Schule

Das Turbo-Abi: die verkürzte Kindheit

Der Lernstoff seit Einführung von G8 der gleiche. Wie sieht der Alltag der Schüler jetzt aus? Wie organisieren sich die Schulen?

Raum 13b des Oberstufenhauses am Johannes-Brahms-Gymnasium: Es herrscht konzentrierte Stille. Mara Prüß sitzt rechts am Fenster. Vor ihr liegen einige Fotokopien, Kurzprosa von Franz Kafka. Keine leichte Kost für die Elftklässler. Sie sollen die Texte lesen, dann in Kleingruppen zusammenfassen. Mara beugt sich über ihren Kafka, in der Hand hält sie einen gelben Textmarker. Es ist kurz nach 13 Uhr, gleich wird die Schulglocke die Doppelstunde Deutsch beenden. Im Mathematikunterricht hat Mara zuvor schon Wahrscheinlichkeiten berechnet. Und es dauert noch viereinhalb Stunden, bis die 17-Jährige um 17.30 Uhr ihren Schultag beenden wird. Dabei ist Mittwoch noch der beste Tag in der Woche, sagt sie. "Nachmittags habe ich Kunst und Theater. Das ist nicht so stressig."

Mara ist eine von 54.000 Gymnasiasten in Hamburg, die die Oberstufe im Zuge der Schulzeitverkürzung in acht Jahren bewältigen müssen. Seit einiger Zeit ist G8, wie die Reform kurz genannt wird, wieder in der Diskussion. Viele Eltern und Schüler beklagen die große Belastung für die Kinder, weil der Lernstoff kurzerhand in acht anstatt wie früher in neun Jahren gepackt wurde. Bildungspolitiker und Forscher stellen den Sinn der Reform infrage, die vor zehn Jahren für mehr Leistungsorientierung und jüngere Schulabgänger sorgen sollte. Das Abendblatt hat zwei Gymnasiasten begleitet, um ein Bild davon zu zeichnen, wie der Schulalltag im Zeichen von G8 tatsächlich aussieht - und wie er erlebt wird.

Mara hat das Profil "System Erde" belegt, mit Schwerpunkt in Geografie und Biologie. Dazu kommen Deutsch, Mathe und Englisch mit je vier Stunden und sieben zweistündige Fächer. Insgesamt hat sie 34 Schulstunden in der Woche und liegt damit voll im Plan für das zweite Semester der Profiloberstufe. Rechnet man Hausaufgaben und Klausurenvorbereitung dazu, kommt die Oberstufenschülerin auf eine 40-Stunden-Woche - wenn sie Glück hat. Oft ist es auch mehr. Klar, dass sie häufig auch am Wochenende arbeitet. "Für Geo und Mathe muss ich am meisten tun", sagt sie. Im letzten Halbjahr sei es zeitweilig schon ganz schön viel gewesen. Vor allem kurz vor Weihnachten - einer Zeit, in der sich die Klausurtermine ballten. "Im März wird es wieder so laufen", ahnt sie.

In ihrem Deutschkurs an dem Bramfelder Gymnasium steht Lehrerin Mirjam Seils inzwischen vor dem Smartboard, nebendran läuft ein Computer. Als Hausaufgabe sollen die Schüler sich mit Kafkas Lebensweg beschäftigen und eine Parabel biografisch deuten. "Es ist ein bisschen mehr, weil die nächsten beiden Doppelstunden ausfallen", sagt Seils, bevor die Schüler in die Mittagspause strömen. Am JBG, wie das Gymnasium genannt wird, gibt es eine Kantine. Mara und ihre Freundin Carlotta sitzen am Rand und essen mitgebrachte Stullen. 30 Minuten Pause, bis der Nachmittagsunterricht beginnt.

Im Hinblick auf die Leistungen der Schüler hat sich die kürzere Gymnasialzeit keineswegs negativ ausgewirkt - im Gegenteil. Die G8-Schüler scheinen gelernt zu haben, sehr effizient und zielstrebig auch große Stoffmengen zu bewältigen. Die Längsschnittstudie "Kess12" (Kompetenzen und Einstellungen von Schülerinnen und Schülern) ergab vor Kurzem sogar, dass die Turbo-Abiturienten leistungsmäßig im Vergleich zu früheren Jahrgängen, die noch 13 Jahre zur Schule gehen mussten, die Nase vorn haben. Vor allem in Englisch, Mathematik und den Naturwissenschaften schnitten die G8-Schüler etwas besser ab. "G8 hat die Leistungen der Leistungsspitze in Hamburg eindeutig verbessert", lautete bei der Vorstellung der Studie das Fazit von Schulsenator Ties Rabe (SPD).

