Jonas-Kaufmann-Konzert

"Hype um geniale Akustik in der Elbphilharmonie bröckelt"

Nicht so glücklich beim Abgang: Jonas Kaufmann am Sonnabend in der Elbphilharmonie.

Nicht so glücklich beim Abgang: Jonas Kaufmann am Sonnabend in der Elbphilharmonie.

Foto: Roland Magunia

Misslungener Liederabend mit Jonas Kaufmann im Großen Saal erhitzt die Gemüter der Besucher. Das sagen Abendblatt-Leser.

Hamburg. Bei einem Elbphilharmonie-Konzert am vergangenen Wochenende erlebten sowohl der Tenor Jonas Kaufmann als auch viele Besucher unschöne Momente. Während der Aufführung von Mahlers groß besetztem „Lied von der Erde“ kam es zu Störungen und Zwischenrufen, weil einige Besucher – vor allem auf den Plätzen hinter der Bühne – sich mit der dort ihrer Meinung nach problematischen Akustik nicht zufriedengaben (wir berichteten).

Kaufmann reagierte anschließend im Abendblatt-Interview: „Ich habe kein Verständnis dafür, dass man diesen Unmut so äußert, wie es geschehen ist. Aber das war ja nicht DAS Hamburger Publikum, sondern ein Publikum, das wohl immer noch auch der Wirkung des Konzerthauses als Touristenmagnet geschuldet ist. Und die Leute waren nicht nur wegen des Moments unzufrieden, sondern auch, weil sie sich auf ihren Plätzen wie Zuhörer 2. Klasse fühlten.“ Zu weiteren Konzert-Engagements in Hamburg sagte er: „Ich möchte jetzt nicht ,nie wieder‘ sagen. Aber ich kann mir gut vorstellen, den nächsten Liederabend in der Laeiszhalle zu geben. Dort ist es doch wunderbar.“

Künstler und Veranstalter empfanden Konzert als "bedrückend"

Auch ProArte-Geschäftsführer Burkhard Glashoff reagierte: „Das war für mich als Veranstalter schon sehr bedrückend und schmerzhaft, zumal man in der Konzertsituation selbst nicht mehr einschreiten und dem Künstler beistehen kann“, sagte er und fügte hinzu: „Vielleicht ist aber auch eine Erkenntnis des Abends, dass ein so sensibles und ungewöhnlich orchestriertes Werk wie das ‚Lied von der Erde‘ in der Elbphilharmonie nicht besonders gut funktioniert.“ Inzwischen haben sehr viele Abendblatt-Leser ihre Meinung zu diesem Abend geäußert. Hier eine Auswahl der bisherigen Zuschriften.

Rita Stellmacher: Auch ich (und viele Zuhörer vor, hinter und neben mir – Ticketpreise € 142,00) habe mich kürzlich über die schlechte Akustik geärgert. Bei Konzerten mit Grubinger und Yo-Yo Ma habe ich seinerzeit in der gleichen Region gesessen und mich über den wunderbaren Klang gefreut. Was ist hier los? Ich hatte den Eindruck, dass zusätzlich auf der Bühne aufgestellte Lautsprecher von möglicherweise schlechter Qualität und alle in das Parkett gerichtet die Ursache sein könnten – abgesehen von einer mangelhaften Tonsteuerung. Ich habe volles Verständnis dafür, dass verärgerte Zuhörer den Saal verlassen, so bedauerlich das auch für die Interpreten ist. Die Elbphilharmonie ist dabei, ihren Ruf zu verlieren!

"Verantwortliche hätte auf Akustiker hören sollen"

Hans-Rüdiger Schlesinger, Bad Bevensen: Endlich! Endlich sagt ein Weltklassesänger wie Jonas Kaufmann, der es sich leisten kann, die Wahrheit über die grottenschlechte Akustik des Großen Saals. Ich kann das nur bestätigen, wobei ich bei Klassik reine Klavierabende ausnehme. Der Abend mit Konstantin Lifschitz letzte Woche war grandios! Jonas Kaufmann singt das nächste Mal also wieder in der Laeiszhalle, einem der akustisch besten Säle nach wie vor. Lesen Sie auch mal nach in Ihrem Blatt, welche Verrenkungen Dirigenten bei Ihrer Befragung zur Akustik des Saales machten und welche Euphemismen dabei heraus kamen: Schwierig, schonungslos etc. München behält seinen Herkules-Saal, weil die Akustik der Philharmonie am Gasteig fast genauso schlecht ist wie die der Elbphilharmonie, und baut nun wohl einen neuen Konzertsaal. Hamburg braucht das nicht.

