Meinung
Meine wilden Zwanziger

Tief in mir boxt ein Picasso

Wie der Brief einer Künstlerin mich dazu brachte, endlich das zu tun, was ich schon immer wollte

Liebe Leser, vielleicht erinnern Sie sich noch: Vor etwa einem Monat habe ich den Pablo Picasso in mir gesucht. Damals habe ich in einer Kolumne geschrieben, dass ich große Lust hätte, mit dem Malen anzufangen. Doch auf dem Weg zur Kunstlegende gab es einen Haken: Ich hatte kein Talent.

Zwar habe ich mir eine Leinwand, Pinsel und Farbe gekauft – angefangen zu malen habe ich aber nicht. Bis jetzt.

So albern es klingt, aber die Wahrheit war: Ich hatte Angst zu versagen. Was passiert, wenn mein Bild nicht hübsch wird? Was denken dann die anderen über mich? Sollte ich es vielleicht einfach lassen? Ja, das wird wohl das Beste für die Menschheit sein.

Daraufhin hat mir die Hamburger Künstlerin Britta Meins einen Leserbrief geschrieben. Sie lud mich ein, einen ihrer Workshops zu besuchen: „Ich zeige Ihnen, wie Sie eine wunderbare Zeichnung anfertigen.“

Zugegeben, am Anfang war ich skeptisch. Das Wort „wunderbar“ passte mit meinem Gekritzel nicht zusammen. Außerdem war die Vorstellung, wie das hässliche Entlein in einem Kurs voller begnadeter Zeichner zu sitzen, nicht gerade verlockend.

Andererseits: Was hatte ich schon zu verlieren? Also habe ich mir am Sonnabendmorgen meine beste Freundin geschnappt und das Atelier von Britta Meins an den Landungsbrücken aufgesucht. Jetzt oder nie.

In einer kleinen Gruppe von fünf Leuten saßen wir an einem Tisch. Einer studierte Architektur, zwei andere gingen noch zur Schule. Vor uns standen Gläser mit Bleistiften in mehreren Härten. Daneben lagen leere Papierblätter. Die erste Aufgabe: Wir sollten einen Gegenstand aus dem Raum zeichnen – allerdings ohne auf das Blatt vor uns zu gucken. Eine Herausforderung.

Ich habe versucht (!), das Stifteglas direkt vor meiner Nase abzumalen. Herausgekommen ist ein Gebilde, das eher an einen Gartenzaun erinnerte, dem ein paar Latten fehlten.

Aber das war egal. Es ging nicht darum, ein Kunstwerk zu erschaffen. Vielmehr sollten wir lernen, auf unsere Intuition zu vertrauen. Kopf aus. Herz an. Irgendwo hat sich Picasso in mir versteckt. Da bin ich mir ganz sicher.

Kleiner Tipp: Mit ein wenig Weißweinschorle im Blut findet man ihn schneller. Am Abend zuvor war ich mit meiner Freundin auf dem Oktoberfest in der Fischauktionshalle feiern (Prost, ihr Säcke! Prost, du Sack!). Nicht umsonst entstehen die besten Geschäftsideen aus einer Bierlaune heraus.

Damit will ich natürlich nicht sagen, dass wir Alkohol trinken müssen, um kreativ zu werden. Nicht, dass wir uns hier falsch verstehen ...

Zurück zum Malkurs. Bei der nächsten Übung ging es darum, eine komplizierte Zeichnung des österreichischen Künstlers Egon Schiele nachzumalen. Eine Köchin im Schneidersitz. Na super. Wie soll ich das denn hinkriegen? Aber es gab einen Trick: Um unser logisches Denken (das uns häufig im Weg steht) auszuschalten, haben wir das Bild einfach auf den Kopf gestellt. Die Folge: Wir haben vergessen, was wir eigentlich zeichnen. Und dadurch genauer beobachtet. Am Ende mussten wir unsere Schiele-Kopie wieder umdrehen. Kaum zu glauben: Sie sah gar nicht mal so schlecht aus.

Nach zwei Stunden war der Workshop bei Britta Meins beendet. Das Atelier habe ich nicht nur mit einer Mappe voller Zeichnungen verlassen. Sondern auch mit mehr Vertrauen in mich selbst.

Jeder hat etwas, das er schon immer mal in seinem Leben ausprobieren wollte – aber noch nie gemacht hat. Das ist der Hintergrund dieser Geschichte. Bei mir stand das Malen seit Langem ganz oben auf der To-do-Liste. Übrigens genauso wie das Boxen. Auch wenn diese Kombination zugegebenermaßen nicht ganz zusammenpasst. Sie merken: Ideen für neue Hobbys habe ich reichlich. Nur an der Umsetzung scheiterte es bisher.

Aber es lohnt sich, den eigenen Schweinehund zu überwinden. Inzwischen gehe ich nicht nur regelmäßig zum Boxtraining, sondern auch die gekaufte Farbe hat ihren Weg auf die leere Leinwand zu Hause gefunden. Manchmal braucht man zu seinem Glück eben einen kleinen Tritt in den Hintern. Zum Beispiel in Form eines Leserbriefs. Ein herzliches Dankeschön dafür.