Meinung
Deutschstunde

Ein Rückbau klingt verhüllender als ein Abriss

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Euphemismus dient dazu, Wörter mit guter Bedeutung zu gebrauchen, um Unangenehmes angenehm zu sagen.

Eine Abfolge von unsortierten Lauten in der Sprache oder von Buchstaben im Text ergibt noch keinen Sinn. Erst wenn wir dem Laut oder der Buchstabenfolge eine feste Bedeutung zuordnen können, wird die Abfolge zum Wort, das eine bestimmte Bedeutung hat. Ursprünglich war die Bedeutung eines Wortes eindeutig und bezog sich auf eine Sache in der realen Welt. Aber im Laufe der Zeit haben die meisten Wörter einen Bedeutungswandel oder eine Bedeutungserweiterung erfahren. Nehmen wir das ahd. „wizzan“, das ursprünglich „gesehen haben“ bedeutete und heute zum Verb „wissen“ geworden ist. Was ich gesehen habe, das weiß ich.

Die Bedeutung eines Wortes kann sich nicht nur wandeln, sie kann auch erweitert werden, sodass jetzt einem Stichwort im Wörterbuch häufig mehrere Erklärungen beigegeben sind. Diese Bedeutungserweiterung erfolgt meistens auf dem Weg der Übertragung. Die „Linse“ als Hülsenfrucht, die wir im Linsengericht vom Teller auf den Löffel befördern, hat eine unverwechselbare Form.

Zwei linke Hände

Eine solche Form weist jedoch auch das geschliffene Glas für optische Geräte auf, das deshalb ebenfalls als Linse bezeichnet wird. Das Wort „Linse“ hat auf diese Weise seine Bedeutung erweitert. Die Bedeutung der Hülsenfrucht wurde wegen ihrer äußeren Form auf das geschliffene Glas im Feldstecher übertragen.

Übertragungen passieren häufig in Redewendungen. Im Allgemeinen hat ein Mensch eine rechte Hand und eine linke Hand. Falls wir jedoch sagen, er habe „zwei linke Hände“, so meinen wir nicht, dass er mit einer körperlichen Fehlbildung geschlagen ist, sondern dass wir es bei ihm mit einem höchst ungeschickten Zeitgenossen zu tun haben.

An dieser Stelle treffen wir auf das Stilmittel der Metapher, bei der ein Wort oder eine Wortgruppe aus dem eigentlichen Bedeutungszusammenhang in einen anderen übertragen wird. Wenn eine Landärztin die Bezeichnung „Mutter Teresa vom Hinterwald“ bekommt, so handelt es sich sowohl um eine missglückte Metapher als auch um einen Kitschfilm mit Christine Neubauer.

Der Bedeutungswandel der Wörter

Sogar das Wort „Wandel“ hat selbst einen Bedeutungswandel über sich ergehen lassen müssen. Unsere Vorfahren verstanden darunter einen Fehler, wir heute eine Änderung. Das „Gesicht“ wurde von der Sehkraft zum Antlitz, das „Elend“ von der Verbannung zur Not, „abfällig“ von abtrünnig zu geringschätzig, „niederträchtig“ von „geringer Höhe“ zu gemein und „gleichgültig“ von gleichwertig zu einerlei. Wer früher etwas „schilderte“, der (be)malte etwas, heute verstehen wir das Verb „schildern“, ohne an Pinsel und Schild zu denken.

Dieser Bedeutungswandel ging einher mit der Entwicklung unserer Sprache. Noch einmal: Sprache ist nicht, was gesprochen werden soll, sondern was gesprochen wird. Sonst würden wir heute noch so reden wie die Germanen, als sie am Teutoburger Wald die Römer verprügelten.

Euphemismus: Unangenehmes angenehm sagen

Allerdings gibt es einige hinterhältige Zeitgenossen wie Politiker, Werbetexter, Berater und Investoren, die führen gezielt einen gewaltsamen Bedeutungswandel herbei, der keinen anderen Grund hat als zu verschleiern, zu beschönigen, aufzuwerten und zu verhüllen – und leider fallen wir allzu häufig darauf herein. Dabei geht es um das Stilmittel des Euphemismus, worunter die alten Griechen verstanden: Wörter von guter Bedeutung zu gebrauchen, um Unangenehmes angenehm zu sagen.

Wenn Sie etwas von einem Rückbau lesen, dürfen Sie getrost annehmen, dass es sich schlicht um einen Abriss handelt. Eine Seniorenresidenz klingt weitaus freundlicher als ein Altenheim, eine Freisetzung von Arbeitskräften nicht so unsozial wie eine Entlassung, eine Preisanpassung harmloser als eine Verteuerung, eine Friedensmission verhüllender als ein Kriegseinsatz oder ein Freitod nicht so direkt wie ein Selbstmord. Einen Begriff wie „naturidentisch“ muss man erst einmal erfinden, um dem Verbraucher zu verschleiern, dass das Produkt keineswegs natürlich, sondern künstlich ist. Dass Großvater „sanft entschlafen“ ist, klingt weniger hart, als wenn er ganz einfach gestorben wäre. Hier sei ein Euphemismus erlaubt, in allen anderen Fällen sollten Sie auf der Hut sein.

deutschstunde@t-online.de