Golden Globes

Die fabelhaften Gold-Jungs: Chancen auf einen Oscar?

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Gerade haben der Schauspieler Christoph Waltz und der Regisseur Michael Haneke je einen Golden Globe gewonnen. Folgt nun der Oscar?

Die Golden-Globe-Verleihung in Los Angeles hat es quasi amtlich gemacht: Der deutschsprachige Film ist auf seinem vorläufigen Höhepunkt angekommen. Hierzulande und im Ausland. Glaubt man Kritikern, Umfragen und Orakelweltmeistern, erscheint die Oscar-Verleihung am 7. März (die Nominierungen werden am 2. Februar bekannt gegeben) als reine Formalie, bei der zwei Gewinner längst feststehen: Christoph Waltz und Michael Haneke. Andererseits: Die Oscars können verdammt grausam sein, die 5800 Academy-Mitglieder scheren sich nur wenig um Gerechtigkeit und Anspruch. Schließlich gingen Regiestars wie Hitchcock und Robert Altman jeweils fünfmal leer aus.

Statistisch gesehen hat die Golden-Globe-Verleihung eine Treffsicherheit von etwa 70 Prozent. Wer hier dementsprechend prominent vertreten und ausgezeichnet ist, kann von der Academy bei den Oscar-Nominierungen eigentlich nicht übergangen werden. Aber übergangen fühlt sich wohl derzeit niemand der in der deutschen Filmbranche Beschäftigten - im Gegenteil. Von einem "veränderten Selbstbewusstsein" spricht etwa Christian Dorsch, Geschäftsführer von German Films: "Der deutsche Film ist in den letzten Jahren sexy geworden." Meint: Man kann mit deutschen Filmen an der Auslandskasse Geld verdienen, deutschsprachige Schauspieler sind gefragt wie lange nicht.

Der Österreicher Christoph Waltz gewann in der Nacht zum Montag die Trophäe als bester Nebendarsteller für seine Rolle in Quentin Tarantinos Nazi-Groteske "Inglourious Basterds". Er stach unter anderem Weltstar Matt Damon aus. Hanekes Drama "Das weiße Band" wurde - nach Goldener Palme und Europäischem Filmpreis - als bester fremdsprachiger Film geehrt und setzte sich gegen das spanische Liebesdrama "Zerrissene Umarmungen" von Pedro Almodóvar durch.

Vorbei die Zeiten, in denen das weltweit wichtigste Filmfestival an der Croisette deutsche Produktionen naserümpfend abwies und Amerika sich nach Rainer Werner Fassbinder und Volker Schlöndorff zurücksehnte. In den vergangenen Jahren gewannen "Nirgendwo in Afrika" von Caroline Link, die deutsch-österreichische Produktion "Die Fälscher" von Stefan Ruzowitzky und Florian Henckel von Donnersmarcks Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" je einen Oscar für den besten fremdsprachigen Film. "Das Leben der Anderen" und "Good Bye, Lenin!" spielten Auslandserlöse von jeweils mehr als 100 Millionen Dollar ein.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann nannte die Globe-Auszeichnungen "großartige Erfolge". Die Förderung beider Filme durch den Deutschen Filmförderfonds habe sich damit im wahrsten Sinne des Wortes als goldrichtig erwiesen.

"Das deutschsprachige Kino hat in den letzten Jahren enorm an Ansehen gewonnen", sagt der Geschäftsführer von Universal Pictures International Germany, Paul Steinschulte. "Hollywood greift auf dieses Talent der Filmschaffenden zunehmend gern zurück." Die gesteigerte Aufmerksamkeit zeige sich etwa an der verstärkten Festivalteilnahme deutschsprachiger Filme oder daran, dass ein Regisseur wie Tarantino in Deutschland drehe. "Die Wahl Deutschlands als Hauptdrehort und die Arbeit mit deutschen Schauspielern und Filmschaffenden bei einem Projekt wie 'Inglourious Basterds' garantieren internationale Aufmerksamkeit", so Steinschulte.

Gleichzeitig setzt sich die neuere Erfolgsgeschichte des deutschen Films in unseren Kinos fort: Zehn Produktionen erreichten 2009 die Eine-Million-Zuschauergrenze, vor allem Filme aus dem Genre Familienunterhaltung ("Wickie und die starken Männer", über fünf Millionen Zuschauer) und romantische Komödie (Til Schweigers "Zweiohrküken", 3,5 Millionen Zuschauer). Insgesamt kamen deutsche Filme und Koproduktionen auf knapp 39 Millionen Besucher und einen Marktanteil von 27 Prozent.

