Meinung
Meine wilden Zwanziger

Soll ich mich selbst heiraten?

Wenn eine Braut sich selbst das Jawort gibt. Einige Überlegungen zu einer etwas anderen Hochzeit in Hamburg.

Einmal wie eine Prinzessin im weißen Brautkleid zum Altar schreiten – davon träumen viele Frauen, seitdem sie ihren ersten „Sissi“-Film gesehen haben. Doch für meine Generation, die ihre große Liebe ausgerechnet bei Tinder sucht, droht dieser Wunsch immer häufiger unerfüllt zu bleiben. Was ist, wenn wir keinen Partner finden, der unseren Ansprüchen genügt? Keine Panik, dafür gibt es jetzt eine Lösung: Wir heiraten uns einfach selbst.

Vor wenigen Tagen hat sich die erste Hamburgerin in der St.-Pauli-Kirche das Jawort gegeben, wie die „Welt“ berichtete. Die Frau, Mitte 30, hat bereits einige gescheiterte Beziehungen hinter sich und offenbar die Hoffnung aufgegeben, ihren Traummann noch zu finden. Auf eine Hochzeit à la Cinderella wollte sie trotzdem nicht verzichten. Vor ihrer Familie hat Pastor Martin Paulekun der Braut (ohne Bräutigam) in einem Trauungsgottesdienst den Segen gegeben. Später bezeichnete der Theologe den Akt der Selbstheirat als „öffentliches Bekenntnis zu sich selbst“.

Nun gut. Zu diesem Phänomen, das sich im Übrigen „Sologamie“ schimpft, gibt es wohl nur zwei Meinungen. Entweder: Es ist ein schöner Beweis dafür, dass man keinen Märchenprinzen (oder Prinzessin) braucht, um glücklich zu sein. Oder: Wie bekloppt kann man eigentlich sein?

Gegner behaupten, es sei Ausdruck des übersteigerten Narzissmus einer ohnehin schon bindungsgestörten Generation. Dabei ist es in anderen Ländern längst üblich, sich selbst zu heiraten. Zum Beispiel in den USA, dem Mutterland aller verrückten Ideen. Dort gibt es Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, die Vermählungen der ­Singles (meistens sind es Frauen) zu organisieren. Das Geschäft boomt.

Nebenbei: In den Vereinigten Staaten dürfen Besitzer sogar ihre Haustiere heiraten. Egal ob Hund, Schildkröte oder Tarantel. Sie alle wurden schon mit ihrem Herrchen oder Frauchen vermählt. Ja, wer denkt, es geht nicht verrückter – oh, doch.

Einen anderen Hintergrund hat die Selbstheirat in Japan. Hier gelten unverheiratete Frauen noch immer nicht als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft. Um dennoch dazuzugehören, inszenieren sie für ein paar Tausend Euro ihre eigene Hochzeit – inklusive Kleid, Location und Fotos mit dem geliebten Fake-Göttergatten. So können sie weiter an ihrer Karriere arbeiten und werden trotzdem nicht sozial ausgeschlossen. Traurig, aber wahr.

Ja, mit der Selbstliebe ist es so eine Sache. Wer steht morgens schon vor dem Spiegel, zwinkert sich zu und schaut in das Gesicht eines rundum zufriedenen Menschen? Aber es wird uns auch nicht leicht gemacht.

Wir sind umzingelt von Büchern, Zeitschriften und Influencern, die uns tagtäglich aufzeigen, wie verkorkst unser Leben doch ist. Wir leiden unter dem Druck, gesünder, fitter, schlanker, bewusster und vor allem glücklicher zu werden. Die Selbstoptimierung scheint niemals abgeschlossen zu sein. Dabei lassen uns die ganzen Ratgeber immer wieder mit einer Frage zurück: Sind wir etwa nicht gut so, wie wir sind?

Aus diesem Grund heiraten Singles sich plötzlich selbst. Sie wollen beweisen, dass sie auch ohne Ehepartner wertvoll sind. Mit der Selbstheirat symbolisieren sie ihre Unabhängigkeit. Es ist ihnen egal, was die Gesellschaft von ihnen verlangt. So weit, so gut. Doch in Wahrheit legen die Junggesellen genauso viel Wert auf eine Hochzeit wie jedes andere Brautpaar auch. Sonst würden sie diesen Akt kaum vollziehen.

Fest steht: Wer sich selbst liebt, braucht keinen anderen Menschen, der ihn glücklich macht. Aber muss ich deshalb gleich Hand in Hand mit meinem eigenen Ego vor den Altar schreiten und mir im Treuegelöbnis die ewige Liebe schwören? Ohne Zweifel, manchmal ist es wichtig, sich selbst feiern zu dürfen. Aber dafür wurde bereits ein Fest erfunden: Es trägt den Namen „Geburtstag“.

Falls die frisch verheiratete Hamburgerin aus der St.-Pauli-Kirche doch noch ihren Traumprinzen finden sollte, muss sie sich übrigens nicht von sich selbst scheiden lassen. Denn: Die Selbstheirat ist weder kirchlich noch staatlich anerkannt. Aber es gilt auch hier: in guten wie in schlechten Zeiten.