Frédéric Chopin

Klavier-Poesie aus den Tiefen der Seele

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Frédéric Chopin. Stiller Star der Pariser Salons, passionierter Briefeschreiber und ewig kränkelnder Revolutionär der Piano-Kunst.

Hamburg. Kein Platz. Keine Chaussee, keine Straße, nicht mal - um mit Wolf Biermann zu sprechen - eine kleine Gasse. Frédéric Chopin, oder Fryderyk, ganz nach Belieben, kommt in Hamburg nicht vor. Nirgendwo hängt eine verwitterte Tafel neben einem Hauseingang mit einer Inschrift wie "Hier wohnte Frédéric Chopin im Sommer 1833 und schrieb drei Nocturnes."

Warum auch: Chopin war ja nie hier. Hamburg blieb auf seinen Reiserouten ein weißer Fleck. Der deutsche Süden lag ihm näher - Leipzig, Dresden, Stuttgart. Trotzdem: Anderswo in Deutschland, in Berlin, Düsseldorf und München, selbst in Weißensee, Zittau, Teltow oder Stahnsdorf, erwiesen die Stadtväter dem mit 39 Jahren verstorbenen Komponisten die Ehre des Fortlebens im Stadtplan und auf Straßenschildern. Immerhin hatte der in allem erfolgreichere Mitbewerber und Freund Franz Liszt diesen Chopin wenige Monate vor dem eigenen Tod 1886 "die Grazie und die Melancholie dieses Jahrhunderts" genannt. Die Freie und Hansestadt aber ist chopinfrei bis heute; Hamburger Liebhaber des polnisch-französischen Klaviergenies mögen stattdessen eine kleine Kaufmannsstraße der Altstadt durchwandeln und deren erste zwei Silben als plattdeutsche Verballhornung des Namens ihres Idols imaginieren - auf in den Schopenstehl!

Frédéric Chopin, der heute vor 200 Jahren, am 1. März 1810, in der Nähe von Warschau geboren wurde - in der Taufurkunde ist als Geburtstag der 22. Februar notiert -, war ein Mann des Adels und der Salons, und die hatten beide in Hamburg immer einen schlechten Stand. Vielleicht zeigten ihm Pfeffersack und Söhne deshalb die kalte Schulter. Mit einem feingeistig-rebellischen Fürstenprotégé aus Polen, der aus seiner Heimat über Umwege nach Paris ausgewandert war und sich von dort umso heftiger nach Warschau sehnte, ohne jedoch jemals ernsthafte Anstalten zu machen, dorthin zurückzukehren; mit einem Mann, der seinem Papa allzu lange auf der Tasche lag und der nichts konnte außer Klavier spielen und jungen Damen den Kopf verdrehen, hätte man in unserer schönen Kaufmannsstadt wenig anzufangen gewusst.

Und mit pianierenden höheren Töchtern hatte man es an der Elbe auch nicht so - was natürlich nicht heißen soll, dass nicht doch in mancher Villa an der Elbchaussee fleißig die Etüden, Préludes, Mazurken, Polonaisen oder Walzer des zartgliedrigen Komponisten geübt wurden. Und so ist es ja bis auf den heutigen Tag.

Hartnäckig hält sich der Irrglaube, Chopins Musik sei nur was für Mädchen und für Hasenherzen. Empfindsames Zeug, Piècen für die Ballettstunde, allzu leichte Kost, nach dem Motto: Wo einer wie Liszt mit bloßen Händen in Abgründen des Dämonischen wühlt, behält Chopin lieber seine weißen Handschuhe an und probiert ein paar Petits Fours. Das ist, bei aller Grazie chopinscher Klaviermusik, von der sich auch Liszt im Hinblick auf eigenes Komponieren anrühren ließ, ziemlich ungerecht. Leise dahinperlende Träumerei und aufbäumende Kraft, knochenbrecherische Läufe und feinste Klangnuancen, Akkordexplosionen und pure Melancholie finden sich bei ihm oft in ein und demselben Stück.

