14 Minuten Deutschland waren einen Oscar wert

"Den lasse ich vorerst nicht mehr aus den Augen", sagte Jochen Alexander Freydank mit Blick auf seinen Oscar nach der Zeremonie. "So ganz kapiert...

"Den lasse ich vorerst nicht mehr aus den Augen", sagte Jochen Alexander Freydank mit Blick auf seinen Oscar nach der Zeremonie. "So ganz kapiert habe ich es nicht, was da heute passiert ist, aber es ist jedenfalls ein tolles Gefühl." Mit dem 41 Jahre alten Berliner hatte vorab kaum jemand gerechnet. Eher wurden der "Baader Meinhof Komplex" von Uli Edel oder Werner Herzogs Dokumentation "Encounters At The End Of The World" als Geheimtipps für deutsche Preisträger gehandelt. Aber dann war plötzlich klar: Gewonnen hatte Freydank mit seinem Kurzfilm "Spielzeugland". Vor der Verleihung hatte er noch gefrotzelt, es sei "ein bisschen schade", Geld für feine Klamotten auszugeben, wenn man sich für seinen Film gerade erst halbruiniert habe.

In seinem Holocaust-Drama erzählt er in 14 Minuten über Lügen und Schuld in der Nazizeit im Jahr 1942. Eine Mutter (Julia Jäger) schwindelt ihrem Sohn vor, die Nachbarn, Familie Silberstein, müssten in ein "Spielzeugland" verreisen. Tatsächlich wird die Familie ins KZ deportiert. Der von der Mutter verharmlosend gemeinte Begriff klingt für den Jungen reizvoll. Er möchte auch dorthin. Beschämt weist sie seinen Wunsch zurück. Er macht sich trotzdem auf den Weg. Als die Mutter ihren Sohn etwas später sucht, in Panik auf die Straße rennt und einen Polizisten nach ihm fragt, fragt der zurück: "Jude?" Die Mutter verneint. "Da machen Sie sich mal keine Sorgen", antwortet der Uniformierte. "Wir haben nur Juden zum Bahnhof gebracht."

18 Preise hatte der Kurzfilm schon vorher bei zahlreichen Festivals gewonnen. Trotz seiner Kürze hat er eine lange Entstehungsgeschichte hinter sich. "Ich sage nur: Drei Jahre betteln, fünf Tage drehen, und keiner kriegt Geld", berichtete der Regisseur dem Sender MDR Info. Auch sein Kameramann Christoph Nicolaisen, der aus Lübeck stammt, erhielt keine Gage.

Umwege ist Freydank gewohnt. Mehrere Filmhochschulen haben den in Berlin geborenen und in der DDR Aufgewachsenen abgelehnt. Über Jobs als Cutter, Regieassistent und Drehbuchautor kam er dann doch noch zum Film. Er schrieb unter anderem Folgen von "Dr. Sommer - Neues vom Bülowbogen" und "Polizeiruf 110".

Freydank gründete seine Firma Mephisto Film, produziert eigene und die Werke anderer Regisseure. Er inszenierte zudem Werbefilme und Theaterstücke. Vor fünf Jahren drehte er unter dem Titel "Dienst" eine schwarzhumorige Satire über einen Wachmann.

Zu seiner aktuellen Themenwahl sagte Freydank: "Solange es bei uns noch Nazi-Parteien gibt, müssen wir versuchen, etwas dagegen zu tun." Aber eigentlich hat der Film einen viel privateren Auslöser. Seinem kleinen Sohn habe er eine Notlüge erzählt, um grausame Nachrichtenbilder zu erklären, erzählt Freydank. Da sei ihm die Idee zu "Spielzeugland" gekommen.

Zurzeit verhandelt der Regisseur mit einem öffentlich-rechtlichen Sender über eine TV-Ausstrahlung.


Infos: http://mephistofilm.de/sites/filme_spielzeugland.html