Meinung
Deutschstunde

Ich heiße Peter und Sie herzlich willkommen

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags

Foto: Klaus Bodig / HA

Hier haben wir es mit einem Beispiel für ein Zeugma zu tun. Die Rhetorik, die Redekunst, kennt viele Stilfiguren.

Die Polizei hält es für nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei den Gesuchten um reisende Täter handelt. So stand es in der Zeitung. Warum schreibt man nicht: Die Polizei hält es für wahrscheinlich? Es ist immer schwierig, die Frage nach dem Warum einer an sich korrekten Formulierung zu beantworten, die man nicht selbst benutzt hat. Da müssten wir den Autor schon selbst fragen. Er hat sich für die Form der doppelten Verneinung entschieden und sich damit in den Bereich der stilistischen Feinheiten begeben.

Wollen wir eine Aussage bejahen, sagen wir etwa: Das Wetter ist schön. Stürmt und regnet es, heißt es: Das Wetter ist schlecht. Wir können die Situation aber auch etwas zurückhaltender ausdrücken, sobald wir den Regenschirm zu Hause lassen dürfen: Das Wetter ist nicht schlecht. Das „nicht“ negiert eine Tatsache, und das Adjektiv „schlecht“ verkehrt sie noch einmal ins Negative. Eine doppelte Negation führt jedoch zu einer Umkehrung ins Positive, wodurch die Aussage entweder eingeschränkt oder verstärkt wird. Sie kennen das aus dem Mathematik-Unterricht: Minus mal minus ergibt plus.

Verlassen wir heute einmal den Bereich der Grammatik und begeben uns in das weite Gebiet der Stilistik, in die Lehre von der Gestaltung des sprachlichen Ausdrucks. Auch in der Stilistik gibt es Regeln, oder sagen wir besser: Verbotsschilder, damit unsere Muttersprache nicht allzu sehr vergewaltigt wird. Entscheidender ist aber das Gefühl, das Sprachgefühl, das bei jedem anders ausgeprägt sein wird. Das ist wie im Restaurant. Der eine wählt Kartoffelsalat zum Fischfilet, der andere Pommes frites. Über Geschmack lässt sich nicht streiten, weder beim Fisch noch beim Schreiben.

Wenn die Ellipse zum Zeugma wird

Allerdings galten in der Antike für die Poetik, die Dichtkunst, und erst recht für die Rhetorik, die Redekunst, strenge Vorgaben. Nahezu jede Wendung und Formulierung hatte ihre bestimmte Stilfigur, an die sich die Redner strikt zu halten hatten. Es muss sich recht schematisch angehört haben, Demosthenes oder Cicero zu folgen. Solche Vorgaben hat man später abgeschafft, sonst hätte ein staatenloser Gefreiter mit seinem Gebrüll nicht die ganze Welt in Schutt und Asche reden können.

Die Rhetoriker bezeichnen die Stil­figur der doppelten Verneinung als eine Litotes („Er ist nicht der schlechteste Lehrer“). Das Einsparen von Redeteilen nennt man eine Ellipse (griech. Mangel): Er hat den Vertrag unterschrieben und [er hat] das Geld sofort überwiesen. Ergibt eine Ellipse eine unpassende oder ungewollt komische Verbindung, sprechen wir von einem Zeugma: Ich heiße Peter und Sie herzlich willkommen; nicht nur meine Mutter, auch der Ofen war ausgegangen.

Die Metapher benutzt ein analoges Bild aus einem anderen Bereich: das Rad der Zeit. Passen die Bilder nicht zusammen, handelt es sich um eine Katachrese: Das schlägt dem Fass die Krone ins Gesicht. Die Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe ist ein Oxymoron: bittersüß; Eile mit Weile.

Stilfiguren gibt es wie „Sand am Meer“

Als Contradictio in Adjecto wird eine Sonderform des Oxymorons bezeichnet, bei der sich die Bedeutung eines Substantivs und des hinzugefügten Adjektivs widersprechen: der arme Millionär. Der Chiasmus (das Überkreuzstellen; vom griechischen Buchstaben Chi = X) benutzt die syntaktische Stellung von kreuzweise aufeinander bezogenen Wörtern oder Redeteilen: Groß war der Einsatz, der Gewinn war klein.

In unser Gemüt schleicht sich die Synästhesie, die Vermischung verschiedener Sinneseindrücke, sodass man beim Lesen gleichzeitig zu hören, zu sehen, zu fühlen und scheinbar auch zu riechen meint: Holdes Bitten, mild Verlangen, / Wie es süß zum Herzen spricht! / Durch die Nacht, die mich umfangen, / Blickt zu mir der Töne Licht (Clemens Brentano).

Stilfiguren gibt es wie „Sand am Meer“. Mancher mag das für eine Übertreibung halten, womit wir beim nächsten Stilmittel wären, bei der Hyperbel (Übertreibung des Ausdrucks): himmelhoch, zuckersüß. Eine Klimax ist der Übergang vom schwächeren zum stärkeren Ausdruck, vom weniger Wichtigen zum Wichtigeren: Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Königin ihr Kind (Rumpelstilzchen).

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