Die Elbphilharmonie wird Touristenattraktion bleiben, und das ist eine gute Sache. Der Saal taugt gut für Jazz, Rock und Pop und die sogenannte Neo-Klassik und sollte dafür bevorzugt auch genutzt werden. Das Touristenpublikum bevorzugt solches sowieso, und auf eine gute Akustik kommt es dabei auch nicht an. Die Busunternehmen wird es ewig freuen. Und ich freue mich schon auf Jonas Kaufmann bald wieder in der Laeiszhalle. Übrigens sagte neulich ein Musikfreund, seiner Meinung nach würden die Klassik-Konzertbesucher in der Elbphilharmonie um echte Konzerterlebnisse geradezu betrogen, nur würden es immer mehr Leute ohnehin nicht mehr merken. So weit würde ich nicht gehen. Es waren nur Arroganz und Ignoranz der Verantwortlichen, die für den Klang in der Elbphilharmonie verantwortlich waren, nicht Vorsatz. Sie hätten es besser haben können, wenn sie vorher auf gute Akustiker gehört hätten.

"Wer hat da seinen Job nicht gemacht?"

Bernd Pipo: Mit Erstaunen haben wir heute die Überschrift in Ihrer Zeitung gelesen. Wir waren bei diesem Konzert und hatten uns sehr darauf gefreut. Wir können Ihre Berichterstattung nicht bestätigen. Die Zuschauer hatten keine andere Möglichkeit sich bemerkbar zu machen, als durch Zwischenrufe (was in anderen Hamburger Häusern auch durchaus üblich ist). Wir haben einen nicht unerheblichen Betrag für diese Darbietung gezahlt und fühlen uns als Zuschauer nicht zufriedengestellt. Es kann doch nicht sein, dass keine ordentliche Vorbereitung für dieses Konzert stattgefunden hat. Wer hat da seinen Job nicht gemacht?? Das die Zuschauer teilweise den Saal verlassen haben oder sich Plätze gesucht haben, bei denen man etwas versteht ist durchaus nachvollziehbar. Wir sind alle in dieses Konzert gegangen, um Jonas Kaufmann zu hören. Dies ist offenbar nur einem Teil der Zuschauer gelungen. Auch wir sahen und fühlten die Unruhe. Der Funke konnte nicht überspringen. Dies ist aber kein Verschulden der Zuschauer, wie in Ihrem Artikel suggeriert wird. Die Verantwortlichen für die Vorbereitungen haben hier versagt. Eine angemessene Reaktion wäre das zur Verfügungstellen von Vorzugskarten für Interessierte für ein Wiederholungskonzert. Diese Vorstellung ist aber wahrscheinlich Utopie, da laut Ihrem Artikel die Zuschauer die Störenfriede waren.

Cord Garben, ehemaliger Opern-Produzent bei der Deutschen Grammophon: Nun muss gehandelt werden! Würde man wenigstens die schallschluckenden Halbkugeln in Blickrichtung der Solisten, also im Rücken des Dirigenten, wieder schließen, käme es wenigstens zu einer partiellen Reflektion, von der sowohl die Solisten als auch die hinter ihnen sitzenden Zuschauer profitieren würden.

Angela von Elling: Aktuell muss einfach jeder selbst entscheiden, welche Konsequenzen er für solche Konzerte zieht, ich habe das längst getan – entweder guter Platz oder auslassen oder das Programm woanders hören. Ich bin sicher dass Herr Lieben- Seutter aus den Erfahrungen dieser Veranstaltungen seine Konsequenzen ziehen wird, aber dafür gibt es keine schnelle Lösung, und deshalb muss man es auch nicht ins Licht zerren, denn dann gibt es nur Verunsicherung, und damit ist niemandem geholfen. Ich kann nur hoffen, dass die Konzertagenturen jedenfalls reagieren und nicht bei solchen Konzerten weiterhin akustisch insuffiziente Plätze teuer verkaufen.

