Meinung
Meine wilden Zwanziger

Was im Leben wirklich wichtig ist

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts

Die Autorin ist Redakteurin des Abendblatts

Foto: Andreas Laible

Ein vernünftiger Job? Geld? Oder Liebe? Die Zeiten ändern sich. Doch die Weisheiten einer 101-Jährigen bleiben.

Traumjob gefällig? Ein Reiseveranstalter in Finnland sucht einen Weihnachtself. Deutschkenntnisse sind ausdrücklich erwünscht (das Abendblatt berichtete). Die notwendigen „Elfen­Fähigkeiten“ erlernt der Mitarbeiter in einer Schulung. Seine Aufgabe: Er soll in Ringelhose und Zipfelmütze Reisegruppen entertainen. Das Gehalt ist nicht bekannt. Mehr als 100.000 Instagram-Nutzern gefällt das Stellenangebot.

Oder wie wäre es hiermit: Ein Unternehmen aus Kanada stellt Cannabis-Tester ein. Sie verdienen 50 Dollar pro Stunde und dürfen bequem im Park, im heimischen Wohnzimmer oder in der Firma kiffen. Der Nachteil: Die Arbeitszeit ist auf maximal 16 Stunden im Monat begrenzt. Trotzdem bejubeln 160.000 Menschen diesen Job im Netz.

Doch es kommt noch besser: Ein Restaurant aus Texas sucht einen Praktikanten, der für 100 Dollar pro Stunde Hunde streichelt. Kein Witz. Bewerben kann man sich mit einem Foto oder Video bei Instagram. Es gilt: je kreativer, desto größer sind die Chancen. Bewerbungsschluss ist am 12. November. 230.000 Leute sind begeistert.

Jobangebote werden zu viralen Hits

Alle Stellenanzeigen hat die Seite „Faktastisch“ bei Instagram verbreitet. Fest steht: Egal ob wir die Jobs nun für genial oder komplett bescheuert halten – in der Social-Media-Gemeinde sind sie zu viralen Hits geworden. Aber woran liegt das? Warum faszinieren uns diese ungewöhnlichen Arbeitsplätze so?

Ein Erklärungsversuch. Als professioneller Weihnachtself Touristen in Finnland zu bespaßen ist ein krasser Kontrast zur täglichen Bildschirmarbeit. Wir haben sie satt. Unsere Augen verlangen Pause. Schließlich sind sie bereits mit unserem Smartphone-Display verschmolzen. Hinzu kommt: Wir verbringen mehr Zeit im Job als mit unseren Freunden – dann soll er uns doch bitte schön Spaß machen.

Der Trend: Mittlerweile arbeiten die Leute nicht nur, um ihre monatliche Miete zahlen zu können. Im Gegenteil. Für mehr Freizeit würden einige Arbeitnehmer sogar auf Geld verzichten. Die Work-Life-Balance muss stimmen. Besonders junge Berufseinsteiger legen immer mehr Wert auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Privat- und Berufsleben. Das große Geld verdienen? Ganz nett. Aber nicht alles im Leben.

Deutsche sammeln fast zwei Milliarden Überstunden

Früher war es ein Statussymbol, als Letzter das Licht im Büro auszuknipsen. Heute zählen die Stunden mit der Familie. Nicht nur Mütter nehmen sich nach der Geburt ihres Kindes eine Auszeit. Auch jeder dritte Vater geht 2018 in Elternzeit. Und trotzdem sammeln die Deutschen jedes Jahr fast zwei Milliarden Überstunden an – ein Großteil bleibt davon (natürlich) unbezahlt.

Überall auf der Welt entwickeln Firmen neue Modelle, um die Arbeitszeit zu verkürzen. Ein berühmtes Beispiel ist ein schwedisches Pilotprojekt: Zwei Jahre lang haben Pflegekräfte in einem Altenheim in Göteborg sechs anstatt acht Stunden pro Tag gearbeitet. Dabei wurde ihnen das volle Gehalt weitergezahlt. Das Resultat: Den Mitarbeitern ging es sowohl psychisch als auch körperlich deutlich besser. Sie waren motivierter, haben weniger Zeit verplempert. Allerdings: Es mussten 17 neue Pflegekräfte eingestellt werden, um ihre Arbeit aufzufangen.

Diese Experimente sind einer Frage untergeordnet: Was ist wirklich wichtig im Leben? Ein vernünftiger Job? Geld? Oder Liebe? Gerade in meinem Alter ist es schwer, eine Antwort zu finden. Vor ein paar Wochen hatte ich eine besondere Begegnung in einer Seniorenanlage in Langenhorn. Für eine Geschichte durfte ich eine 101 Jahre alte Frau, geboren im Februar 1917, treffen. Sie ist in einer Kleinstadt in Westpommern aufgewachsen. Auf der Flucht vor den Russen musste sie ihre Tochter begraben. Das Mädchen war gerade einmal ein halbes Jahr alt. Die Lebenslust hat die Seniorin aber nie verloren.

Mit ihrem Ehemann hat sie glücklich in Hamburg gelebt. Er ist 92 Jahre alt geworden. Ihre Zwillingsschwester 99. Das Geheimnis ihres langen Lebens? „Ich hatte einen sehr tollen Mann“, sagte sie. „Wir waren immer füreinander da. Heutzutage geben die jungen Menschen ihre Beziehungen zu schnell auf.“ Außerdem seien soziale Kontakte und Bewegung wichtig. Die vielen Stunden, die sie in der Bäckerei ihrer Eltern geschuftet hat, erwähnte sie nur flüchtig ...

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