Uraufführung: Leopold Hurts Musiktheater "Medea" im Forum

Aus der Tiefe der Zeit entstiegen

Leopold Hurt und Dominik Neuner erzählen die Geschichte der Medea neu, frei nach Christa Wolf.

Kaum ein Phänomen rührt so tief an menschliche Urängste wie das der mordenden Mutter. Die Frau, die die Mutterliebe verrät, die Leben erst schenkt und dann nimmt, hat schon die Antike beschäftigt. Im 5. vorchristlichen Jahrhundert schuf der griechische Dramatiker Euripides die Tragödie "Medea". Aus Liebe und mit Zauberkraft hat die Königstochter Medea dem Fremden Jason geholfen, von ihrem Vater das Goldene Vlies zu erlangen, und ist mit ihm ins ferne Korinth geflohen. Dort nun verlässt sie der Undankbare um einer Anderen willen. Die tief verletzte Medea tötet erst ihre Nebenbuhlerin und dann ihre und Jasons beiden Söhne.

"Aus der Tiefe der Zeit kommt sie - Medea - uns entgegen", zitiert der junge Komponist Leopold Hurt die Schriftstellerin Christa Wolf. Ihr Roman "Medea: Stimmen" von 1996 ist die Grundlage für Hurts Annäherung an die Figur. Am 15. Oktober wird Hurts Musiktheater "Medea" im Forum der Musikhochschule uraufgeführt, ein Stück für eine Sängerin, mehrere Schauspieler, Instrumentalensemble und Elektronik. Die Textfassung stammt vom Regisseur Dominik Neuner.

Ist Medea nun Heilerin, Liebende, Barbarin, Kindsmörderin? Ihr Mythos ist seit Euripides von den Bühnen der Welt nicht mehr wegzudenken. Der hat den Stoff allerdings erst zum Skandalon gemacht, in der Sage selbst kommt nämlich kein Kindsmord vor. Viel ist in die archetypische Geschichte hineingelesen worden; zahllose Autoren haben Medea immer haarsträubendere Eigenschaften beigelegt. Erst das 20. Jahrhundert deutete sie aus einem anderen Blickwinkel. Christa Wolf setzt ihre Geschichte in Bezug zur modernen Gesellschaft. Bei ihr bringt Medea ihre Kinder nicht um. Die Darstellung als Furie und böses Weib erklärt Wolf zur patriarchalischen Erfindung: Hier wird die Macht der Frau über das Leben schlechthin dämonisiert; Medea, die Zugereiste, verweigert sich den Sitten des moralisch korrumpierten Korinth. Überdies wird sie zur Gefahr für den korinthischen König Kreon, indem sie herausfindet, dass der seine eigene Tochter umbringen ließ.

Hurt und Neuner formieren die unterschiedlichen Stimmen und Perspektiven aus Wolfs Roman neu. Neuner umgibt den Bühnenraum mit Schleierwänden. Die verdichten sich mal, dann wieder geben sie den Blick auf die Zwischenräume frei: ein Wechselspiel von Licht und Schatten.

Leopold Hurt, Jahrgang 1979, schließt mit "Medea" sein Kompositionsstudium an der Hochschule bei Manfred Stahnke ab. Er hat zunächst Zither gelernt und dafür so ziemlich alles an Ehrungen erfahren, was der Markt für dieses Orchideeninstrument hergeben mag. Außerdem spielt er Gambe und Violone. Als Komponist setzt er elektronische Medien ein, verarbeitet aber auch Elemente der Volksmusik. Schon 2001 schrieb er sein erstes Auftragswerk, die Kammeroper "Anna Livia Plurabelle". Dieses Jahr hat er den "Annemarie und Hermann Rauhe Preis für Neue Kammermusik" und den "Gustav-Mahler-Kompositionspreis" bekommen.

Die Hochschule begleitet die Produktion fächerübergreifend in Forschung und Lehre. Unter der Leitung der Musikwissenschaftlerin Beatrix Borchard und der Literaturwissenschaftlerin Bettina Knauer spürt das Projekt der "Provokation Medea" nach und arbeitet das Profil einer selbstbewussten Außenseiterin heraus. So und nicht als rachedurstiges Weib schilderte schon Pier Paolo Pasolini 1969 in seinem Film "Medea" die Titelfigur. Verkörpert wurde Medea von Maria Callas - in einer reinen Sprechrolle.


Medea , 15. (Uraufführung), 16., 17., 18.10. je 20 Uhr; 19.10., 16 Uhr. Musikhochschule. Karten: Gerdes, T. 44 02 98 / 45 33 26.