Volkspetition soll G9 durchsetzen

Schulsenator Ties Rabe will dagegen Erleichterungen schaffen, ohne die Schulzeit zu verlängern

Hamburg . Unter den Bildungspolitikern der Hansestadt herrscht weitgehende Einigkeit darüber, dass der derzeitige Alltag an den Gymnasien im Zeichen von G8 nicht zufriedenstellen kann, weil er für die Schüler viel Stress und wenig Zeit für Freunde, Musik und Sport bedeutet. Schulsenator Ties Rabe (SPD) hat sich im Abendblatt-Interview ausdrücklich von der gut zehn Jahre alten Reform distanziert und erklärt, sie sei "viel zu schnell und überstürzt eingeführt worden". Selbst der frühere Bürgermeister Ole von Beust (CDU), in dessen Regierungszeit die Schulzeit einst verkürzt wurde, bezeichnete G8 kürzlich als falsch - zumindest in dieser Form. Er glaube heute, dass die strikte Reduktion der Schulzeit manche Schüler überfordere, so Beust.

Die Frage ist aber, was aus dieser Kritik heute folgt - und das ist äußerst umstritten. Für Mareile Kirsch aus Othmarschen ist die Antwort klar. Ihre Initiative "G9 jetzt!" kämpft derzeit mit einer Volkspetition für die Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit. In den vergangenen Wochen hat sie 5324 Unterschriften gesammelt und will damit Druck auf Ties Rabe und seinen Senat ausüben. Derzeit werden Stimmzettel und Flyer entwickelt, mit denen die Initiative auch auf der Straße um Unterstützung werben will. Es gibt Überlegungen für eine Demonstration. Ob eine formale Volksinitiative angemeldet wird als erste Stufe der Volksgesetzgebung, die dann innerhalb von sechs Monaten 10.000 Unterschriften zusammentragen müsste, steht dahin.

Eine Rückkehr zu G9 hätte allerdings erhebliche Nachteile, glaubt Schulsenator Rabe und warnt vor einer jahrelangen Reformbaustelle und "Chaos an den Schulen". Stundenpläne, Bildungspläne, Baupläne, Raumpläne, Ausbildungs- und Prüfungsverordnungen und Stellenpläne - die gesamte Mechanik der Gymnasien müsste im Falle einer Reform der Reform geändert werden, glaubt der SPD-Politiker. Wer das wolle, zettele einen großen Schulstreit an, der Politik, Verbände, Öffentlichkeit, Lehrer, Eltern und Schüler jahrelang in Atem halten werde. Folgen hätte eine Rückkehr zu G9 auch für die Stadtteilschulen, an denen die Schüler schon jetzt neun Jahre Zeit bis zum Abitur haben. Mit diesem Angebot hoffen die Schulen, auch leistungsstarke Schüler anzuziehen, denen nur der Stress an den Gymnasien zu hoch ist. Eine möglichst große Anzahl leistungsstarker Schüler aber ist entscheidend, um diese zweite Säule des Schulsystems zu einer echten Alternative zu machen.

Statt einer Rückkehr zu G9 will Rabe einen dritten Weg gehen, um die Klagen von Eltern und Schülern aufzugreifen: Er möchte den Umfang von Hausaufgaben an den Gymnasien überprüfen, die Ballung von Klausuren in bestimmten Wochen vermeiden und mehr Doppelstunden statt Einzelstunden einführen, um die Belastungen für die Schüler abzufedern. Derzeit führt Rabe dazu Gespräche mit Schulleitern und Elternvertretern. Danach sollen konkrete Maßnahmen vorgestellt werden. Es komme darauf an, für alle Schulen klare und verbindliche Vereinbarungen zu formulieren und deren Einhaltung konsequent sicherzustellen, heißt es aus der Behörde.

Zumindest im Grundsatz weiß Rabe bei diesem Vorstoß auch die CDU an seiner Seite, die eine weitere "Entrümpelung" der Bildungspläne und eine bessere Organisation des Schulalltags fordert, um die Kritik der G8-Gegner aufzugreifen. Von einer Rückkehr zur längeren Schulzeit hält die CDU nichts - wenn man einmal von ihrem Fraktionsmitglied Walter Scheuerl absieht.