Zuhörer sollen "mit der stummen Rückansicht Herrn Kaufmanns zufrieden sein"

Christian Schütt, Berlin: Gerade habe ich Ihre wohlwollende Besprechung des gestrigen Abends in der Elbphilharmonie gelesen; auch ich war dort, um Jonas Kaufmann singen zu hören. Ich gehöre zwar nicht zu den Ihrer Meinung nach „störenden“ Zuschauern, obwohl auch ich die Stimme Herrn Kaufmanns über weite Strecken nicht einmal erahnen konnte. Allerdings kann ich den Ärger der Zuschauer gut verstehen, die sich ein hochpreisiges Ticket gönnen, vielleicht noch wie ich aus einer anderen Stadt anreisen, um dann den Tenor nicht hören zu können und, wie ein großer Teil des Publikums, mit der stummen Rückansicht Herrn Kaufmanns zufrieden sein sollen.

Zu schreiben, Herrn Kaufmann wäre „zu Recht fast der Frackkragen geplatzt“ – nun, ich denke, dieses Recht stand den Zuschauern ebenfalls zu. Künstlerische Ambitionen Herrn Kaufmanns hin, Spielbegeisterung des Orchesters her – der Tenor war nicht zu hören, damit kann man wohl kaum von einem „stellenweise tragisch verunfallten Konzert“ oder einem „ins Straucheln“ geratenem Abend sprechen, sondern nur von einer gründlich misslungenen Darbietung, was, wenn man den Gesprächen an der Garderobe Glauben schenken möchte, wohl der Großteil der sichtlich enttäuschten Besucher auch so sah. Die Verantwortung dafür liegt sicher auf der Bühne – vielleicht noch beim Veranstalter – aber wohl kaum im Zuschauerraum, dem das Recht auf Reaktion doch wohl nicht abgesprochen werden sollte.

"Auf diese Art der Beutelschneiderei fallen wir nicht mehr herein"

Holger Zaage / Michael Malert: Am 5. April 2018 haben wir ein Konzert des Startenors Juan Diego Florez erleben dürfen. Auf teuren Plätzen von über 100 Euro mussten wir die Erfahrung machen, dass man vom Gesang des Weltklassesängers leider wenig zu hören bekam. Der Sänger selbst trug diesem Umstand Rechnung, indem er die Ansage der Gesangsstücke zweimal machte: Einmal in Richtung Parkett und einmal in Richtung hinter Bühne und Orchester, wo wir saßen. Allein dies ist schon eine Bankrotterklärung vor der Akustik des Hauses. Inzwischen ist allgemein bekannt, dass symphonische Konzerte mit Gesang auf den Plätzen seitlich oder hinter dem Orchester akustisch unzulänglich sind. Für diese Konzertart auf diesen Plätze werden wir zumindest nie wieder Karten kaufen, um uns eine weitere, große Enttäuschung zukünftig zu ersparen. Für die Elbphilharmonie wird viel Werbung gemacht, aber auch viel verschwiegen. Die schlechte Akustik auf den genannten Plätzen gehört dazu. Die Aussage, dass auf allen Plätzen die Akustik gleich gut ist, ist nicht haltbar. Auf diese Art der Beutelschneiderei fallen wir nicht mehr herein.

Michael Schröder: Der „großen Stimme“ von Jonas Kaufmann konnten wir nicht folgen, da dieser schlichtweg nicht zu hören war, was für die viel angepriesene Akustik eine nicht akzeptable Situation war. Ein Lichtblick und ein Ohrenschmaus war das hervorragende Orchester. In Ihrem Artikel beklagen Sie die Zwischenrufe der Zuschauer und den fehlenden Respekt vor dem Künstler. Ich frage Sie nun ernsthaft, was ist mit dem Respekt der Künstler vor dem zahlenden Publikum? Man zahlt einen nicht unerheblichen Preis für Tickets, um diesen großartigen Sänger zu hören und stellt dann während des Konzertes fest, dass dieser, aus welchen Gründen auch immer, schlichtweg nicht zu hören ist. Und es betrifft nicht nur einige wenige, sondern sämtliche Zuschauer, die seitlich oder hinter dem Sänger saßen. Da kann ich den Unmut der Zuschauer voll und ganz nachvollziehen. Was ich allerdings nicht verstehe, warum das Konzertmanagement nicht darauf reagiert und versucht, Abhilfe zu schaffen. Dies sollte eigentlich in einem mit der neuesten Technik ausgestatteten Saal durchaus möglich sein.