Zugegeben: Eine Komposition wie etwa die Mazurka gis-Moll op. 33 Nr. 1 böte die geeignete Klangfolie für eine Filmszene, in der ein Mädchen auf dem Lande mit bebendem Herzen seinen ersten Liebesbrief verfasst und anschließend mit Rosenwasser beduftet. Doch solche Zartheit hält Chopin nur ausnahmsweise von Anfang bis Ende durch. Selbst eine so lieblich kantabel beginnende Etüde wie die dritte E-Dur aus Opus 10 gewinnt in ihrem Mittelteil, nachdem die Musik ohnehin schon Fahrt aufgenommen hat, eine fast bedrohliche Qualität, ehe sie in weiche Trauer zurücksinkt. Einer seiner größten Hits, der "Trauermarsch" aus der Klaviersonate b-Moll op. 35, lässt nicht nur noble Tränen fließen, sondern gibt auch dem Aufheulen im Schmerz Laut. Und die federnde Wut, mit der etwa Vladimir Horowitz das Scherzo Nr. 2 b-Moll op. 31 aus den Tasten boxt, als wär's ein Faustkampf in Tönen, straft all jene Lügen, die Chopins mangelnde eigene pianistische Durchschlagskraft für eine Eigenschaft auch seiner Kompositionen halten.

"Das Klavier ist für mich der feste Boden, auf dem ich am aufrechtesten stehe", lautete Chopins eigene, etwas schiefe Metapher für die nahezu vollständige Ausschließlichkeit, mit der er sich seinem Instrument widmete. Sein zugleich hochvirtuoser und unvergleichlich poetischer Umgang mit den 88 Tasten verlangt von den Interpreten dieselbe Mischung an Qualitäten.

Wer nicht zaubern kann, hat bei Chopin ebenso verloren wie der, dem es auch nur das kleinste bisschen an Geläufigkeit mangelt. Tempo und Bravour dürfen wiederum von den kompositorischen Kostbarkeiten chopinscher Musik nicht ablenken.

Dass man über diese von Anfang an geteilter Meinung war, gehörte zum Gramfutter des scheuen Giganten. Alle fanden, er könne herrlich Klavier spielen, wenn auch zu leise. Die Musik selbst kam oft weniger gut weg. Der gallige Piano-Exzentriker Glenn Gould befand: "Meine Abneigung gegen Chopin wird nur noch durch meine Hypochondrie übertroffen." Musiker, die dummerweise andere Instrumente beherrschen als das Klavier, winken bei Chopin oft ab, vor allem Orchestermusiker. Was er ihnen hinterlassen hat - die Begleitung zu seinen beiden Klavierkonzerten -, beleidigt ihre Intelligenz und ihr Spielvermögen. Aufrecht stehen konnte Chopin auf dem Klavier allerdings am besten dann, wenn nicht allzu viele Leute zugegen waren. Zeitlebens von bösem Lampenfieber geplagt, hielt er sich mit öffentlichen Konzerten auffällig zurück. Er brauchte die Intimität kleiner Räume, um zur vollen Form aufzulaufen: "Ein Genie in der vollen Bedeutung des Wortes", schwärmte ungewohnt unspöttisch Heinrich Heine, mit dem sich Chopin in Paris befreundet hatte. "Er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet; er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen; nichts gleicht dem Genuss, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist dann weder Pole noch Franzose noch Deutscher ... sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie."

Die Liebe seines Lebens blieb Polen - nicht Frankreich, auch nicht die Zigarre rauchende, Anzug tragende, ihm nach der ersten Begegnung im Herbst 1836 zutiefst unsympathische Emanze und Dichterin George Sand, mit der er zwölf Jahre seines Lebens teilte, in einer Art Josefsehe ohne Trauschein. "Er wirft mir vor, ihn umzubringen, indem ich mich ihm versage, obwohl ich ihn mit Sicherheit umbringen würde, wenn ich anders handelte", schreibt George Sand über das nicht existente Liebesleben mit ihrem ewig kränkelnden "Kleinen". Am 17. Oktober 1849 starb Chopin. Auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris liegen seine Gebeine, das Grab wird täglich mit frischen Blumen geschmückt. Chopins Herz brachte seine Schwester zurück nach Polen - eingelegt in französischen Cognac.