Schule Hamburg

Schummeln wie Guttenberg heißt "Note Sechs"

Foto: picture alliance / dpa Themendie / picture alliance

Knallharte Regel: Schüler, die wie Guttenberg Textpassagen kopieren, müssen mit einer sehr schlechten Benotung rechnen.

Hamburg. Sie hatte keine Lust, unnötig viel Zeit in die Arbeit für das Lesetagebuch zu stecken. Also gab Mia (Name geändert) bei der Internetsuchmaschine Google die Stichwörter "Romeo", "Julia" und "summary" ein und freute sich, dass sie sofort auf eine Seite stieß, die jeweils eine perfekt formulierte Inhaltsangabe zu jedem einzelnen Akt des Shakespeare-Klassikers anbot. Wortwörtlich schrieb die Schülerin die benötigten Passagen ab.

Eine Woche später erhielt die 14-jährige Gymnasiastin aus Poppenbüttel das Lesetagebuch korrigiert zurück. Das Urteil der Lehrerin war eindeutig: "Use your own words", Note "Sechs". Das sind null Punkte und entspricht einer nicht erbrachten Leistung. Damit hatte Mia sich die Aussicht, das Schuljahr mit der Note "sehr gut" in Englisch abzuschließen, vermasselt.

Während Deutschland immer noch diskutiert, ob Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner Doktorarbeit nur schlampig gearbeitet hat oder ob er es sich - wie Mia - leicht gemacht und fremdes Gedankengut als sein eigenes verkauft hat, gilt für Hamburger Schüler eine knallharte Regel: Fliegt das Schummeln auf, gibt es keine Gnade. "Wenn Schüler abschreiben, dann ist das eine Täuschung. Die Leistung gilt dann als nicht erbracht, die Prüfung oder die Hausarbeit als nicht bestanden", sagt Jan Bruns, Sprecher der Schulbehörde. So stehe es in den allgemeinen Prüfungsordnungen für die allgemeinbildenden Schulen in Hamburg. "Mit gutem Grund", sagt Angelika Blütener, Leiterin des Helene-Lange-Gymnasiums in Harvestehude. "Abschreiben, wo auch immer, ist Diebstahl, und das wissen unsere Schüler. Sie lernen schon in der fünften Klasse, was Copyright und Urheberrecht bedeuten." Fürs Kopieren von geistigem Eigentum gebe es keine Entschuldigung, und die Schüler müssten die Konsequenz ihres Handelns erfahren. Dennoch erhalten am Helene-Lange-Gymnasium "Ersttäuscher" die Chance, ihren Fehler wiedergutzumachen. Sie dürfen eine eigenständig und korrekt erarbeitete Arbeit nachreichen.

Für Oberstufenschüler kann das Abkupfern bei Hausarbeiten allerdings sehr riskant werden. "Niemand, der über gesunden Menschenverstand verfügt, macht so was in der Oberstufe", sagt Abiturientin Jana, 19. "Wenn das rauskommt, wird das als Betrug gewertet. Die Arbeit wird nicht benotet, und das schlägt sich dann empfindlich auf den Abi-Durchschnitt nieder oder gefährdet vielleicht sogar das Abitur", sagt die Stadtteilschülerin aus Altona. Zudem habe wirklich jeder ihrer Mitschüler gelernt, dass sich Abschreiben nicht gehört. "Mein kleiner Bruder ist zehn Jahre alt. Der lernt schon, wie zitiert wird. In der 10. Klasse wissen alle Schüler, wie und wann sie Fußnoten setzen müssen." In ihre Facharbeit, eine 15 Seiten umfassende schriftliche Hausarbeit, habe sie mehr als 100 Fußnoten eingefügt.

Die Lehrer an den weiterführenden Schulen begutachten Hausaufgaben, Referate und Präsentationen inzwischen sehr genau, gleichen Inhalte gerne per Google-Suche mit Texten im Netz ab. "Vor allem wenn die Gedanken besonders stilsicher formuliert sind, werden wir aufmerksam", sagt Carsten Frömchen, Lehrer an der Stadtteilschule Kirchdorf. Inzwischen gebe es Internet-Tools für Pädagogen, mit deren Hilfe sich Originaltexte im Internet schneller aufspüren ließen. Es gilt: Der Lehrer muss die Arbeiten aufmerksam lesen und sich - bei Verdacht - die Mühe machen, Textpassagen abzugleichen. Übrigens auch bei Klausuren, die in der Schule geschrieben werden.

Das Smartphone, unauffällig neben den Schreibblock auf den Tisch gelegt, fällt noch den wenigsten Lehrern auf. "Die denken, das sei ein Handy, und wissen teils gar nicht, was sich damit alles anstellen lässt", sagt Simone, 19, Abiturientin aus Lokstedt. In ihrer Klasse habe der Lehrer einen Mitschüler, der sich während der Klausur per iPhone mal eben schlaumachte, aufgefordert, "den Taschenrechner" auszuschalten. Am Helene-Lange-Gymnasium hat die Schulkonferenz deshalb jetzt beschlossen: Smartphones bleiben grundsätzlich ausgeschaltet und in der Tasche. Abkupfern aus dem Internet soll so unmöglich sein.