Christina Kayales: Mit Interesse verfolgte ich Ihre beiden Reaktionen auf das Konzert von Jonas Kaufmann vergangenen Samstag in der Elbphilharmonie. Als jemand mit einem langjährigen Opern Premierenabo in unserer Hamburger Staatsoper freute ich mich sehr auf diese Gelegenheit, Kaufmann hier zu hören. In Ihrem ersten Artikel fand ich sehr angemessen, dass Sie auch Verständnis zeigten für den Unmut von Menschen, die entgegen dem, was Sie „gekauft“ hatten, Jonas Kaufmann nicht hören konnten. Ich möchte meine Kritik daran sogar verschärfen, denn ich bin stark über einen Dirigenten verunsichert, der mit seinem Orchester diese zarten Töne mit dem Orchester niederschmettern ließ. Über die Unhöflichkeit eines Publikums, dass sich laut im Konzertsaal bewegt, müssen wir nicht diskutieren, das ist und bleibt indiskutabel und muss wahrscheinlich heutzutage, ebenso wie „Handys aus“, irgendwo angeschrieben werden.

"Gros dess Publikums konnte Kaufmann gar nicht hören."

Die Rufe, die ich gehört habe, waren allerdings nicht während eines Liedes, sondern zwischen ihnen. Wenn ich an die Buh-Rufe nach einer Opern Premiere denke, die, bis Kent Nagano übernahm, regelmäßig zu hören waren, empfand ich diese Rufe sogar höflich und eben verständlich. Umso mehr wundert mich, dass Sie den Fokus auf das störende Publikum in Ihrer Beschreibung legten, und die Veranstalter und Hauptverantwortlichen hier vergleichsweise wenig in Ihrer Kritik einbezogen, die doch bei den Proben die sehr spezielle Akustik der Elbphilharmonie zu berücksichtigen haben. Insofern finde ich Herrn Kaufmanns Entscheidung, für derartige Stücke die Laeiszhalle zu nutzen, sehr nachvollziehbar und passend – aber das wären eigentlich Entscheidungen gewesen, die vorher zu treffen gewesen wären, nicht, wenn das Gros eines Publikums ihn gar nicht hat hören können.

Detlef Monska, Buxtehude: Schuld am Eklat beim Jonas-Kaufmann-Konzert haben meines Erachtens weder die sich ungebührlich verhaltenden Zuschauer noch misslungenes Feintuning zwischen Stimme und Orchestervolumen. Ich habe kürzlich im Bereich G hinter der Bühne eine nach vorn gerichtete Ansage des Dirigenten Kirill Petrenko erst verstehen können, als er sich kurz zu uns umdrehte. Da bröckelt der Hype um die geniale Akustik der Elbphilharmonie, die angeblich von jedem Platz ein gleichwertiges Hörerlebnis ermöglicht. Konsequenz kann eigentlich nur sein, die Plätze ungeachtet der spannenden Perspektive von hinten auf das Orchester in der Preisgruppe erheblich abzustufen und analog zu sichtbehinderten Plätzen in der Laeiszhalle mit dem Hinweis "höreingeschränkt" zu verkaufen. Damit allerdings bräche dem Haus ein Zacken aus der Krone.

"Kritiker soll mal im Rücken der Protagonisten sitzen"

Maria Jungmann, Hamburg: Wer schon mal, wie ich, bei einem Kammerkonzert auf teuren (!) Plätzen auf der Rückseite der Bühne gesessen hat, weiß, dass die Akustik dort miserabel ist. Auf diesen Plätzen hört man Geräusche von den obersten Rängen des Saales besser als die Musik auf der Bühne. Auch ich hatte bei einem Kammerkonzert nach der Pause meinen Platz verlassen und mich auf einen frei gewordenen Platz vor der Bühne gesetzt: welch ein wunderbarer Unterschied! Die Kritiker sollten sich bei einer ähnlichen Darbietung mal auf die Bühne im Rücken der Protagonisten setzen, ihnen würden die Augen – oder besser die Ohren – aufgehen.

