Meinung
Deutschstunde

Sächsisch ist der unbeliebteste deutsche Dialekt

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Im plattdeutschen Norden war Hochdeutsch lange eine Fremdsprache. Sächsisch hat sein Image auch von einem speziellen Politiker.

Anfang der 1960er-Jahre, als jede ARD-Übertragung aus dem Ohnsorg-Theater bundesweit ein Straßenfeger war, machte ich Station bei einer Holzfällerfamilie in einem abgelegenen Alpental. Ich nächtigte auf einem Strohsack in der Abseite, bekam aber reichlich zu essen – das Ganze für nur 3,50 D-Mark pro Tag. Einen komfortableren Urlaub konnte ich mir als Student im ersten Semester nicht leisten. Von meiner Gastfamilie wurde ich bestaunt wie ein Wesen aus einer anderen Welt und mit einem Schwall von Fragen eingedeckt. In deren Vorstellung schien Hamburg kurz vor dem Nordpol zu liegen.

Das Dumme war nur, dass ich ihren Dialekt auf Anhieb nicht verstand. Als ich bat, doch deutsch zu sprechen, verfinsterten sich die Mienen der Wirtsleute, und der Wortschwall nahm zu. Soweit ich verstehen konnte, wiesen sie mich verärgert darauf hin, dass sie schließlich im Fernsehen auch jedes Wort von Heidi Kabel und Henry Vahl im Hamburger Dialekt verständen.

Doch eben das war der große Irrtum. Die Ohnsorg-Aufführungen wurden wegen einer möglichst hohen Einschaltquote auf Hochdeutsch aufgezeichnet. Wenn die Touristen dann im Theater saßen, damals noch in den Großen Bleichen, stellten sie verblüfft fest, dass die Heimatsprache in der Hansestadt das Plattdeutsche war. Sie verstanden kein Wort, während sich die eingeborenen Hamburger im Saal bei der „Kortenleggersch“ vor Vergnügen auf die Schenkel schlugen.

Das Niederdeutsche, das den Eigennamen „Plattdeutsch“ trägt, ist kein Dialekt, keine regionale Variante einer Sprache, sondern eine Sprache für sich, die bis vor rund 100 Jahren die Muttersprache der Menschen nördlich einer Linie von Düsseldorf bis Frankfurt (Oder) war („Benrather Linie“). Das Niederdeutsche hat die Entwicklung und die Lautverschiebung zum Hochdeutschen nicht mitgemacht.

Seit der Reformation kam das Hoch- und Lutherdeutsch wie eine Fremdsprache in den Norden und überlagerte das Niederdeutsche, ohne sich zu vermischen. Deshalb wurden im Norden keine hochdeutschen Dialekte ausgebildet. Das Hochdeutsche, das zuerst nur in Schule, Kirche und Verwaltung gesprochen wurde, blieb hier lange unbeeinflusst. Wir nehmen in Anspruch, dass in Hannover und auch noch ein bisschen weiter nördlich das reinste Hochdeutsch gesprochen wird. Jedenfalls galt das so lange, bis nach dem Zweiten Weltkrieg im Zuge der Fluchtbewegungen und der Migration eine kulturelle Vermischung stattfand.

Im (südlichen) hochdeutschen Sprachraum gab und gibt es hingegen zahlreiche hochdeutsche Dialekte, und manchmal kann man den Eindruck gewinnen, dass die eine Region der anderen nicht grün ist. In einer Umfrage wurde Sächsisch als der unbeliebteste Dialekt gewählt, gefolgt von Bairisch (mit „i“), Berlinerisch, Schwäbisch und Thüringisch. Sächsisch hat den Nachteil, dass Walter Ulbricht, der nicht nur im Westen verhasste SED-Generalsekretär aus Leipzig, sächsisch sprach. Sein Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“ wäre schon auf Hochdeutsch eine Provokation gewesen, geriet auf Sächsisch aber zum Tiefpunkt deutscher Geschichte.

Heute gibt es immer noch Unterschiede regionaler Art in der Sprache und der Lebensart, offenbar auch zwischen Ost und West. Eine Leserin, die von der Oder ins Hamburger Umland gezogen war, beklagte sich bei mir, dass hier ein schlampiges Deutsch gesprochen werde, während, so ergänze ich einmal, kurz vor Polen die Syntax noch in Ordnung sei. Die Leserin besteht darauf, dass es „Ich habe die Unterlagen zu Hause auf dem Tisch zu liegen“ heißen müsse, doch ihre Kollegen und Nachbarn ließen das „zu“ immer weg.

Sie schrieb: „Ich werde belächelt, oder aber ich muss mich rechtfertigen, dass ich ein zu einfüge. Meine Kollegen machen sich auch über andere Ossis (die doofen) lustig, die das zu wohl alle falsch verwenden.“

Nun wollte die Leserin von mir grammatische Absolution erhalten. Ich musste sie enttäuschen: Bei Verben, die mit haben verbunden sind, wird kein zu gesetzt. Es heißt „liegen haben“ und nicht „zu liegen haben“: Er hat zwei Fässer in seinem Keller liegen.

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