Meinung
Meine wilden Zwanziger

PR-Gag von Domino's: Ein Tattoo für Gratis-Pizza!?

Von einem seltsamen Angebot der Kette Domino’s und der Erkenntnis: So bescheuert können Tattoos sein.

Mal ehrlich: Wie weit würden Sie gehen, um für den Rest Ihres Lebens Gratis-Pizza zu bekommen? Mit diesem Versprechen hat die Fast-Food-Kette Domino’s kürzlich in Russland geworben. Der Deal: Wer sich ein Tattoo mit dem Logo des Unternehmens stechen lässt, erhält für die nächsten 100 Jahre kostenlos Pizza. Verlockend, oder?

Die einzige Bedingung: Die Tätowierung muss mindestens zwei Zentimeter groß sein und sich an einer sichtbaren Stelle am Körper befinden – also am Kopf, Unterarm oder Unterschenkel. Anschließend muss der Pizzaliebhaber ein Beweisfoto in den sozialen Netzwerken posten, und schon gehört ihm das lebenslange Fress-Abo.

Einen Haken (abgesehen vom gruseligen Tattoo) gibt es allerdings: Die Anzahl ist auf 100 Stück pro Jahr beschränkt. Wer aber 100 Jahre weiterlebt, kann immerhin 10.000 Gratis-Pizzen essen. Na dann, guten Appetit!

Kaum zu glauben: Der Ansturm der Russen war so groß, dass Domino’s die Aktion nach kurzer Zeit stoppen musste. Wäre sie wie ursprünglich geplant bis Ende Oktober gelaufen, hätte sie das Unternehmen vermutlich in den Ruin getrieben. So bekommen nur die ersten 350 Tätowierten die Pizzen. Ich bin mir sicher, dass der PR-Gag in Deutschland genauso gut funktioniert hätte.

Die Bereitschaft, zur Werbetafel auf zwei Beinen zu werden, offenbart vor allem drei Erkenntnisse. Erstens: Die Menschen lieben Pizza über alles. Zweitens: Nicht nur die Vermarktungsstrategien werden immer bekloppter – sondern auch die Konsumenten. Und drittens: Tattoos sind längst nichts Außergewöhnliches mehr.

Körperkunst gehört zum Alltag dazu. Vor allem junge Leute lassen sich immer häufiger stechen. Aktuellen Schätzungen zufolge soll jeder Zweite in der Generation der 25- bis 34-Jährigen tätowiert sein. Über alle Altersgruppen hinweg zählt jeder Fünfte dazu. Logisch, da fällt ein Domino’s-Firmenlogo am Knöchel oder Handgelenk kaum noch auf.

Im Übrigen: Falls Sie sich an dieser Stelle fragen, ob ich auch ein Tattoo habe – nein. Ich bin ein so großer Schisser, dass ich selbst bei einem Piks mit der Spritze fürchterlich leide. Ja, ich bin nicht gerade als Heldin geboren. Da lasse ich mir bestimmt nicht Tausende Stiche mit der Tätowiernadel unter die Haut jagen. Außerdem hat die Mutter einer Freundin immer gesagt: „Wenn du dir jetzt einen Schmetterling stechen lässt, hängt er irgendwann wie eine Fledermaus, wenn du alt und schrumpelig bist.“

Fakt ist: Anfang der 90er-Jahre galt ein Tattoo noch als Merkmal für Seeleute, Knastbrüder und Rocker. Sie waren Außenseiter. Niemand wollte zu diesen Randgruppen gehören. Heutzutage tragen selbst Polizisten, Bankberater und Rechtsanwälte Verzierungen am Körper. Spätestens das „Arschgeweih“ am unteren Rücken der Frauen hat das Tabu gebrochen.

So gut wie jeder Profi-Fußballer hat eine Tätowierung. Wer dieses Jahr die WM in Russland verfolgt hat, könnte fast denken, es sei Pflicht geworden. Toni Kroos, Lionel Messi und James Rodríguez – allesamt bemalt. So ändern sich die Zeiten. Stellen Sie sich heute mal Uwe Seeler oder Manni Kaltz mit tätowierten Armen vor.

Die Kunstwerke am Körper erzählen Geschichten, sie sind wie ein Album des Lebens. Hinter ihnen steckt fast immer eine Bedeutung. Freundinnen von mir verewigen aus Liebe zu ihren Eltern das Geburtsdatum über den Rippen. Oder sie haben sich als Erinnerung an ihr Auslandsjahr in Neuseeland einen Kolibri im Maori-Stil tätowieren lassen.

Nicht selten suchen Menschen nach Schicksalsschlägen das Tattoo-Studio auf. Nachdem Anders Breivik 69 Jugendliche und Erwachsene auf der norwegischen Insel Utøya getötet hatte, ließen sich einige Überlebende das Datum des Massenmords, den 22. Juli 2011, sowie den Ort mit Tinte eingravieren.

Für sie ist es eine Möglichkeit, das Geschehene zu verarbeiten. Die Tat hat sie geprägt. Sie können sie genauso wenig rückgängig machen wie das Tattoo. Nur dass das Erlebnis auf Utøya schmerzhafter war als jeder Stich.

Fest steht: Kunstvolle Gemälde auf dem Körper sind zur Normalität geworden. Aber ein Firmenlogo für Gratis-Pizza – das ist einfach nur bescheuert.