Meinung
Deutschstunde

Jeder starke Autor kann einmal schwach werden

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags.

Der Verfasser ist „Wortschatz“-Autor und früherer Chef vom Dienst des Abendblatts. Seine Sprachkolumne erscheint dienstags.

Foto: Klaus Bodig / HA

Nämlich im Plural, weil er gemischt dekliniert wird. Ein Nachtrag zur Beugung und zur Form der Kommas.

Ich hatte ein schlechtes Gewissen, in der letzten Woche so viel Platz der Kolumne für die eigentlich banale Frage verschwendet zu haben, ob es „des Jungen“ oder „des Jungens“ heißen muss. Doch als so banal empfanden zahlreiche Leser meine Begründung gar nicht. Die meisten Muttersprachler beugen (deklinieren) dieses Substantiv (Hauptwort) intuitiv richtig, aber die wenigsten können den genauen Unterschied zwischen einer starken und einer schwachen Deklination erklären.

Bevor ich nun der Aufforderung nachkomme, weitere Grundschulkenntnisse der Grammatik zu vermitteln, erlaube ich mir, wieder einmal ein kleines und preiswertes Büchlein im Westentaschenformat zu empfehlen, in dem alle diese Fragen kurz und verständlich erläutert sind: Duden. Erste Hilfe. Grammatik. 76 Seiten, 5 Euro.

Gemischte Deklination bei jedem Deutschtest

Ich will hier zum Thema starke und schwache Deklination doch noch auf die „gemischte“ Deklination hinweisen, wofür vor einer Woche der Platz nicht reichte. Bei der gemischten Deklination werden einige Substantive im Singular (Einzahl) stark, im Plural (Mehrzahl) aber schwach dekliniert. Das bekannteste Beispiel, das nahezu in jeder Quizsendung und bei jedem Deutschtest als Falle eingebaut ist, ist „der Autor“. Bei Formulierungen wie „Es ging dem Autoren vor allem um die Sprache“ quietscht die Grammatik, und Sie sollten den Text vor Kindern, Schülern und Ausländern schnellstens verstecken. Selbstverständlich darf es nur „dem Autor“ heißen.

Der Singular ist durchgehend stark flektiert (gebeugt): der Autor, des Au­tor-s, dem Autor, den Autor. Im Plural wird der Autor schwach und erscheint ausschließlich mit der schwachen Endung -en: die Autor-en, der Autor-en, den Autor-en, die Autor-en. Sie sollten, falls Sie es falsch hören, mit einem Achteltakt Pause und einem leichten Heben der Stimme Ihrem Gegenüber die Form korrekt wiederholen.

Die Kasi? Ein Fall für die Grammatik

Was aber antworte ich jemandem, der sich bedankt, dass ich ihm „die Kasi“ so genau erklärt habe? Ich möchte ihn ja nicht bloßstellen. Die Bemerkung, dass ich dafür leider keine Boni wie die Vorstände der Deutschen Bank bekomme, würde in ihrem Hintersinn nicht verstanden werden. Deshalb ein kurzer Ausflug in die Pluralbildung: Es heißt „der Kasus“ (Fall) und „die Kasus“, wobei das „u“ im Plural ganz lang gesprochen wird, was in schriftlicher Form leider nicht zu unterscheiden ist. Es heißt „das Tempo“ und im Plural „die Tempi“, was allerdings nichts mit der Grammatik, sondern mit der Geschwindigkeit zu tun hat, die etwa der Dirigent bei einem Musikstück vorgibt. Aber es heißt „das Tempus“ und „die Tempora“, und hier haben wir es endlich mit den Zeitformen der Verben zu tun.

Übrigens lautet der Plural von „Komma“ sprachwissenschaftlich, standardsprachlich und laut Empfehlung des Dudens „Kommas“ und nicht „Kommata“ (veraltet). Ich weiß schon, wenn ich korrekterweise „Kommas“ schreibe, bekomme ich je nach Wetterlage drei bis vier Dutzend Zuschriften meist älterer Herrschaften, in denen direkt oder süffisant meine Kompetenz in Zweifel gezogen wird. Man fühlt sich dann wie ein Koch, dem unterstellt wird, die Kartoffeln versalzen zu haben. Ich möchte die deutsche Sprache eigentlich nicht lehren, sondern in der „Deutschstunde“ über die deutsche Sprache plaudern.

Duden. Erste Hilfe. Komma, Punkt & Co. – nur 5 Euro

Es mag sein, dass dieser Wunsch nicht immer sein Ziel erreicht, und zwar wegen des allzu menschlichen Bemühens, einen Lehrer beim Fehler zu ertappen. Da schreibt doch ein Leser, ich hätte in der Überschrift „Grammatisch gesehen ist der Junge schwach“ ein Komma hinter „gesehen“ vergessen. Das stimmt natürlich nicht. Manche Leute wollen eben zwanghaft ein Komma setzen, wenn sie auf ein Partizip treffen. Doch mit der Zeichensetzung will ich mich jetzt nicht beschäftigen. Deshalb eine weitere Empfehlung: Duden. Erste Hilfe. Komma, Punkt & Co. – ebenfalls nur 5 Euro.

Nachdem ich nun so viel Reklame für einen fremden Verlag gemacht habe, darf ich mir wohl vor Ihrem Gang zur Buchhandlung den dezenten Hinweis erlauben, dass die letzten Exemplare meines angeblich überaus lesenswerten Buches „77 Deutschstunden mit Peter Schmachthagen“ noch erhältlich sind.

deutschstunde@t-online.de