Jene Filme, die auf den ausländischen Festivals und bei den Oscars Preise gewinnen, fallen dagegen eher in die Kategorie zeithistorische Stoffe. RAF-Jahre, Stasi-Jahre, Nazi-Jahre. Das in Schwarz-Weiß gezeigte Drama "Das weiße Band" spielt am Vorabend des Ersten Weltkrieges; Tarantino malt sich in "Inglourious Basterds" aus, wie es wohl wäre, die oberen Nazi-Funktionäre allesamt in einem Kinosaal in die Luft zu sprengen. Deutsche Geschichte erfährt weltweit Interesse und Anerkennung. Filme mit NS-Hintergrund werden immer wieder gern genommen, wenn es um die deutsche Einreichung für den Oscar geht, bestätigt German-Films-Chef Dorsch. "Mit einer Komödie ist es da immer schwerer als mit einem Drama." So ging Tom Tykwers "Lola rennt" sowohl bei den Golden Globes als auch den Oscars leer aus, erwies sich aber in den US-Kinos und bei den jüngeren Zuschauern als erfolgreich.

Bleibt die Frage, was eine Goldene-Palme-, Globe- oder Oscar-Auszeichnung für die Filmschaffenden selbst bedeutet. Christoph Waltz hat gerade erst die Comicverfilmung "The Green Hornet" an der Seite von Cameron Diaz abgedreht. Im neuen Film von US-Regisseur David Cronenberg soll er Sigmund Freud spielen. Das erste Projekt von Florian Henckel von Donnersmarck nach dem Oscar-Sieg 2007 ist der Thriller "The Tourist" mit Angelina Jolie und Johnny Depp, im Frühjahr sollen die Dreharbeiten beginnen. Die Welt schaut nach Hollywood, auf einen österreichischen Schauspieler und einen deutschen Regisseur. Klingt wie ein Kinomärchen, ist aber wahr.

Aus der Hand von Sophia Loren bekam Michael Haneke in der Nacht zum Montag seinen Golden Globe überreicht. Er bedankte sich bei ihr, seinen Kinderdarstellern und entschuldigte sich für sein schlechtes Englisch. Es ist gerade Erntezeit für Haneke. Gestern wurde der Österreicher mit seinem Film "Das weiße Band" auch noch von den US-Online-Kritikern für den besten nicht englischsprachigen Film ausgezeichnet. Die Goldene Palme von Cannes und den Europäischen Filmpreis hat der 67-Jährige ohnehin schon. Mit dem Film "Das weiße Band" zeigt er sich in bestechender Spätform. Wieder geht es um Gewalt und Schuld. Er erzählt von einer Dorfgemeinschaft in Norddeutschland am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Eine rätselhafte Serie von Anschlägen zermürbt die Bewohner. Die Ursachen sind unklar, nie sind die Dorfkinder weit vom Tatort entfernt. Das schwarz-weiße Drama thematisiert raffiniert den aufkommenden Faschismus in Deutschland. 425 000 Zuschauer haben es hierzulande bisher gesehen. Haneke hat aber noch ein weiteres Eisen im Feuer. Sein Film ist der deutsche Beitrag für den Auslands-Oscar.

Abendblatt: Warum mögen Sie eigentlich Filme mit offenem Schluss so gern?

Michael Haneke: Die Literatur hat gegenüber dem Medium Film einen großen Vorteil: Sie lässt die Bilder im Kopf des Lesers entstehen. Der Film nimmt dem Zuschauer die Bilder weg. Er stiehlt sie ihm, indem er ihm fertige Bilder vorsetzt. Seit ich Filme mache, plage ich mich mit der Frage herum: Wie schaffe ich es, dem Zuschauer etwas mehr Freiheit gegenüber diesem Medium zu geben? Das heißt, sich selber einbringen, was er in der Literatur und anderen Künsten automatisch kann. Im Film gibt es da ja nur zwei Möglichkeiten. Die Benutzung des Off, also dessen, was außerhalb des Bildes stattfindet. Und die Dramaturgie. Wie konstruiere ich eine Geschichte, wie offen lasse ich sie, dass der Zuschauer sie vollenden will oder muss? Das ist das Grundprinzip meiner Filme.

Abendblatt: Je weniger man nach dem Ende des Films also sicher weiß, desto besser hat dieses Prinzip funktioniert?

Haneke: Ja. Ein Film sollte gebaut sein wie eine Sprungschanze. Springen muss der Zuschauer. Aber man muss die Schanze natürlich so bauen, dass er springen kann, sonst fällt er ja runter. Die Spannung muss so groß sein, dass er einen Schub bekommt. Meist wird man so vollgestopft mit Informationen, dass man nach Hause gehen kann und den Film getrost vergessen darf. Ich bin immer verärgert, wenn man mir im Kino die Welt erklärt hat.