Heidrun Huth: Natürlich gehört es sich nicht, ein Konzert vorzeitig zu verlassen, die Plätze zu wechseln oder durch Zwischenrufe zu stören. Aber allein die Zuhörer für das verunglückte Konzert verantwortlich zu machen, trifft es nicht! Auch die verallgemeinernde Bezeichnung „Elbphilharmonie-Touristen" passt hier nicht. Wir selbst (häufige Elbphilharmonie-Konzertbesucher) hatten leider Karten seitlich des Orchesters (Ticketpreis im dreistelligen Bereich). Wir haben die Bläser gehört, laut! Aber der Grund für unseren Konzertbesuch war Jonas Kaufmann! Von dem Gesang haben wir nichts!! gehört. Jonas Kaufmann hat konsequent nur in eine Richtung, nach vorn, gesungen. Nach zwei Jahren Spielzeit sollten alle Verantwortlichen wissen, dass ein Liederabend mit großem Orchester und einem Solisten in der Elphi nicht "funktioniert". Jonas Kaufmann hat aus Verärgerung keine Zugabe gegeben. Er hätte ( „ich habe verstanden") eine kleine Zugabe ohne Orchester, in Richtung der rückwärtig/seitlich sitzenden Zuhörer geben sollen. Damit hätte er Größe gezeigt und sicher viele alte/neue Fans gewonnen. Schade um das Konzert, und schade um den teuren Abend.

"Missratenes Konzert stört Zuschauer"

Werner Schild, Buxtehude: Ihr Kritiker Joachim Mischke titelt "Zuschauer stören Konzert von Kaufmann". So billig können Sie es nicht machen! Nicht Zuschauer stören Konzert, sondern missratenes Konzert stört Zuschauer. Es begann schon damit, dass um 20:01 Uhr zwei Geiger ihre Plätze verließen, um Minuten später mit neuen Geigen oder richtigen Noten unter dem Beifall des Publikums zurückzukehren, parallel dazu suchte ein Ehepaar, wieder Beifall, ihre Plätze 12D Reihe 3. Wir erwarten nun Loriot! Es folgt aber die erste Hälfte des Konzertes, Pro Arte verkauft das Abo unter "Schöne Stimmen". Es kommt aber keine, das Orchester übernimmt: Es donnert, paukt, hörnt und lärmt nach dem Motto: Wir sind doch nicht den weiten Weg gefahren, um subtil zu musizieren.

Pause. Auf den Fluren zaghafte Rufe: Wo ist Behle? Dann erscheint doch noch Herr Kaufmann, man hört ihn nicht, da dem Orchester nicht gesagt wurde, es hat den Sänger nicht zu beerdigen, sondern zu begleiten! Dann zeigen sich mündig werdende Besucher und beklagen sich. Einige verlassen den Saal, wegen der exzellenten Akustik hört man sogar den Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Flüchtenden. Der mittlerweile wohl vor Zorn rotköpfige Sänger zupft den Dirigenten am Ärmel, breitet entschuldigend die Arme aus, der Lärm des Orchesters lässt nicht nach. Dann das wohl von allen herbeigesehnte Ende. Ein völlig verunglückter Abend an einem völlig falschen Ort für diese Musik!

"Herrn Kaufmann und Publikum wäre mit der Laeiszhalle mehr gedient"

Sigrun Hass, Norderstedt: Alles, was Herr Mischke geschrieben hat, ist sicherlich richtig gewesen, dennoch, nur das Publikum für die Störungen verantwortlich zu machen, ist doch etwas kurz gesprungen. Ich habe von Herrn Kaufmann - auf einem sehr guten Platz in Bereich K- geschätzte 20 % hören können. Dass Zuhörer an den Seiten, weiter oben oder hinter dem Orchester fast nichts von ihm hören konnten, sondern nur das Orchester, macht den Unmut verständlich. Es waren wohl 2/3 der Zuhörer, die wenig bis nichts von ihren teuer bezahlten Eintrittskarten hatten - und dafür teilweise weite Anreisen in Kauf nahmen. Ob dafür das Orchester/ der Dirigent/ der Sänger oder nicht vielleicht doch die Programmplanung der Elbphilharmonie die Verantwortung zu tragen hat, sollte man einmal kritisch hinterfragen.

Mein Rat wäre: den Saal nicht nur mit großen Namen füllen, sondern sensibel planen, welche Musik wo am besten zur Geltung kommt. Man weiß doch mittlerweile, wo die Stärken UND Schwächen der Elbphilharmonie liegen und außerdem vielleicht vorher mal eine Saalprobe machen. Sicher wäre Herrn Kaufmann und dem Publikum bei diesem Konzert mit der Laeiszhalle mehr gedient gewesen.