Auch Mara ist ehrgeizig, sie will im nächsten Jahr ein gutes Abitur machen. Im letzten Zeugnis lag ihr Notenschnitt bei 2,2. "Dafür muss ich aber schon was tun", sagt sie. Und es soll noch besser werden. Ihr Ziel ist 1,8, sie will studieren, vermutlich Bauingenieurwesen. Wenn man Mara fragt, ob sie die Schule anstrengend findet, überlegt sie einen Moment. "Die Mittelstufe fand ich schlimmer", sagt sie, "weil wir so viele Fächer hatten." Damals hat sie auch aufgehört, Volleyball im Verein zu spielen. "Eigentlich war es ein guter Ausgleich, aber ich habe es nicht mehr geschafft mit Training und Wettkämpfen." Stattdessen geht sie nun einmal in die Woche ins Sportstudio.

"Die größte Baustelle ist die Mittelstufe", sagt auch Corinne Geppert von der Vereinigung der Elternratsvorsitzenden Hamburger Gymnasien. Sie moniert, dass die 265 Pflichtstunden bis zum Abitur zwar stundenmäßig auf die Jahrgänge 7 bis 12 umgelegt wurden, der Stoff aber letztlich zwischen der 7. und 10. Klasse vermittelt werde - ein Problem, das auch Rabe erkannt hat. Aus seiner Sicht gibt es vor allem in der 7. und 8. Klasse Handlungsbedarf.

Das kann der 14-jährige Jasper bestätigen. Wenn sich der Schüler etwas wünschen dürfte, wäre es, dass der Tag zwei Stunden mehr hätte. Dann könnte er Schule, Hobbys und das Bedürfnis nach freier Zeit besser miteinander vereinbaren. Das Leben des Gymnasiasten ist weitgehend durchgeplant.

Von 8 bis 15 Uhr besucht er die achte Klasse am Wilhelm-Gymnasium in Harvestehude, dienstags sogar bis 16.30 Uhr, weil er in der Bigband der Schule spielt. Am Montagnachmittag geht er zum Cellounterricht, donnerstags und freitags spielt er Basketball beim ETV, am Freitag kommt noch Schlagzeugunterricht dazu. Unverplante Zeit zum Freunde treffen oder einfach mal rumhängen hat er nur am Wochenende und mittwochnachmittags. Allein 34 bis 35 Wochenstunden verbringt er an der Schule. Heute steht nach einer Doppelstunde Biologie am Morgen, nach dem Fach PGW (Politik, Gesellschaft, Wirtschaft), Sportunterricht und einer Mittagspause am Ende des Schultags noch eine Dreiviertelstunde Deutsch auf dem Stundenplan. Eine Arbeitswoche wie bei einem Angestellten.

Wenn Jasper von seinem Leben erzählt, erweckt er allerdings nicht den Eindruck, als überfordere ihn sein Terminkalender. Vielleicht liegt es daran, dass er ein guter Schüler ist, der sich nicht besonders anstrengen muss. Außerdem ist Schule für ihn mehr als nur ein Lernort. "Hier treffe ich meine Freunde", sagt er. In den kleineren Pausen und in der großen Mittagspause, die 50 Minuten dauert und die er häufig mit seinen Kumpels außerhalb der Schule beim Mittagessen beim Asiaten verbringt, bleibe ihm genügend Zeit zum Spaß haben. Sein bester Freund geht in dieselbe Klasse. "Ich möchte trotz der Schule keines meiner Hobbys aufgeben, auch wenn es anstrengend ist", sagt Jasper. Cello beispielsweise spielt er, seit er vier Jahre alt ist. Damit nun aufzuhören, findet er, "wäre wirklich blöd".

Hausaufgaben macht der Schüler jeden zweiten Tag. "Das dauert dann jeweils 20 bis 30 Minuten. Unsere Lehrer geben meistens nicht so viel auf und nicht von einem Tag auf den nächsten." Das ist auch so gewollt. Die Lehrer seien mit Einführung von G8 angehalten, genau zu schauen, ob eine Hausaufgabe wirklich notwendig ist oder nicht, erklärt der neue Schulleiter am Wilhelm-Gymnasium, Martin Richter. Viele Schulen hätten sich umgestellt - allerdings noch nicht alle, wie Schulsenator Rabe moniert. Für ihn ist dies einer der Ansatzpunkte, um die Belastung an den Gymnasien zu senken.

