Große Mehrheit will Turbo-Abitur abschaffen

66 Prozent der Hamburger für längere Schulzeit. Bürgermeister Scholz dagegen

Hamburg. Es ist ein Paukenschlag für Hamburgs Bildungspolitiker: Gut zehn Jahre nach der Verkürzung der Schulzeit an den Gymnasien der Hansestadt auf acht Jahre ist eine große Mehrheit der Hamburger für eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium. In einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts GESS Phone & Field im Auftrag des Abendblatts sprechen sich 66 Prozent der Befragten dafür aus, dass die Reform zurückgenommen und das Abitur künftig wieder nach neun statt wie bisher nach acht Jahren abgelegt wird. Nur 24 Prozent der Bürger möchten G8, wie die verkürzte Schulzeit genannt wird, beibehalten. Würde die Politik dem Wunsch der Bürger folgen, müsste das Schulsystem in Hamburg erneut umgebaut werden.

Das klare Votum der Bürger steht in scharfem Gegensatz zu dem, wofür die Schulpolitiker der meisten Parteien in Hamburg eintreten. Schulsenator Ties Rabe (SPD) lehnt eine Abkehr vom 2002 eingeführten Turbo-Abitur ab und verweist darauf, dass es mit dem achtjährigen Gymnasium und der neunjährigen Stadtteilschule bereits beide Alternativen in Hamburg gebe. Rabe warnt zudem vor einem "Chaos an den Schulen", weil im Falle einer Reform der Reform die gesamte Organisation der Gymnasien wieder verändert werden müsse. Auch von oberster Stelle gibt es eine Absage: Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) sagt in einem Interview mit der "Welt am Sonntag": "Es wäre nicht klug, die Schulen schon wieder zu einer Reform zu zwingen. Auch wenn eine Verlängerung vielleicht sinnvoll sein kann, so wäre es doch eine sehr große organisatorische Herausforderung, G9 neben G8 einzuführen. Es würde neuen Stress für alle bedeuten." Er habe vor drei Jahren mit dafür gesorgt, dass ein zehnjähriger Schulfrieden ausgerufen wurde. "Dabei sollten wir es belassen", so Scholz.

Auch die CDU wendet sich gegen eine Rückkehr zu G9. "Schluss mit den ständigen Schulstrukturdebatten, darauf hatten sich doch mittlerweile alle geeinigt", sagte CDU-Fraktionschef Dietrich Wersich dem Abendblatt. "Wir müssen endlich Ruhe an den Schulen haben, die Qualität des Unterrichts in den Blick nehmen und der Senat sein Chaos beim Schulbau beenden. Auf einer neuen Schulstrukturdiskussion liegt kein Segen."

Wasser auf die Mühlen dürfte das Umfrageergebnis hingegen für die Initiative "G9 jetzt!" um die Journalistin und zweifache Mutter Mareile Kirsch aus Othmarschen sein. Sie sammelt seit Wochen Unterschriften für eine Petition, um Druck auf die Politik auszuüben und eine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium zu bewirken. Bis Freitag hatten 5324 Hamburger die Petition unterschrieben. Unterstützt wird ihre Position von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Viele Schüler litten unter den Belastungen von bis zu 34 Wochenstunden. Auch der Vorstand der Schülerkammer spricht sich für eine Verlängerung der Schulzeit an Gymnasien aus.

Besonders groß ist der Wunsch nach Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium laut Umfrage bei Hamburgern, die schulpflichtige Kinder haben. 72 Prozent von ihnen sprechen sich für G9 aus. Und: Eine deutliche Mehrheit für die Forderung gibt es bei den Anhängern aller Bürgerschaftsparteien. Am ausgeprägtesten ist sie bei Grünen-Anhängern (68 Prozent), am schwächsten bei Parteigängern der FDP (58 Prozent). Auch 67 Prozent der SPD-Anhänger wollen eine Rückkehr zu G9.