Konzertkritik

Konstantin Wecker testete die Akustik der Elbphilharmonie

Konstantin Wecker eröffnete den Abend in der Elbphilharmonie mit „Willy“, seinem Lied über den Tod eines Freundes bei einer Kneipenschlägerei mit Rechtsradikalen (Archivbild).

Konstantin Wecker eröffnete den Abend in der Elbphilharmonie mit „Willy“, seinem Lied über den Tod eines Freundes bei einer Kneipenschlägerei mit Rechtsradikalen (Archivbild).

Foto: imago/POP-EYE

Der Liedermacher gab ein denkwürdiges Konzert im Großen Saal – und wirkte trotz "Zwangspause" viel jünger als er ist.

Hamburg.  Vor der Pause hat Konstantin Wecker noch eine große Bitte: „Könnten wir bitte möglichst schnell weiter machen? Wir haben noch so viele Lieder. Und um 23 Uhr müssen wir hier alle raus.“ Ein Fan ruft: „ Spielt doch einfach durch.“ Wecker lacht und sagt: „Geht nicht. Ich bin alt, ich muss jetzt aufs Klo.“

Drei Stunden (abzüglich Pause) zog der bayerische Liedermacher sein Publikum an diesem Donnerstagabend in der Elbphilharmonie in seinen Bann. Und wahrscheinlich hätte er ohne die im Vertrag fixierte Sperrstunde noch bis in den Morgengrauen einfach weitergespielt – so sehr faszinierte auch ihn das Konzerthaus auf dem alten Kaispeicher.

Konstantin Wecker dankt Technik-Crew

Zu Beginn schaut er einmal hoch, winkt hinauf in den letzten Rang: „Könnt Ihr mich alle gut hören?“, fragt er. Es habe ja von den Diskussionen um die problematische Akustik gelesen. Das Publikum antwortet mit einem donnernden Applaus – und Wecker dankt seiner Technik-Crew: „Das habt Ihr super hingekriegt.“ Er eröffnet den Abend mit „Willy“, seinem Lied über den Tod eines Freundes bei einer Kneipenschlägerei mit Rechtsradikalen, zugleich sein Durchbruch in der Liedermacherszene 1977.

Wecker hat es in eine Anklageschrift gegen die AfD aktualisiert. „Jetzt wisst Ihr, wo ich politisch stehe“, lacht er dann. Das ist natürlich etwas kokett, selbstredend weiß jeder Besucher, wie sehr Weckers Herz links schlägt. Und doch wird dieser Abend nicht zu einem politischen Tribunal, Wecker verzichtet sogar auf „Sag nein“, seinen flammenden Appell gegen den Faschismus. Stattdessen blättert er in seinem musikalischen Familienalbum.

Weckers Stimme kraftvoll wie eh und je

Er besingt seinen Vater, einen ebenso begnadeten wie erfolglosen Opernsänger. Er feiert seine Mutter, die selbst im hohen Alter noch mit ihm gegen Nazis demonstriert habe. Er dankt seinen Kindern, sie erst hätten ihm gezeigt, wie schön das Leben sei. Er spricht über die Frauen in seinem Leben, über seine Süchte, über das Kokain, das ihn ins Gefängnis brachte. Er preist Mitgefühl als eine der wichtigsten Tugenden. Und doch gleitet der Abend nie ins überbordende Sentiment, dafür sorgt schon der ein oder andere Hinweis auf sein Alter, in dem man dankbar sei für Verschnaufpausen dank längerem Applaus.

Dabei wirkt Wecker viel jünger als es sein Geburtsdatum – 1. Juni 1947 – ausweist. Seine Stimme ist so kraftvoll wie eh und je, sie hat alle Exzesse und Abstürze unbeschadet überstanden. In der Elbphilharmonie begleiten ihn nur die großartige Münchner Cellistin Fany Kammerlander und sein langjähriger Mitstreiter Jo Barnikel am Flügel – sie sind die Garanten für die so intime Atmosphäre.

Wecker dankt ihnen immer wieder, manchmal dreht er sich um und hört ihnen voller Demut zu. Der Abend endet mit einem Gedicht von Rainer Maria Rilke, den Wecker so verehrt – würdiger Abschluss eines phänomenalen Konzerts. Am 17. Oktober gastiert Wecker in der Laeiszhalle. Zusammen mit der Bayerischen Philharmonie unter der Leitung von Mark Mast stellt er sein neues Programm „Weltenbrand“ vor. Karten gibt es ab 46,40 Euro es in der Abendblatt-Geschäftsstelle am Großen Burstah 18 – 32.