im ganzen Volk verbreiteten Krankheit“) geworden, ist es zu spät.