Nach Akustik-Debakel

Kaufmann kehrt zurück – aber nicht in die Elbphilharmonie

Tenor Jonas Kaufmann hatte in der Elbphilharmonie zuletzt ein Debakel erlebt.

Tenor Jonas Kaufmann hatte in der Elbphilharmonie zuletzt ein Debakel erlebt.

Foto: dpa Picture-Alliance / Ursula Düren

Die ProArte-Saison bringt Beethoven-Gesamtzyklen, Staraufgebot und behutsame Neuerungen. 70 Konzerte, 120.000 Karten.

Hamburg. 250 Jahre Beethoven stehen kommende Saison ins Haus. 1770 kam einer zur Welt, der der Superstar der klassischen Musik werden sollte. Wie geht man mit so einem Jubiläum um? Ignorieren sei keine Option für ihn, sagte Burkhard Glashoff, Geschäftsführer der Konzertdirektion Dr. Goette, bei der Programmvorstellung der diversen ProArte-Reihen für die Spielzeit 2020.

Glashoff setzt, und da fügt er sich hübsch ein in die Linie des Hauses, auf gediegene Lösungen. Gediegen, das heißt: alle neun Beethoven-Sinfonien im Paket, und zwar von dem Orchester, das mit diesem Repertoire seit seiner Gründung verbunden ist, nämlich von den Wiener Philharmonikern. In der Elbphilharmonie.

Andris Nelsons: "Die Akustik der Elbphilharmonie ist wunderbar"

Gediegen auch die Wahl des Dirigenten. Die fiel auf Andris Nelsons, der ins zweite Jahr seiner Residenz bei ProArte geht. Der Maestro war höchstselbst zugegen und erzählte von seinen Erfahrungen mit unterschiedlichen Akustiken in seiner charmanten Mischung aus Deutsch, englischen Brocken und beredten Gesten, wenn gerade partout kein Wort auf seiner Zunge bereitlag: „Im Wiener Musikverein klingen die Streicher wie Honig (hier verteilte Nelsons den imaginären Honig mit genussreicher Geste über Bart, Hals und Hemdkragen), das gibt es nicht in jedem Saal. Jeder Saal hat eine andere Persönlichkeit. Die Akustik der Elbphilharmonie ist wunderbar, wir hören ganz andere Stellen als in anderen Sälen. Unsere Aufgabe ist hören und adaptieren.“

Ebenfalls auf höchstem Niveau und noch etwas aufregender ist das zweite Jubiläumspaket, nämlich sämtliche Klavierkonzerte. Das Budapest Festival Orchestra, das kürzlich in der Elbphilharmonie die Sterne vom Bartók-Himmel heruntergespielt hat, verteilt die Klavierkonzerte auf fünf Abende im Dezember und im Mai. Die Leitung hat Iván Fischer, der Solist ist András Schiff.

Das dritte Präsent packt Igor Levit, Pianist von Rang, entschiedener Staatsbürger und ebenfalls seit Langem ProArte-Künstler. Er schert aus der „Meisterpianisten“-Reihe (die halten weiterhin die Fahne in der ­Laeiszhalle hoch) aus und stürmt mit allen 32 Klaviersonaten den Großen Saal der Elbphilharmonie. „Der Raum ist sehr flexibel“, sagte er bei der Programmvorstellung. „Ich kann in Sekundenbruchteilen zwischen Kathedrale, perfektem Konzertsaal und Umziehkabine wechseln. Da werde ich zum Kind vor Freude.“

Anne-Sophie Mutter und Daniel Hope mit Programmen

Wer nun glaubt, ProArte hätte sich mit diesen Kostbarkeiten verausgabt, der irrt. Von Jahr zu Jahr knüpft Glashoff mehr Querverbindungen und bewegt den Traditionstanker mit aller Behutsamkeit in Richtung Zukunft. Nicht unbedingt in der Flaggschiff-Reihe „Internationale Orchester“, da geht es weiterhin auf unfehlbarem Niveau konventionell zu.

San Francisco Symphony und das Pittsburgh Symphony Orchestra geben ihre Debüts in der Elbphilharmonie, und die Berliner Philharmoniker schauen während ihrer Flitterwochen mit Kirill Petrenko vorbei. Die „Internationalen Solisten“, unter ihnen alte Bekannte wie die Geiger Anne-Sophie Mutter und Daniel Hope, gestalten Programme, die über das obligate Solokonzert hinausgehen, und unter der Überschrift „Große Stimmen“ geben der Tenor Daniel Behle, die Mezzosopranistin Cecilia Bartoli und die Sopranistinnen Julia Lezhneva und Simone Kermes Arienabende.

Primus inter pares der „Meisterpianisten“ ist Jan Lisiecki, dem ProArte ein Künstlerporträt mit drei Programmen widmet. Klar, dass Grigory Sokolov wieder in die schummrige Laeiszhalle kommt. Die junge Seong-Jin Cho debütiert, Yuja Wang kehrt zurück.

Jonas Kaufmann tritt in der Laeiszhalle auf

Mit den unterhaltsamen und intelligent moderierten Konzerten der „Faszination Klassik“ macht Glashoff einen Schritt auf neue Publikumsschichten zu. Und unter „ProArte X“ bietet er Künstlern wie dem Pianisten Francesco Tristano oder der Cembalistin Tamar Halperin eine Spielwiese zum Austesten und Verschieben der Genregrenzen.

Neu im Programm ist das Michel-Abo „ProArte M“ in Kooperation mit Hamburgs Promi-Hauptkirche mit vier Konzerten von geistlich bis beschwingt oder auch beides auf einmal. Und dann ist da noch die Wundertüte „ProArte Extra“ mit Diversem, darunter einem Arienabend mit Jonas Kaufmann. Programm: noch offen; der Dirigent Jochen Rieder ist derselbe wie der des Skandalkonzerts in der Elbphilharmonie vom Januar. Sie treten allerdings – auf Kaufmanns Wunsch – in der Laeiszhalle auf.

Wichtige Auszeichnungen für Jonas Kaufmann

  • 2018: Bayerischer Maximiliansorden
  • 2017: Echo Klassik "Bestseller des Jahres" für Dolce Vita
  • 2016: Bundesverdienstkreuz am Bande
  • 2015: International Opera Award
  • 2014: Bambi für klassische Musik

120.000 Tickets

Macht alles in allem 70 Konzerte, davon 48 im Großen Saal der Elbphilharmonie. Und wer bekommt nun die 120.000 Tickets? Der Aboverkauf läuft beim Classic Center (bis Ostern im Alsterhaus, danach in der Staatsopernkasse), Einzelkartenbestellungen werden ab dem 20. Juni entgegengenommen. Die günstigsten Tickets kosten lediglich zehn Euro. Man muss sie nur ergattern.