Abendblatt: Kurz vor Ende des Films kommt Susanne Lothar angelaufen und sagt: "Jetzt weiß ich, wer es war." Das ist schockierend, weil man befürchten muss, Sie könnten das Rätsel der Verbrechen einfach auflösen. Und dann tun sie es doch nicht. Wie grausam!

Haneke: Jede Krimispannung ist eine Quälerei des Zuschauers. Man schürt sie so lange, wie es geht. Das ist eins der Hauptmittel, um die Leute an den Sessel zu kleben. Ich nehme in allen meinen Filmen Genre-Elemente, um die Geschichten zu erzählen, die ich erzählen möchte.

Abendblatt: Welche Beziehungen sehen Sie zwischen Erziehung und Terrorismus?

Haneke: Jeden, der Kinder hat, interessiert doch die Frage: Was ist Erziehung? Was bewirken Verletzungen? Allen Radikalismen geht eine Grundsituation voran. Es ist eine von Unbehagen, Unterdrückung, Frustration und Hoffnungslosigkeit. Da kommt jemand mit irgendeiner Idee und sagt: Wir werden das Problem lösen. Dann ergreift man diesen Strohhalm. Ob er ein linker oder rechter Faschist ist oder ihn die Religion antreibt - das Prinzip ist immer gleich.

Abendblatt: Wie sieht Ihr eigenes Rezept für eine gute Erziehung aus?

Haneke: Ich habe keins. Ich gehöre ja der 68er-Generation an, deren Kinder meist antiautoritär erzogen wurden. Wir haben gesehen, dass das nicht der Weisheit letzter Schluss war. Wenn ich mir heute die Schulen anschaue, in denen die Lehrer Angst vor den Schülern haben, weiß ich auch nicht, ob das die optimale Erziehungsmethode ist. Ich habe selbst vier Kinder und das Gefühl, dass ich unheimlich viel falsch gemacht habe. Es kann einem angst und bange werden, wenn man durch die Jahrhunderte verfolgt, was den Leuten angetan wurde und wie schnell sie bereit waren, Blut fließen zu lassen für irgendeine Ideologie. Der deutsche Faschismus ist dafür das prominenteste Beispiel. Die Kinder aus diesem Film sind die Erwachsenen in der NS-Zeit.

Abendblatt: Das erklärt Zeit und Ideologie, aber warum wählten Sie den norddeutschen Protestantismus, um diese Problematik zu transportieren?

Haneke: Protestantismus ist eine viel rigoristischere Form des Glaubens als der Katholizismus. Im Katholizismus geht man zum Pfarrer, der sagt: Du betest zehn Vaterunser und dann ist deine Schuld vergeben. Die Protestanten müssen selbst damit umgehen. Das ist zwar intellektuell spannender und elitistischer, aber auch unangenehmer. Das Klischee des tüchtigen Deutschen, diese Arbeitsmoral, waren für mich Anfangsgründe, um mich mit dieser Thematik überhaupt zu beschäftigen. Auch die Dokumentation über den Eichmann-Prozess. Genau diese totale Obrigkeitshörigkeit hat viel mit diesem lutherischen Protestantismus zu tun. Die Kinder in meinem Film verabsolutieren diese Idee, nach der sie erzogen werden. Sie bestrafen die, die sie lehren, aber nicht danach leben. Sie machen sich sozusagen zur rechten Hand Gottes, mehr als es der Pfarrer je ist.

Abendblatt: Wie haben Ihre Produzenten reagiert, als Sie schwarz-weiß drehen wollten?

Haneke: Heftig. Das ist doch wohl klar. Wir brauchen ja das Fernsehen als zusätzlichen Geldgeber. Und das Fernsehen schreit "Feuer", wenn es etwas von Schwarz-Weiß hört, mit dem dämlichen Argument: Dann rufen die Zuschauer an und sagen, ihr Fernseher sei kaputt. Das ist doch unfassbar. Wir haben in Farbe gedreht, aber als Kinofilm kommt er in Schwarz-Weiß heraus. Wir hofften natürlich darauf, dass der Film Erfolg hat, damit man die Herrschaften vom Fernsehen überzeugt, ihn doch in Schwarz-Weiß zu senden. Ich hoffe, dass es möglich ist, weil es sonst eine Zerstörung des Films wäre. Wenn ich fotografiere, dann übrigens immer in Schwarz-Weiß. (Michael Haneke ist fast immer von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, d. Red.)

Abendblatt: Wie düster wird Ihr nächster Film?

Haneke: Er hat ein sehr lustiges Thema.

Abendblatt: Das meinen Sie nicht im Ernst.

Haneke: Na ja. Es geht um die Demütigung durch die Folgen des Verfalls im hohen Alter. Isabelle Huppert spielt auch wieder mit.