Das Wilhelm-Gymnasium hat im Laufe der Jahre experimentiert und dazugelernt. Am Anfang wurde der Unterricht auf zwei sehr lange und drei kürzere Tage aufgeteilt. Vor vier Jahren ist die Schule dazu übergegangen, die Tage in einigen Jahrgängen einheitlich um 15 Uhr enden zu lassen. Dafür gibt es mehr Übungsphasen und weniger Fächer pro Tag, da der Unterricht in Doppelstunden organisiert ist.

Jasper weiß, dass es manchen Mitschülern schwerer fällt, mit der Stofffülle klarzukommen als ihm, und dass sie viel mehr Energie in die Schule stecken müssen. Die schwächeren Mitschüler bekommen Nachhilfe. Hobbys fielen dann häufig weg. Er hingegen schaue sich den Stoff am Abend vor den Klassenarbeiten noch einmal kurz an, das genüge. In den kommenden Monaten wird die Zeit besonders knapp werden für die Vielzahl der "Lernstandskontrollen", wie es bürokratisch heißt - so knapp wie seit 15 Jahren nicht mehr, so Schulleiter Richter. Das liegt daran, dass das Halbjahr außerordentlich kurz ist, weil die Sommerferien besonders früh - am 20. Juni - beginnen. Ende Februar, Anfang März muss Jasper die ersten Arbeiten schreiben. Bei 13 Fächern gibt es bis zu 16 schriftliche Arbeiten, hinzukommen Tests. Am Freitagnachmittag merkt Jasper nun doch die Anstrengungen der Woche. "Die anderen haben Wochenende, und ich gehe noch zum Basketball und Schlagzeugunterricht. Ich bin dann schon fertig", sagt er. "Aber es fühlt sich am Ende des Tages auch gut an."

Viele Gymnasialleiter sind wie die von Mara und Jasper gegen eine Rückkehr zu G9. Christoph Preidt vom Johannes-Brahms-Gymnasium kennt die Probleme der Schüler. "Grundsätzlich meine ich aber, dass G8 machbar ist", sagt er. Viele Gymnasiasten kämen gut klar, andere seien sehr belastet durch die langen Arbeitstage. "Die Reform ist sehr schnell eingeführt worden, und die innerschulische Ausstattung hinkt manchmal noch hinterher." Trotzdem wäre ein Zurück zum neunjährigen Abitur aus seiner Sicht nicht der richtige Weg. "Wir brauchen jetzt Ruhe, damit wir uns endlich wieder auf den Unterricht konzentrieren können." Auch Martin Richter vom Wilhelm-Gymnasium ist von G8 überzeugt, selbst wenn das nicht von Anfang an der Fall war, wie er zugibt. "Es ist uns gelungen, das System genauso menschlich zu machen, wie es vorher war", sagt er. Eine Rückkehr zu G9 halte er für eine gefährliche Diskussion, weil sie zehn Jahre Unruhe an den Schulen mit sich brächte. "Wir müssen uns auf die Baustellen konzentrieren, die es noch gibt, und den Blick auf das Kind richten", glaubt Richter. Elternvertreterin Corinne Geppert hingegen meint: "G8 verändert den Charakter der Bildung." Kompetenzen würden wichtiger als Wissen. Vertiefungsphasen und Wiederholungen fielen weg. Die Schüler lernten Zeiteffizienz und Zielgenauigkeit. "Aber wo bleibt Zeit und gedankliche Muße für politisches Engagement und Rebellentum?", fragt sie.