"Elbphilharmonie ist nicht für jede Veranstaltung geeignet"

Volker Deising: Meine Frau und ich hatten im September bei der „Opening Night 2017“ eine ganz ähnliche Erfahrung. Wir erlebten neben dem Elbphilharmonie-Orchester auch den großartigen Klaus Maria Brandauer mit einer Lesung. Trotz eines guten Platzes auf Ebene 13 vorne im Halbrund seitlich zur Bühne konnten wir und andere Teile der Lesung nicht verstehen. Ein sehr deutliches Manko. Die Elphi ist sowohl als Konzerthaus als auch städtebaulich ein grandioses Bauwerk mit Ausstrahlung; Aber wohl nicht für jede Veranstaltung und sicher auch nicht für jeden Veranstaltungsbesucher optimal geeignet. Eine Anregung: In der Laeiszhalle werden zu Konzertveranstaltungen regelmäßig Einführungen angeboten. Insbesondere bei schwierigen bzw. komplexen Konzertangeboten könnte ähnliches in der Elbphilharmonie ggf. Enttäuschungen vorbeugen.

Peter Ulrich: Ich bin kein Konzertbesucher aufgrund des "Elbphilharmonie-Effektes", sondern langjähriger und regelmäßiger Konzertgänger. Jonas Kaufmann habe ich schon an vielen Orten u.a. in der Metropolitan Opera in New York erlebt (gehört und gesehen). Ich würde mich als Jonas Kaufmann Fan bezeichnen. Ich habe schon diverse Konzerte in der Elbphilharmonie genossen. Auch solche, bei denen die Plätze seitlich und hinter der Bühne gesperrt waren. Das Hamburger Konzert hat mich sehr verärgert. Dabei geht es nicht um die Qualitäten des Herrn Kaufmann. Meine Kritik trifft eher den Konzertveranstalter, die ProArte Hamburg Dr. Rudolf Goette. Nach zwei Jahren Erfahrung im Konzerthaus Elbphilharmonie sollte man wissen, welche Konzerte für den "Weinberg" Großer Saal geeignet sind bzw. dass man ggfs. nicht alle verfügbaren Plätze verkaufen kann. Beim "Lied von der Erde" konnte ich von meinem seitlichen Abo-Platz (Etage 15 Bereich N) kein gesungenes Wort hören geschweige denn verstehen.

"Als 'Dummie' bezeichnet zu werden, missfällt sehr"

Auch ich gehörte zu den Konzertbesuchern, die sich auf einen Stehplatz orientiert haben (aus meiner Sicht ist niemand spaziert und dass der Platzwechsel ausgerechnet bei leisen Tönen "über die Ränge ging", halte ich für dramaturgisch überzogen). Ich konnte sogar eine Dame beobachten, die für den Platzwechsel ihre Schuhe ausgezogen hatte und in Händen hielt. Im Nachhinein als Dummie (leider durch Herrn Kaufmann) bezeichnet zu werden, wenn man den Star aus der Abo Reihe "ProArte Zyklus D Große Stimmen" nicht nur sehen, sondern auch hören möchte, missfällt mir sehr. Meinen Sitzplatz Etage 15 Bereich N aus dem genannten Abo (nächstes Konzert Philippe Jaroussky) werde ich kritisch beäugen. Ich vermute aber, dass die Auswahl der Stücke und Interpretation weinbergfreundlicher sein wird. Die Hauptverantwortung trifft m.E. den Konzertveranstalter. Weniger verkaufte Plätze hätten den "Eklat" vermieden.

Hildegard und Peter Vollbrecht: Die Darstellung ist ja haarsträubend. Wir haben nicht gestört. Wir haben, wie viele andere auch, zugeschaut und das Orchester gehört und gehofft, dass Jonas Kaufmann lauter wird oder Herr Rieder sein Orchester zügelt. Aber vergeblich. Hildegard hat zwei Worte verstanden. Sonne und Liebe. Jonas Kaufmann war die Hauptperson, aber er war nur 1 Stunde auf der Bühne und dafür 125 Euro pro Karte plus 20 Euro Parkgebühr.

