Meinung
Deutschstunde

So weit die Regeln des Deutschen uns tragen

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist Sprachautor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Kolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

… oder soweit man sie verstehen kann. Etwas über Konjunktionen, Umstandsangaben und noch einmal über die Tageszeiten.

Hamburg. Wenn in einer Kolumne gleich mehrere Leser ein Beispiel missverstehen, dann ist nicht der Leser schuld, sondern der Autor. Er hätte deutlicher formulieren müssen. Deshalb ist es nötig, noch einmal auf die „Deutschstunde“ von vor 14 Tagen zurückzukommen, in der ich die unterschiedlichen Schreibweisen der Tageszeiten vor und nach der Rechtschreibreform des Jahres 1996 erklärt und verglichen habe.

„Vor 1996“, womit ich meinte: nach alter Rechtschreibung, wurden die Tageszeiten als Adverbien (Umstandswörter) angesehen und wie alle Umstandswörter kleingeschrieben: gestern abend, heute morgen, vorgestern mittag. In aller Deutlichkeit: Diese Beispiele gelten nicht mehr! Bitte die Kleinbuchstaben im vorletzten Satz nicht mit Kugelschreiber einkreisen und die ausgeschnittene Kolumne nicht mit einer Mischung aus Frage und Ungläubigkeit an die Redaktion schicken.

Denn: „Nach 1996“, womit ich meine: nach neuer, zurzeit amtlich gültiger Rechtschreibung, werden die Tageszeiten als Substantive (Hauptwörter) betrachtet und wie alle Hauptwörter großgeschrieben: gestern Abend, heute Morgen, vorgestern Mittag.

Tageszeiten immer groß – gestern [am] Abend

Der Grund für diese Änderung war, dass die Tageszeiten (früher!) als Adverbien schlichtweg im falschen Bus saßen. Die Wortart Substantiv (Hauptwort, Nomen) tauchte bereits damals auf, wenn es hieß: gestern am Mittag. Mit der Präposition „am“ ein Substantiv und groß, ohne „am“ ein Adverb und klein? Ich erlaubte mir die Anmerkung, dass die Rechtschreibreform auch für diese Regel eine Vereinheitlichung und damit eine Verbesserung gebracht habe. Wir brauchen uns jetzt nur zu merken: Tageszeiten immer groß – gestern [am] Abend.

Ich hätte allzu detaillierte Angaben über die alte Rechtschreibung weglassen sollen, weil die Zeitangabe „vor 1996“ am Anfang des Absatzes nicht bis zum Beispiel präsent blieb. Der Satz „Am Sonntag abend feiert meine Tante Geburtstag“ war damals richtig und ist heute orthografisch falsch! Viele Leser waren über das kleine „a“ gestolpert. Prägen Sie sich dieses angestaubte Beispiel bitte nicht ein! Auch hier trat eine Vereinheitlichung durch die Reform ein.

Der Abend als Tageszeit wird, wenn er allein auftritt, stets großgeschrieben, und wenn er zu einem Wochentag gehört, ohne Zwischenraum angekoppelt. Das gilt natürlich nicht nur für den Abend, sondern für alle Tageszeiten: Am Dienstagmorgen gibt es eine neue „Deutschstunde“, wobei in der Schreibweise kein Unterschied mehr gemacht wird, ob es sich um einen bestimmten Dienstagmorgen handelt oder ob jeder Dienstagmorgen gemeint ist.

Konjunktionen schreibt man zusammen

So weit, so klar (das hoffe ich jedenfalls). Auch an dieser Stelle eine scheinbar eindeutige Regel: Adverbiale Fügungen mit „so“ werden getrennt geschrieben: so sehr, so viel, so weit, so lange. Also: „So lange“ meine Schwiegermutter da ist, so lange schlafe ich auf der Couch. Und dennoch: Dieser Satz ist orthografisch falsch! Bitte nicht merken und nicht einschicken! Wahrscheinlich sind Sie inzwischen misstrauisch genug geworden, um hinter jeder Sprachregel eine Ausnahme, eine Tücke oder einen Stolperstein zu vermuten. Drehen wir den Satz einmal um: Ich schlafe so lange auf der Couch, solange (!) meine Schwiegermutter da ist. Das erste „so lange“ ist eindeutig eine adverbiale Bestimmung der Zeit und wird getrennt geschrieben, aber beim zweiten „solange“ handelt es sich gar nicht um eine adverbiale Fügung! Dieses „solange“ bindet den Nebensatz, der den Grund für mein Couch-Dasein liefert, an den Hauptsatz an. Die Wortart, die Nebensätze anbindet, nennt man Bindewörter, fachsprachlich Konjunktionen geheißen, und Konjunktionen schreibt man zusammen.

Weitere Beispiele: Müller musste vom Platz, so gern er auch weitergespielt hätte (so + Adverb). Er schoss kein Tor, sosehr er sich auch bemühte (Konjunktion). Mir kommen immer die Tränen, sooft ich an dich denke (Konjunktion). Sie arbeitete weiter, so gut es eben ging (so + Adjektiv). Manchmal wird es diffizil: Er wanderte Richtung Norden, soweit die Füße ihn tragen würden (falls die Füße ihn tragen). Aber: Er marschierte gen Norden, so weit die Füße ihn tragen würden (so weit, wie die Füße ihn tragen).

deutschstunde@t-online.de