Mara jedenfalls hat neben Schule, ihrem Schülerjob am Sonnabend, dem Fitnessstudio und - ab und zu - Treffen mit Freunden kaum Muße. Soziales oder politisches Engagement? Die 17-Jährige schüttelt den Kopf. "Das würde mich schon interessieren", sagt sie. "Aber ich bin froh, wenn ich nicht noch mehr Aufgaben aufgebrummt bekomme." Umweltverbände und politische Jugendorganisationen, Musikschulen und Sportvereine spüren in der Tat die Auswirkungen der Schulzeitverkürzung. "Wir bemerken, dass die hohe schulische Belastung dazu führt, dass sich weniger Jugendliche engagieren", sagt Lise Känner, Sprecherin der Grünen Jugend in Hamburg. Diejenigen, die viel für die Schule arbeiten müssten, schafften es kaum, zu wöchentlichen Treffen zu kommen, ganz zu schweigen von Wochenendterminen. Auch die Sportvereine registrieren die Veränderungen. "Wir stellen fest, dass die Kinder weniger Zeit haben", sagt Kathrin Friedrich vom Eimsbütteler Turnverein. Folglich beginnen die Kurse für Jugendliche nicht vor 16 Uhr, weil sonst keiner kommt. Auch die Kirchengemeinden haben angesichts von G8 eigens neue Konzepte für den Konfirmationsunterricht entwickelt und bieten statt wöchentlicher Treffen mehr Projekttage und Wochenendaktionen.

Den Umweltschutzverbänden fehlt der Nachwuchs für die Jugendarbeit. "Die Schüler haben durch den längeren Schultag und die Stoffverdichtung weniger Zeit, vor allem natürlich in der Woche am Nachmittag", sagt Heinz Peper vom Naturschutz Bund Deutschland (Nabu) in Hamburg. Angebote verschöben sich in Richtung Abend und Wochenende, wobei auch dann verstärkt für die Schule gelernt werden müsse. Ähnliche Schwierigkeiten hat auch die Staatliche Jugendmusikschule. Die Musikschüler hätten weniger Zeit zum Üben, weil die Anforderungen an den Schulen gestiegen seien. Die Jugendmusikschule hat ihr Angebot ebenfalls angepasst, die Zahl der Schüler ist etwa gleich geblieben. Nachdem im Zuge von G8 zunächst weniger Gymnasiasten ins Ausland gegangen waren, ist auch ihre Zahl wieder auf den Stand von früher gewachsen. Derzeit sind 443 Hamburger Schüler für ein Jahr im Ausland, 2008 waren es nur 260.

Allerdings: Schneller in Ausbildung und Beruf drängen die Abiturienten nach dem Abschluss bisher kaum, auch wenn dies eines der wesentlichen Ziele der Reform war. Die Beobachtung zeigt, dass sich viele Gymnasiasten nach dem Stress der verdichteten Schulzeit erst einmal Zeit nehmen, um auszuspannen, Auslandserfahrung zu sammeln, sich sozial zu engagieren oder berufliche Orientierung zu finden.

Zahlen dazu gibt es nicht. Die Universität Hamburg hat aber bisher nicht beobachtet, dass ein großer Schwung deutlich jüngerer Studienanfänger in die Seminare drängt. Derzeit gibt es nur rund 30 Studierende, die minderjährig sind - meist also 17-Jährige. "Wir stellen fest, dass viele Schulabsolventen nicht direkt an die Universität kommen, wissen aber nicht, was sie vor der Aufnahme des Studiums gemacht haben", sagt Christiane Kuhrt, die Pressereferentin des Universitätspräsidenten Dieter Lenzen.

Das Durchschnittsalter der Studienanfänger ist jedenfalls nicht zurückgegangen. Es liegt seit dem Wintersemester 2006 praktisch konstant bei 22 Jahren, so auch im Wintersemester 2012/13. Nur 2009 waren die Anfänger im Schnitt 23 Jahre alt. Das Niedersächsische Institut für Wirtschaftsforschung (NIW) hat - allerdings basierend auf Zahlen aus Sachsen-Anhalt - festgestellt, dass die G8-Abiturienten in den ersten beiden Jahren nach ihrem Abschluss seltener ein Studium aufnehmen als die G9-Schüler. Das Minus betrage im ersten Jahr etwa zehn Prozentpunkte, im zweiten immerhin noch sechs.

Draußen ist es dunkel geworden, Maras Schultag ist zu Ende. Auch wenn sie eine gute Schülerin ist: Unterm Strich hätte sie lieber das neunjährige Abitur gemacht wie ihr älterer Bruder. "Der hatte viel mehr Zeit", sagt sie. "Ich bin wie im Tunnel." Dass sie dann ein Jahr später mit der Schule fertig wäre, würde sie nicht stören. Mara will nach dem Abitur ohnehin erst einmal eine Pause vom Lernen machen. "Im Moment kann ich mir ein freiwilliges soziales Jahr vorstellen."