"Die Antwort ist banal: Dem Inszensent war‘s scheißegal"

Mark Behrendt:

Voll verbaselt

Vorfreud‘ auf Mahlers Lied von der Erde

das Jonas Kaufmann singen werde.

Fernost nach Bethge, schöne Lieder

Orchester: Basel, Leitung: Rieder.

Nicht günstig war‘n die Elphi-Karten

also grübeln wir beim Warten

und fragen uns: Wie wird‘s gelingen

im runden Saal rundum zu singen?

Wo mag man Kaufmann denn plazieren?

Wird er auf der Empor‘ brillieren?

Die Antwort drauf, ist banal:

Dem Inszensent war‘s SCHEIßEGAL

Vorn, links von Dirigent und Pult: ER,

Parkett: mein Freund. Rest: Kalte Schulter.

Nach vorne mag es Wunder strahlen

der Rest im Saale hört‘s mit Qualen.

Das rechte Ohr ersehnt die leise

Wunderbarkeit der Sangesweise

das linke hört nur das Gerangel

aus Klarinett und – LAUT - Triangel!

Ein Lied vorbei, ein Frauenflehen:

„Herr Kaufmann, keiner kann sie hier verstehen“

Denkt er: „Afront! Was für ne Hexe“?

sagt laut: „Sie haben doch die Texte!“

Das stimmt, uns fehlten nur die Noten

Und ist nicht Mitsingen verboten?

Der Intendant im Saale grämt sich

Man sieht, die Geigerreihe schämt sich.

Kaufmann zirpt leis wie ne Grille,

Stöckelschuh zerfetzt die Stille,

der Dirigent macht schnell mal Pause

denn ein'ge wollen schon nach Hause.

Man reicht den Trunk des Abschieds dar

„Wie war‘s bei Kaufmann?“ „Schönes Haar!

Vorne mag er super klingen,

sein Hinterkopf, der kann nicht singen.“

Manuel Fritze: Wie wäre es damit, die zahlenden Zuhörer, die eine Rückmeldung geben (“hier hört man Sie auch nicht”) nicht als pöbelndes störendes Etwas zu behandeln? Ich kenne Künstler die über Rückmeldungen erfreut sind und anders als Herr Kaufmann angemessen reagieren (mal ein Lied nach hinten singen, sich an verschiedenen Orten positionieren).

"In der Berliner Philharmonie hört man auf allen Plätzen super"

Stefan Kressin: "Aber der Kaiser ist ja nackt !!" Endlich wird aus berufenem Munde etwas ausgesprochen was viele Besucher der Elbphilharmonie schon lange wissen: Die Akustik (und vieles andere) ist dort gar nicht so toll. Orchesterkonzerte mit Solobegleitung funktionieren auf vielen Plätzen nicht. Jazzkonzerte mit Verstärker auch nicht. Aber der Hype ums Gebäude und Lokalpatriotismus ließen bisher kaum kritische Stimmen zu. Dann weichen wir ins ungeliebte Berlin aus: In der Philharmonie hört man auf allen Plätzen super, und im neuen Pierre Boulez Saal" (Baukostenrahmen eingehalten) genießt man eine warme Akustik und die zuhörerfreundliche Gestaltung des Saales.

Harald Stamm, Kammersänger: Endlich hat einer den Mut es auszusprechen: Die vielgepriesene Akustik des großen Saales der Elbphilharmonie hat durchaus ihre Mängel. Je nach Programm und Besetzung ist noch kein idealer Platz für die Gesangssolisten gefunden. Was bei jedem großen Saal gilt: „Die Solisten gehören neben den Dirigenten“, funktioniert hier nicht. Als Sänger muss man außerdem das Gefühl haben, den Saal zu füllen. Ist das nicht der Fall, verkrampft man, forciert und ist nicht locker wie es die beiden letzten Konzerte zeigten. Gegen eine große Orchester-Besetzung anzusingen wie bei Wagner (s. letztes Konzert mit Nina Stemme) oder Mahler mit Jonas Kaufmann ist für die Kolleginnen und Kollegen unmöglich. Mangels illustrer Gäste in guten Produktionen der Staatsoper war man glücklich, ihnen wenigstens in der Philharmonie zu begegnen. Nun wird man leider aus den Erfahrungen die Konsequenzen ziehen müssen. Bei der Berliner Philharmonie, dem Gasteig in München und der Royal Albert Hall in London sind mir solche Probleme nicht bekannt.