Kammerkonzert: Raritäten für Bläser in verschiedenen Besetzungen

Das Leben hinter dem Notenblatt

Was in Gelehrtenkreisen früher verpönt war, ist längst salonfähig: zur Werkdeutung das Leben des Künstlers heranzuziehen. Dass das manchmal, aber...

Was in Gelehrtenkreisen früher verpönt war, ist längst salonfähig: zur Werkdeutung das Leben des Künstlers heranzuziehen. Dass das manchmal, aber eben nicht immer angebracht ist, zeigt das Programm für das erste philharmonische Kammerkonzert.

Die Bläser des Orchesters haben sich Raritäten von Zemlinsky, Janacek, Krenek und Strawinsky vorgenommen. Drei der vier Komponisten haben ihre ganz eigenen Erfahrungen mit Nationalsozialismus und Exil gemacht.

Für den Wiener Ernst Krenek wurde das Exil zur Erfolgsgeschichte. Er hat im Laufe seines über 90-jährigen Lebens in fast allen Musikstilen des 20. Jahrhunderts komponiert, zunächst frei-atonal. So erschrieb er sich das nationalsozialistische Etikett "Kulturbolschewist". 1938 emigrierte er in die USA, lehrte an mehreren Universitäten, komponierte unermüdlich und arbeitete außerdem als Autor. Sein "Pentagramm" für Bläserquintett in der klassischen Besetzung Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott und Horn entstand in den 50er-Jahren.

Igor Strawinsky war bereits 1920 aus der Enge seines Petersburger Elternhauses nach Paris geflohen; von dort emigrierte er 1940 nach New York. Bereits 1923 schrieb er sein Bläseroktett, mit dem er sich dem Neoklassizismus zuwandte. Satztypen und Charaktere aus Barock und Klassik geben diesem Stil den formalen Halt, auf den es Strawinsky ersichtlich ankam, um sich von der romantischen Musiksprache zu lösen. Selbst die Bläserbesetzung mit Flöte, Klarinette und je zwei Fagotten, Trompeten und Posaunen wählte er, um einen expressiven Klang zu vermeiden. Anders als die Zweite Wiener Schule brach er jedoch nicht radikal mit der Tonalität. Arnold Schönberg bekämpfte ihn erbittert dafür und zieh ihn öffentlich der kompositorischen Inkonsequenz.

Einzig Leos Janacek haben die Zeitläufte verschont; er starb schon 1928. Seine Lebensdramen waren privater Natur: Er verlor beide Kinder und verstrickte sich heillos in Herzensangelegenheiten. Die längste Zeit seines Lebens lehrte er im abgelegenen Brünn und schuf dort einige der bedeutendsten Kompositionen des 20. Jahrhunderts. Seine Tonsprache ist stark von der tschechischen Sprechmelodie geprägt. Für sein Sextett "Mladi" (Jugend) ergänzte er das klassische Bläserquintett um eine Bassklarinette. Mit der solcherart abgedunkelten Ensemblefarbe, mal warm und mal düster, beschwor er am Ende seines Lebens noch einmal die ferne Jugend.

Dass sich voreilige Schlüsse verbieten, zeigt das kurze, heiter-geistreiche Quintett "Humoreske" von Alexander Zemlinsky, einem Vertreter der neuromantischen Moderne. Kind jüdischer Eltern, entkam er 1938 gerade noch den Nazis, indem er von Wien nach New York emigrierte. Den Verlust seiner Heimat hat er nicht verwunden; er wurde immer kränker und starb 1942. Die "Humoreske" ist eins seiner letzten Werke.


1. Kammerkonzert, 12.10., 11 Uhr, Laeiszhalle, Kleiner Saal.